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Blindgänger in Laos:Wie "Feuerwerker" nach Blindgängern suchen

"Laos ist exemplarisch, was Kriegshinterlassenschaften verursachen können", sagt der Freisinger Politikwissenschaftler Andreas Hofmann, der seit drei Jahren in Laos lebt und über Tourismus und Bomben promoviert. "Jedes Jahr, jeden Monat", passierten Unfälle, das Schlimmste sei die Ungewissheit. "Du weißt nicht wo sie liegen, wie tief sie liegen, ob sie noch funktionieren oder nicht." Viele Männer stoßen beim Umgraben des Gartens auf Kriegsmaterial oder bei der Feldarbeit. Frauen trifft es, wenn sie auf offenem Feuer kochen und die Wärme eine im Boden vergrabene Bombe aktiviert. Dass die Geschosse so ähnlich wie Früchte aussehen und Kinder zum Spielen und Werfen animieren, macht es nicht einfacher.

Das schwere Erbe wird die Laoten wohl noch lange begleiten - obwohl man versucht, die Kriegsreste zu beseitigen. Circa 20 auf Bombenräumung spezialisierte Organisationen sind in Laos aktiv. "Feuerwerker" heißen diese Spezialisten, zu Fünft ziehen sie los, wenn ein Bauer eine Sprengladung entdeckt und Alarm geschlagen hat. Das verdächtige Feld teilen die Suchtrupps in Abschnitte von 25 auf 25 Meter ein, jeder startet auf seinem Quadrat rechts unten, dann arbeiten sie sich synchron vor - damit der Abstand zum Nachbarn im Falle eines Unfalls maximal groß ist. Zwischen einer und fünf Stunden brauchen sie für ein solches Planquadrat, die Hitze von oft über 40 Grad zwingt sie zu vielen Pausen.

Arbeit für Tausende Jahre

Spezialisten wie Karl-Heinz Werther koordinieren die Suchtrupps. "Wenn die Helfer ein Signal im Detektor bekommen, graben sie sich langsam heran und legen die Ladung frei", sagt der Bombenspezialist. Werther hat 18 Jahre lang auf dem Balkan und in Indochina Tausende Landminen und Clusterbomben vernichtet. Je älter die Ladungen, umso gefährlicher wird es. "Die Zünder werden mit der Zeit immer empfindlicher", sagt Werther. Anders als Antipersonen-Landminen folgen Streubomben zudem keinem Verlegeschema, das man mit der Zeit erkenne. Am Ende des Tages platzieren die Feuerwerker dann kleine TNT-Ladungen neben die freigelegten Blindgänger. "Und dann wird gezündet", sagt Werther. Seit 1994 haben Helfer wie er auf diese Weise wohl eine halbe Million Streubomben in Laos gesprengt. Eine halbe Million von insgesamt 80 Millionen. Ginge es in diesem Tempo weiter, man wäre im Jahr 5194 fertig.

Bis heute ist die Bombardierung von Laos ein dunkler Fleck in der US-Geschichte. Es ist verrückt, dass ein Staat mit weniger als sieben Millionen Einwohnern der am stärksten bombardierte der Welt ist. Wo im kollektiven Gedächtnis doch vor allem der Vietnamkrieg haften geblieben ist, dessen Ende sich diesen April zum 40. Mal jährt. Doch während die Welt nach Vietnam blickte, tobte im Nachbarland Laos ein geheimer Krieg. Im Süden bombardierten US-Kampfpiloten den Ho-Chi-Minh-Pfad, versteckte Wege in bergigem Gebiet, über die nordvietnamesische Kämpfer Nachschub Richtung Saigon schleusten. Im Norden, auf der Ebene der Tonkrüge, bekämpften die Amerikaner die Führer der "Pathet Lao", der kommunistischen Bewegung von Laos. Der US-Kongress erfuhr jahrelang nichts davon. Dabei sind die Spuren dieses Luftkriegs schon beim Anflug auf den Provinzflughafen Xieng Khouang unübersehbar. Die Landschaft sieht aus, als hätten die Pocken sie heimgesucht und überall kleine Krater hinterlassen.

Darunter gibt es kilometerlange Karsthöhlen, einige davon voller medizinischer Geräte, Schmerzmittel und Verbände. Jahrelang lebten die Kämpfer in den Höhlen, behandelten dort Verletzte, kochten Mahlzeiten, unterrichteten ihre Kinder im Halbdunkel. Auch die provisorische kommunistische Regierung tagte unterirdisch. Wenn die Piloten Pause machten, eilten die Bewohner rasch nach draußen um ihre Toten zu begraben - die vielen improvisierten Friedhöfe schimmern hell auf den Hügeln gegen das satte Gelb der Hochebene.