TTIP-Verhandlungen:Europa ist schon lange nicht mehr frei von Gentechnik

TTIP-Verhandlungen: Proteste gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP.

Proteste gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP.

(Foto: AFP)

Die USA wollen mit TTIP den Verkauf gentechnisch veränderter Produkte in der EU erleichtern. Gegner dieser Pläne fordern ein Europa ohne Gentechnik. Sie kommen zu spät.

Von Marlene Weiß

Wenn die Deutschen selbst darüber bestimmen könnten, wie viel Gentechnik in ihrer Lebensmittelproduktion stecken darf - die Sache wäre eindeutig. Das zeigt zum Beispiel die Naturbewusstseins-Studie 2015 des Bundesamts für Naturschutz: 76 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen der Umwelt schadet; 79 Prozent finden, dass Tiere nicht damit gefüttert werden sollten. Und als jüngst die Verhandlungsunterlagen zum TTIP-Abkommen öffentlich wurden, war auch das Thema Gentechnik für viele ein Grund, sich aufzuregen. Schließlich zeigen die Papiere, dass die US-Seite viele Produktverbote der Europäer grundsätzlich infrage stellt. Aber auch wenn gentechnisch veränderte Lebensmittel in Europa selten sind: Zum Produktionsalltag gehört die Gentechnik auch hier schon längst.

Anbau

Der umstrittene Monsanto-Mais Mon810 ist in der EU zum Anbau zugelassen, auch wenn diverse Länder sich wie Deutschland dagegen entschieden haben. Er wächst etwa in Tschechien und Portugal, vor allem aber in Spanien. Auf etwa 120 000 Hektar wird dort Mon810 angebaut, hinzu kommen Feldversuche mit anderen Sorten. Der Mais wird größtenteils an Tiere verfüttert. In den vergangenen Jahren ist die Produktion zurückgegangen, aber da insgesamt weniger Mais angebaut wurde, liegt der Gentechnik-Anteil fast unverändert bei einem knappen Drittel. Mon810 produziert ein Gift, das ihn gegen den in Spanien stark verbreiteten Maiszünsler schützt.

Futtermittel

Lebensmittel, deren Verpackung einen Hinweis auf Gentechnik enthält, sind in Deutschland nahezu unverkäuflich und tauchen daher kaum im Handel auf. Trotzdem wird Gentechnik massenweise in der Produktion eingesetzt. Denn etwa 70 Prozent des Kraftfutters für Milchkühe, Legehennen, Schweine, Mastkälber oder Grillhähnchen für den exorbitanten Konsum tierischer Produkte werden importiert. Vor allem geht es dabei um Soja aus Südamerika, mit einem gentechnisch veränderten Anteil von etwa 90 Prozent. Auf Milch, Fleisch oder Eier hat die Gentechnik in der Fütterung keine Auswirkung.

Allerdings dürfen nur diejenigen Sorten von Gentechnik-Soja importiert werden, die in der EU zugelassen sind - und da sind die Geschwindigkeiten international sehr unterschiedlich. So wurden in Südamerika diverse neue Gentechnik-Sojabohnen für den Anbau zugelassen, die in der EU noch auf ihre Import-Erlaubnis warten. Nicht-zugelassene Futtermittel erlaubt die EU aber nur in Spuren von weniger als 0,1 Prozent; ist es mehr, wird die Einfuhr verweigert. Das macht den Import von Soja komplizierter. Doch Alternativen gibt es kaum.

"Es ist nicht unmöglich, aber sehr schwierig, ohne Soja auszukommen", sagt Gerhard Bellof von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Denn Eiweiß ist nicht gleich Eiweiß: Tiere brauchen bestimmte Mengen essentieller Aminosäuren wie Lysin oder Methionin. Ist von einer davon zu wenig da, kann nicht das ganze Protein verwertet werden. Was nicht nur auf Vergeudung hinausläuft, sondern die Tiere auch mehr Stickstoff ausscheiden lässt. "Sojaprotein ist da sehr ausgewogen und universell einsetzbar", sagt Bellof. Auch schädliche Inhaltsstoffe anderer Eiweißpflanzen, sogenannte antinutritive Faktoren, seien in Soja kaum vorhanden.

Trotzdem wird an Alternativen gearbeitet; für Rinder kann sich Rapsschrot eignen, für Schweine und Geflügel eine Mischung aus Raps und Erbsen. Auch bauen Bauern gentechnikfreies Soja in Deutschland an, allerdings wegen der ungünstigen Bedingungen mit geringeren Erträgen als in Südamerika. Um den Eiweißbedarf ganz aus heimischer Produktion zu decken, müssten die Anbauflächen in jedem Fall deutlich ausgeweitet werden - und die Kosten wären höher. Bislang ist Futter ohne gentechnisch veränderte Bestandteile daher wenig verbreitet. Eine Ausnahme sind Biobetriebe, sie dürfen keine Gentechnik einsetzen.

Enzyme

Natürlich kann man Brot aus Mehl, Wasser, Hefe und vielleicht noch Sauerteig backen. Aber in der industriellen Produktion werden auch Enzyme eingesetzt, welche die Teigverarbeitung erleichtern, das Brot haltbarer oder die Kruste fester machen. Enzyme helfen auch bei der Käseherstellung, lassen den fettfreien Joghurt besser schmecken und kleben so manchen Schinken zusammen - sie sind fast überall, und meist werden sie mithilfe von Gentechnik hergestellt. Manche davon sind Zusatzstoffe, die auf der Zutatenliste auftauchen; andere werden nur im Herstellungsprozess benötigt. Eine besondere Gentechnik-Kennzeichnung ist nicht vorgeschrieben.

Spurensuche

Mehr als fünfzig gentechnisch veränderte Pflanzen sind derzeit in der EU als Lebensmittel zugelassen: diverse Sorten Baumwolle - von der zum Beispiel Öle oder Fasern verwendet werden können - Mais, Raps, Soja und eine Zuckerrübe. Verzehrt werden davon wohl vor allem Soja-Produkte: Nicht etwa in Form von ausgewiesenem Gentechnik-Tofu, sondern als Verunreinigung von importiertem Soja. In Deutschland fanden die Kontrolleure solche Spuren zuletzt in etwa jedem fünften Soja-haltigen Lebensmittel.

Meist bleiben sie weit unter dem Anteil von 0,9 Prozent, ab dem das Produkt als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden muss. Solche Nachweise lassen sich allerdings nur bei herkömmlichen Gentechnik-Produkten führen. Pflanzen dagegen, die mit den neuen Verfahren des Gene Editing wie Crispr-Cas erzeugt wurden, unterscheiden sich nicht grundsätzlich von gezüchteten Varianten. Im Sommer will die EU-Kommission entscheiden, ob auch solche Pflanzen als gentechnisch verändert gelten sollen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: