Biotechnologie "Das wird die Öffentlichkeit niemals akzeptieren"

Erbgut-manipulierte Mücken sind steril und sollen Krankheiten wie Malaria stoppen.

(Foto: Oxitec)

Bevor irgendeines dieser Tiere die Nahrungskette erreicht, müssen allerdings viele Hürden überwunden werden. Die Firma AquaBounty beantragte die Zulassung für ihren Lachs 1995. "Das hat 20 Jahre gedauert und 75 Millionen Dollar gekostet", sagt Van Eenennaam. "Nicht besonders einladend." Jahrelang sei es schwierig gewesen, überhaupt Forschungsgeld für die gentechnische Veränderung von Nutztieren zu bekommen, sagt Whitelaw. Häufig seien Anträge abgelehnt worden mit dem Hinweis: "Tolles Projekt, aber das wird die Öffentlichkeit niemals akzeptieren." Erst in den letzten Jahren habe sich die Situation verändert. "Ich glaube, dass Menschen bewusst geworden ist, dass diese Technologie eine von vielen ist, die wir brauchen, um die Herausforderungen, die auf uns zukommen, zu meistern", sagt Whitelaw.

Dabei geht es nicht nur um die Welternährung, sondern zum Beispiel auch um Medizin. FLI-Forscher Niemann etwa arbeitet an Schweinen, deren Organe von Menschen besser akzeptiert werden. Und die Firma Oxitec hat Mücken entwickelt, die genetisch so verändert sind, dass ihre Nachfahren sterben, ehe sie sich fortpflanzen können. Das könnte helfen, Malaria und andere Krankheiten zu besiegen. In Europa will die Firma mit der gleichen Technik den Feind der Olivenbauern, die Olivenfliege, zurückdrängen.

Der Bioethiker Arthur Caplan von der New York University ist jedenfalls überzeugt, dass die Diskussion über Risiken und Nutzen der neuen Tiere eine andere sein wird, als bei gentechnisch veränderten Pflanzen. Schon weil es weder um Monsanto noch um Pestizide gehe. Die Lachshersteller hätten bessere Argumente als die Befürworter eines gentechnisch veränderten Mais, sagt Caplan. "Ich denke, was die Debatte verändert ist, dass der Lachs "grün" ist. Er reduziert die Umweltkosten für die Fütterung von Fischen und möglicherweise trägt er dazu bei, den Wildlachs vor Überfischung zu schützen."

Die Hersteller des veränderten Lachses haben bessere Argumente als Verfechter von Gentech-Mais

Bisher hat sich das offenkundig aber noch nicht herumgesprochen. In den USA gab es Proteste gegen die Zulassung des "Frankenfisch", Unternehmen haben bereits angekündigt, den Lachs nicht verkaufen zu wollen. Umweltschützer fürchten, dass das Tier, sollte es in die Umwelt gelangen, den wilden Lachs verdrängen könnte. Das sei tatsächlich ein Risiko, das schwer einzuschätzen sei, sagt der schwedische Fischforscher Fredrik Sundström von der Universität Uppsala. Die Sicherheitsvorkehrungen der Firma hält er aber für ausreichend: Die Tiere werden in Wassertanks auf dem Festland in Panama und Kanada gezüchtet. Außerdem sind sie steril. "Mir machen ehrlich gesagt die herkömmlichen atlantischen Lachse, die in Aquakulturen im Pazifik gehalten werden, mehr Sorgen", sagt Sundström.

Auch das rasante Wachstum des Lachses ist keine Besonderheit der Gentechnik. So haben Bauern in den vergangenen Jahrzehnten ganz ähnliches erreicht - durch konventionelle Züchtung. Das Gewicht von acht Wochen alten Hühnern ist zum Beispiel von etwa 800 Gramm im Jahr 1957 auf mehr als 3 Kilogramm im Jahr 2001 angestiegen. 80 Prozent des Anstieges seien auf Zucht zurückzuführen, sagt Van Eenennaam. "Wir sollten über das diskutieren, was am Ende da ist. Ob es durch herkömmliche Züchtung entsteht oder mit Hilfe von Gentechnik ist doch irrelevant."

Die neueste Generation genetisch veränderter Tiere könnte die Grenzen zwischen Züchtung und Gentechnik weiter verwischen. Die Methode des Genome Editing mithilfe der Erbgut-Schere Crispr/Cas9 erlaubt es Forschern, das Genom von Tieren viel genauer und zielgerichteter zu verändern - ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Je nachdem wie klein die Veränderungen sind, lässt sich kaum unterscheiden, ob ein Tier das Ergebnis der Lotterie des Lebens ist oder eine gezielt hergestellte Variante, sagt Whitelaw. "Im Moment ist nicht einmal klar, ob solche Tiere in der EU unter die Rubrik "gentechnisch verändert" fallen würden."

Die Zukunft wird also noch viele genetisch veränderte Tiere bringen. Aber die meisten von ihnen werden nicht so auffällig leuchten wie Van Eenennaams Fische.

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