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Biosprit:Raps raus aus dem Tank

Ein Gutachten facht den Streit um Biokraftstoffe an: Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen hat dessen Nutzung abermals kritisiert.

M. Bauchmüller und W. Roth

Soeben hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen WBGU - wohlgemerkt ein Beirat der Bundesregierung - abermals die Nutzung von Biokraftstoffen kritisiert. Biomasse werde zwar generell wichtiger für die globale Energieversorgung, aber nicht als Verbrennungsprodukt im Verkehr, sondern in der Stromversorgung, sagt das Expertengremium.

Auch Umweltorganisationen halten nichts von Gabriels Biosprit-Plänen.

(Foto: Foto: ddp)

Doch die Bundesregierung in Gestalt des Bundesumweltministers sieht es anders, nach wie vor. Werde die Biomasse vorrangig für die Stromerzeugung verwandt, verhindere sie andere erneuerbare Energien, sagt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD).

Fülle sie hingegen Autotanks, biete sie eine Alternative zum Erdöl. Im übrigen könnten künftig zunehmend Klärschlamm und Abfälle zu Sprit werden, wirbt Gabriel. "Wir werden die Strategie an dieser Stelle sicher nicht ändern."

Es ist ein alter Streit, neu belebt durch die jüngste Studie des WBGU, die am Mittwoch in Berlin vorgelegt wurde. Danach schneidet der Anbau einjähriger Kulturen für Kraftstoffe, etwa von Raps für Biodiesel und Mais für Ethanol, unter Klimaschutz-Aspekten sehr ungünstig ab. Im schlimmsten Fall, wenn für die Energiepflanzen Tropenwald gerodet würde, könne dies sogar zu einer höheren Freisetzung von Treibhausgasen führen als mit konventionellen Kraftstoffen.

Zusätzliche Risiken liegen in der Konkurrenz mit Flächen, die für die Nahrungsmittelversorgung einer wachsenden Weltbevölkerung benötigt werden und dem Erhalt der biologischen Vielfalt, die von intensiver Landwirtschaft bedroht ist.

Der Beirat empfiehlt deshalb, die bisherigen Rahmenbedingungen zu überdenken, speziell die auf EU-Ebene geplanten Quoten für die Beimischung von Biosprit. Diese sollten in den nächsten drei bis vier Jahren zurückgenommen werden. Die im Straßenverkehr angestrebten Schadstoffminderungen müssten dann auf andere Weise erreicht werden, bevorzugt indem Strom für Elektro-Fahrzeuge erzeugt wird.

Mit ihrer Kritik an der Förderung flüssiger Bio-Kraftstoffe bekräftigen die Wissenschaftler eine Reihe von Gutachten, die unter anderem der Rat für nachhaltige Entwicklung und der dem Landwirtschaftsministerium zuarbeitende Agrarbeirat vorgelegt hatten. Der Tenor der Expertise ist dabei keineswegs ablehnend. Im Grundsatz, heißt es da, könne Bio-Energie einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten und mittelfristig etwa zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken.

Bundesumweltminister Gabriel ist skeptisch

Allerdings sei das nur zu verantworten, wenn diese Art der Landnutzung weder die Ernährungssicherheit beeinträchtige noch zur Vernichtung natürlicher Ökosysteme führe. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass durch den Anbau nicht zusätzlicher Druck auf schwindende Wasservorräte ausgeübt wird. Die Chancen und Risiken müssten penibel abgewogen werden und, so die Autoren, letztlich in einem internationalen Zertifizierungssystem für alle Arten von Biomasse münden.

"Die Risiken sind erheblich", sagt Jürgen Schmid, Leiter des Instituts für solare Energieversorgungstechnik an der Uni Kassel und Mitglied des WBGU. Neben weltweit gültigen Mindeststandards solle möglichst rasch ein "globales Landnutzungsmanagement" eingeführt werden.

Doch auch hier ist Sigmar Gabriel skeptisch. Internationale Verhandlungen seien "in der Sekunde zu Ende", in der diese Vokabel eingeführt werde. "Dann fragen die Entwicklungsländer, ob wir noch nicht gemerkt haben, dass das Zeitalter des Imperialismus vorbei ist." Hinter globalen Vorgaben für den Anbau nachwachsender Rohstoffe vermuteten viele Staaten eher protektionistische als ökologische Motive, warnte Gabriel. Selbst innerhalb der EU sei es derzeit schwierig, gemeinsame Kriterien für Nachhaltigkeit zu entwickeln.

Der WBGU sieht die größten, schadenfrei zu nutzenden Potentiale in der Verstromung pflanzlicher Rest- und Abfallstoffe, wobei im günstigsten Fall Elektrizität und Wärme produziert werden. Positiv sei auch der Anbau mehrjähriger tropischer Pflanzen wie Zuckerrohr, Ölpalmen oder Jatropha, die auf schlechtem Untergrund sogar die Fruchtbarkeit des Bodens verbessern können. Voraussetzung ist aber, dass dafür nicht Tropenwald geopfert wird.

Weil Biomasse weltweit noch zu 90 Prozent auf traditionelle Weise genutzt wird - durch ineffiziente und gesundheitsschädliche Verbrennung in primitiven Steinöfen-, empfehlen die Wissenschaftler ein Programm, das die Dritte Welt mit einfachen, aber modernen Herden ausstattet.

Das Gutachten und eine Zusammenfassung können abgerufen werden unter: www.wbgu.de/wbgu_jg2008.html

© SZ vom 04.12.2008
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