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Verhaltensbiologie:Im Rhythmus der Menschen

Zutrauliche Möwen

Immer mehr Möwen leben in der Nähe von Menschen. Ihr natürlicher Lebensraum geht zurück.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Möwen halten sich beim Besuch von Müllkippen an deren Öffnungszeiten und fliegen Schulhöfe genau dann an, wenn dort die Pausenbrote ausgepackt werden.

Von Julian Rodemann

Schnapp - und weg! Berichte über gewiefte Möwen, die einem am Strand das Eis oder ein Pizzastück aus der Hand klauen, gibt es zuhauf. Die Vögel scheinen Menschen akribisch zu beobachten und stets in einem für sie günstigen Moment zuzuschlagen. Wissenschaftler von der University of Bristol wollten herausfinden, wie genau die Tiere ihre Futtersuche bereits an menschliche Gewohnheiten angepasst haben. Dazu statteten sie zwölf Heringsmöwen mit GPS-Sendern aus, sie postierten zudem Beobachter an Müllhalden und Schulhöfen.

Die Ergebnisse der Studie sind jetzt im Fachjournal Ibis erschienen. Demnach hielten sich die Möwen beim Besuch der Müllhalden meist brav an deren Öffnungszeiten: Sie suchten die Halden also vor allem dann auf, als die Tore offen standen und dort frischer Abfall abgeladen wurde. Noch deutlicher zeigte sich die Anpassungsfähigkeit der Vögel auf den Schulhöfen. In Bristol haben Schulkinder von 11.00 bis 11.20 Uhr und von 12.20 bis 13.00 Uhr Pause. Just zu diesen Zeiten flogen die meisten Möwen die Schulhöfe an. "Die Schüler erzählten uns, dass ihnen schon aufgefallen war, dass die Möwen sie immer während den Pausen besuchen", sagt Anouk Spelt, Erstautor der Studie.

Es gibt mehr als 50 Möwenarten auf der Welt, die Tiere bevölkern Küsten und Inseln sämtlicher Kontinente - und immer häufiger auch menschliche Siedlungen. Im Vereinigten Königreich hätte sich die Anzahl urbaner Möwenkolonien seit 2000 schätzungsweise mehr als verdoppelt, sagte Peter Rock, Koautor der Studie, der BBC. Das liegt wohl weniger an leckeren Pausenbroten auf Schulhöfen, sondern am menschlichen Einfluss auf den natürlichen Lebensraum der Vögel: Überfischung, Flächenversiegelung und Umweltverschmutzung erschweren es den Tieren, sich auf natürliche Weise satt zu fressen.

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