Biologie:Wespen und Ameisen drücken sich vor der Arbeit

Anflug der Wespen

Wespen im Flug.

(Foto: dpa)

Faulheit ist im Tierreich offenbar weiter verbreitet als gedacht. Manche Insekten arbeiten sofort weniger, sobald sich ihnen Gelegenheit bietet.

Von Tina Baier

Jedes Kind kennt das Klischee von der fleißigen Honigbiene. Sogar jetzt im Winter ruht sie sich nicht aus. Die Arbeiterinnen können zurzeit zwar keinen Pollen und Nektar sammeln, aber sie machen sich anderweitig nützlich und sorgen dafür, dass die Königin es gemütlich warm hat.

Sie vibrieren mit ihren Muskeln, was Wärme erzeugt und den Stock aufheizt. Auch andere soziale Insekten wie die emsige Ameise, Termiten und Wespen haben den Ruf, nicht so egoistisch zu sein wie der Mensch, der ständig nach seinem eigenen Vorteil strebt. Stattdessen schuften diese vorbildlichen Tiere ihr ganzes Leben lang - zum Wohl der Allgemeinheit.

Knallhartes Marktgesetz von Angebot und Nachfrage

Englische Biologen der University of Sussex haben dieser Vorstellung jetzt einen erheblichen Dämpfer verpasst. In der Fachzeitschrift Nature Communications beschreiben sie, dass Wespen sofort weniger arbeiten, sobald sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Statt Selbstlosigkeit scheint zumindest im Staat der Gallischen Feldwespe das knallharte Marktgesetz von Angebot und Nachfrage zu herrschen.

Ähnlich wie bei der Honigbiene darf bei dieser Wespenart nur die Königin Eier legen und sich fortpflanzen. Ihr dienen etwa 30 Helferinnen, die Nahrung herbeischaffen, den Stock mit Wasser kühlen, wenn er zu heiß wird und sich um den Nachwuchs kümmern. Sobald es im Herbst nichts mehr zu tun gibt, sterben sie. Nur die Königinnen überwintern. Bis dahin dürfen die Helfer-Wespen als Lohn für die Schufterei Mitglied der Gemeinschaft bleiben.

Ihre Arbeitskraft ist aber keineswegs selbstverständlich, sondern eine Ware, um die gefeilscht wird wie auf dem Basar. Das entdeckten die Wissenschaftler, als sie den Arbeitsmarkt manipulierten, indem sie in der Nähe weitere Nester platzierten. Die Helferinnen bekamen dadurch die Möglichkeit, die Gemeinschaft zu verlassen und ihre Dienste einer anderen Königin zur Verfügung zu stellen. Es dauerte nicht lange, bis die Helfer-Wespen diese Situation ausnutzten und ihren Dienst gemütlicher versahen.

Auch manche Ameisen sind stinkfaul

"In dieser Konkurrenzsituation musste die Königin den Preis für die Mitgliedschaft im Nest senken und ihren Arbeiterinnen erlauben, weniger hart zu arbeiten", sagt Studienautorin Lena Grinsted. Im Prinzip verhalte sich die Königin wie der Besitzer eines Restaurants, in das die Mitarbeiter einer Firma regelmäßig zum Mittagessen gehen. Wenn in der Nähe ein neues, ebenso gutes Restaurant eröffnet, muss er die Preise senken, um seine Kunden zu halten.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Vorbildfunktion der sozialen Insekten als Arbeitnehmer infrage gestellt worden ist. Vor gut einem Jahr verblüffte eine andere Forschergruppe mit der Erkenntnis, dass es, zumindest aus betriebswirtschaftlicher Sicht, auch im Ameisenstaat alles andere als optimal läuft. Die Entomologen markierten Tiere in mehreren Kolonien und beobachteten sie mit speziellen Kameras. Dabei entdeckten sie, dass viele Ameisen faul sind. Nur eine kleine Minderheit schuftet ununterbrochen. Die große Mehrheit macht dagegen die Hälfte der Zeit Pause, und etwa 25 Prozent der Insekten scheinen sogar richtige Nichtsnutze zu sein: Sie liegen untätig herum, bewegen sich kaum und schauen den anderen bei der Arbeit zu.

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