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Biologie:Ameisen sind Faschisten und Löwen stinkfaul

Wie süß! Wie selbstlos! Was wird Tieren nicht alles angedichtet. Manchmal werden sie sogar politisch missbraucht. Zeit für eine nicht nur ironisch gemeinte Tierkritik.

Von SZ-Autoren

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Löwen:Könige der Langeweile

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

In den Augen der Menschen ist der Löwe seit allen Zeiten der König der Tiere. In Wahrheit sind sie bedauernswerte Kreaturen mit kurzer Lebenserwartung, bräsig und ungewaschen. Anders als Hauskatzen putzen sie sich kaum, ihre Mähne ist oft verfilzt, sie reinigen meist nur ihren Nasenrücken. Sehen so Helden aus? Klar ist der Löwe das größte Raubtier Afrikas, aber international nur die Nummer zwei hinter dem Tiger. Der brüllende Rudelführer herrscht zwar über ein Territorium von bis zu 400 Quadratkilometern, aber zur Arbeitsbeschreibung gehört es vor allem, die Grenzen seines Reichs mit Kot und Urin zu markieren. Was für ein Job. Löwen haben null Ausdauer, sie schaffen einen kurzen Sprint mit maximal 60 km/h, viele Tiere sind schneller und ausdauernder.

Die meiste Zeit des Tages schlafen Löwen sowieso, bis zu 18 Stunden pro Tag, Könige der Langeweile. Und der Sex? Letztlich kommt nur der Rudelführer an die Weibchen ran. Aber auch er ist von ihrem Entgegenkommen abhängig. Nein heißt hier wirklich Nein. Das Gros der Rudellöwen hat ohnehin nichts zu melden. Und die Rudelführer werden ständig von jüngeren Löwen attackiert, was ihnen eine Lebenserwartung von sieben bis zwölf Jahren beschert. Selbst die stärksten Löwen schaffen es nur zwei oder drei Jahre an der Spitze zu bleiben. Unterliegen sie, ist das meist ein blutiges Ende oder sie müssen allein und ausgemergelt durchs Land ziehen. Trostlos wie Ex-Manager im Ruhestand.

Hubert Filser

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Schildkröten:Flink wie Opa

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Die Tierromantik lebt bekanntlich vom menschlich überformten Narrativ. Bei Schildkröten fallen einem da leider nur Geschichten aus der Gerontologie ein. Denn Schildkröten wirken und werden sehr alt, bis zu 250 Jahre, heißt es. Genaugenommen ist die Schildkröte deshalb das einzige Haustier, das die Bezeichnung "Freund fürs Leben" verdient. Besonders fitte Exemplare taugen sogar als Freund für mehrere Leben. Anschaffen sollte man sie ohnehin erst im späten Rentenalter, wenn sich Laufstil und Geschwindigkeit von Frauchen oder Herrchen den Gepflogenheiten des Tiers anpassen.

Die offiziell schnellste Schildkröte der Welt, eine Pantherschildkröte, lebt in Großbritannien und heißt Bertie. Bertie sieht alt aus, ist aber erst zehn Jahre jung. Das erklärt wohl auch, warum Bertie so schnell rennen kann. Im Fünfmetersprint erreicht er eine Geschwindigkeit von gut einem Kilometer pro Stunde. Die meisten Schildkröten sind aber langsamer und eignen sich an der Leine geführt gerade noch für einen Ausflug mit dem Rollator. Sonst ist wenig mit ihnen los. Und während man den zahnlosen Wesen beim Zermahlen einer halben Erdbeere zuschaut, drängt sich die Frage auf: Was hat ein Tier davon, sein endloses Leben lang in einem starren Panzer eingeschweißt zu sein? Schildkröten können nicht einmal normal atmen in dem Ding, sie leiden sozusagen per Geburt unter einer Chronischen Obstruktion, die sie aufwendig kompensieren müssen. Weshalb man Schildkröten nicht blöd finden muss. Aber bedauern darf.

Kathrin Zinkant

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Ameisen:Nazis im Nest

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Womöglich wäre der Entomologe Karl Escherich (1871 - 1951) auch ohne Termiten und Ameisen zum Nazi geworden. Aber man muss sagen: Sie haben es ihm leicht gemacht. Er bezog sich nämlich auf realexistierende Zustände, als er in seiner Antrittsrede zum Rektorat der Universität München am 25. November 1933 das Sozialleben der Termiten pries, man staune, "über die absolute Unterordnung jedes einzelnen Individuums unter einen gemeinsamen Willen (. . .), über die Selbstaufgabe und Selbstaufopferung jedes einzelnen für die Staatsidee". So konnte er leicht folgern: "Das oberste Gesetz des Nationalsozialistischen" sei bei den Sechsbeinern "bis in die letzte Konsequenz verwirklicht. Der Termitenstaat stellt, äußerlich betrachtet, einen Totalstaat reinster Prägung dar." Das sollte bedenken, wer unbedarft das überaus interessante Sozialleben staatenbildender Insekten lobt. Ameisenstaaten sind so interessant, wie man Nordkorea interessant finden mag. Sie führen bedenkenlos Krieg, versklaven Angehörige von Nachbarvölkern, die Arbeiterinnen haben nie Sex und krabbeln ohne Bedenken in den eigenen Tod. Denn das ist der Kern des Ameisenlebens: die Aufgabe jeglicher Individualität. Man wird als Insektenforscher die Ameisen nicht ignorieren können. Aber Escherich wäre besser beim Thema seiner Doktorarbeit geblieben: den männlichen Genitalsystemen von Käfern, die lassen sich nicht so leicht politisch missbrauchen.

Christian Weber

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Wellensittiche:Lakaien der Lüfte

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

In riesigen Schwärmen jagen sie durch die Lüfte Australiens, auf der Suche nach Grassamen und willigen Partnern - vermehrungsbereit sind Wellensittiche praktisch immer. Als Zierde im Käfig dagegen hocken sie auf ihrer Stange, piepen ein bisschen, glotzen in einen Spiegel und warten darauf, gelegentlich durchs Wohnzimmer zu fliegen, nur um sich im Vorhang zu verfangen. Paarungsbereit wären auch sie. Doch häufig haben sie nur einen Plastikpartner, den sie dann sinnlos füttern und anbalzen, wie Menschen, die einer Silikonpuppe beiwohnen.

Wellensittiche zeigen, wie sehr sich ein Tier demütigen kann, wenn es nur regelmäßig Futter und Wasser bekommt. Dann dürfen sie älteren Damen etwas vorträllern, die "Hansi" sagen, oder Kindern, die keine Lust haben, den Käfig sauber zu machen. Dabei geben Wellensittichfreunde selbst Hinweise, wie die Vögel wieder zu ihrem wahren Wesen zurückfinden könnten. Auf www.sittiche.de steht: "Wenn der Vogel viel Freiflug hat, wird er immer erfindungsreicher und mutiger, und so macht er sich bald auch an die verbotenen Gegenstände heran." Das wäre mal was, Anarchie vor dem Käfig. Warum aber hauen die Vögel bei ihrem Freiflug nicht einfach ab? Sie könnten sich wieder zu Schwärmen zusammenfinden, was wäre das für ein Spaß. Stattdessen haben sie Angst vor der Welt draußen und sehen zu, wie ihre Krallen wachsen. Bis sie irgendwann, völlig überzüchtet, vor Schreck von ihrer Stange auf den vollgekoteten Käfigboden fallen. Was für ein Leben!

Hubert Filser

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Schimpansen:Dschungelkrieg

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Ach, sie sind ja so süß, die Schimpansen! So klug, mit ihren Werkzeugen! Und so friedlich, wie sie sich gegenseitig kraulen. Von wegen. Hochintelligent sind Schimpansen sicher, aber wie setzen sie ihre Klugheit ein? Mal eine sinnvolle Erfindung machen, welche die Schimpansenheit voranbringt, die vollautomatische Nussknackmaschine etwa? Denkste. Nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Und das Sozialverhalten, nun ja. Vor allem männliche, aber auch weibliche Schimpansen bringen Babys ihrer Artgenossen um, manchmal essen sie sie auch auf. Schon der Verdacht, dass ein Baby einen Rivalen zum Vater haben könnte, kann ausreichen, um es zu beseitigen.

Rangniedrige Schimpansenmütter (grässlich, dieser Klassendünkel) haben alle Hände voll zu tun, ihre Kleinen zu verteidigen. Überhaupt, die Mütter. Ist schon rührend, wie hingebungsvoll sie sich um ihr Baby kümmern. Aber andererseits: wie rückständig. Unter Hanuman-Languren hilft man sich aus, wie die Anthropologin Sarah Blaffer-Hrdy beschreibt. Mütter können ihre Babys stundenlang jungen Verwandten anvertrauen, um sich um andere Dinge zu kümmern. Schimpansen dagegen organisieren keine Kita-Plätze, lieber pflegen sie Feindschaften. Nach dem jahrelangen, brutalen Schimpansenkrieg im Gombe-Nationalpark, den Jane Goodall dokumentierte, war eine Gruppe ausgelöscht, so viel zum Thema Friedfertigkeit. Unangenehmere Zeitgenossen als Schimpansen muss man erst mal finden unter Primaten. Also, abgesehen vom Menschen, natürlich.

Marlene Weiß

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Hummeln:Füllig und fies

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Ein wenig Pelz, eine rundliche Form, dazu ein kleiner Hängepopo: Mehr braucht es nicht, damit Menschen beim Anblick eines stachelbewehrten Insekts in Verzückung geraten. Dabei sind Hummeln weder "süß", noch bewundernswert. Häufigstes Missverständnis: Dass es sich bei dem plüschigen Pummelchen zwangsläufig um ein Stück "Natur" handele. Kommerzielle Händler in Europa züchten jährlich Millionen Hummelnester heran, um die Viecher als Tomatenbestäuber zu verschicken. Das bleibt nicht ohne Folgen. In Südamerika breiten sich ausgebüxte Erdhummeln bereits massiv aus und haben heimische Arten fast verdrängt. Ein zweites Missverständnis: Die Hummel werde "unterschätzt".

Tatsächlich wird kaum ein Insekt derart überschätzt wie die Hummel. Dabei macht das Pummelchen schon im Vergleich zur Honigbiene keine gute Figur. Ihre Staaten? Bestenfalls Dörfer. Ihre Waben? Gelbe Blasen, unordentlich aneinandergepappt, und das bisweilen noch in schmutzigen Erdlöchern. Manche Hummelart ist selbst für diese konstruktive Leistung aber zu faul und besetzt mordend die Nester der Verwandtschaft. Überhaupt sind Hummeln untereinander selten friedlich. Was vielleicht daran liegt, dass die Hummel keine Ohren hat und nicht tanzend kommunizieren kann, wie es die Biene vermag. Wenn sie etwas zu sagen hat, rennt sie einfach aufgeregt herum. Eigentlich, so denkt man, dürfte die Hummel nicht mal fliegen können. Aber immerhin: Das kann sie.

Kathrin Zinkant

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Delfine:Üble Machos

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Dass Delfine zur Ikone der Hippie-Bewegung wurden, verdanken sie John Cunningham Lilly. In den 1960ern schwamm der US-Neuroforscher benebelt von LSD mit den Säugetieren herum und verklärte sie zu friedliebenden, superklugen Unterwasserpersonen. Dabei spotten Delfine sämtlicher Ideale der Blumenkinder, von Emanzipation oder Gewaltverzicht halten die Säuger nichts. Soziale Intelligenz haben Delfine zweifellos, es gibt Gruppen aus mehr als einem Dutzend Tiere, die jahrelang verbunden bleiben. Doch dienen die Allianzen nur niederen Zwecken: Hier tun sich Männchen zusammen, um Weibchen abzuschleppen. Je zwei bis drei Typen "eskortieren" eine Delfindame so lange, bis einer der Verfolger ran darf, während die Gefährten gaffen. In einer Studie berichten Biologen von einem Weibchen, das dieser Masche 14 Mal hintereinander ausgesetzt war. Sieht man beim Bootsausflug synchron springende Tümmler, ist das also womöglich kein Grund zur Freude. Da rottet sich vielleicht eine Horde Notgeiler zusammen.

Die Machoclans kämpfen auch untereinander um die besten Reviere für die Weibchenhatz, das Rammen des Gegners und brutale Hiebe mit der Flosse sind üblich. Das hält Forscher bis heute nicht davon ab, die angeblich ausgeprägte Kommunikation der Delfine zu untersuchen. Sogar ein Gerät, um Delfinlaute zu übersetzen, wird entwickelt. Sollte dieses Ding je funktionieren, ist wohl klar, was es ausspucken würde: ziemlich üble Weibergeschichten.

Christoph Behrens

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Hunde:Groteske Karikatur

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Vergleiche machen unglücklich. Niemand weiß das besser als der Hund. Was ist sein Ahn, der Wolf, doch für ein Athlet: Mehr als 70 Kilometer schafft der am Tag in elegantem Lauf. Nebenbei registriert er noch das flüchtigste Duftmolekül, das leiseste Geräusch, und kommuniziert geschmeidig mit seinen Artgenossen. Eine drohend gerunzelte Nase hier, ein unsicher gesenkter Schwanz dort - und jeder weiß, was Sache ist. Dagegen der Hund: ein Minderbegabter, oft sogar ein Krüppel. Oder wie sonst soll man eine Kreatur nennen, die wegen ihrer grotesken Knautschnase weder richtig riechen, atmen noch kommunizieren kann? Die zwar ständig mit aufgestelltem Rückenhaar herumläuft wie der Rhodesian Ridgeback, aber darunter mehr leidet, als es garstig zu meinen?

Auch die Beweglichkeit ist bei vielen Hunden völlig auf der Strecke geblieben. Ein Riesenhund wie die Deutsche Dogge muss ins Auto gehievt werden, weil ihr großer Körper den Hopser in den Kofferraum nicht unbeschädigt überstehen würde - so ein Tier taugt nur noch als Karikatur. Ebenso wie die Hunde im anderen Extrem der Größenskala. Viele Schoßhunde mit ihren winzigen Kiefern würden vor vollen Näpfen verhungern, müssten sie sich ihr Futter selbst zerkleinern. Zugegeben, der Hund selbst kann wenig für die Überzüchtungsmisere. Sein einziges Vergehen besteht wohl darin, sich seit den ersten engen Begegnungen nie mehr von jener Spezies distanziert zu haben, die all diese Verunstaltungen ersonnen hat.

Katrin Blawat

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Möwen:Aasgeier am Strand

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Der Angriff erfolgt von hinten. Ein Flügel fegt dem Spaziergänger über die Wange, ein harter Schnabel stößt ihm das Brötchen aus der Hand. Während der Attackierte erschrocken zur Seite taumelt, tanzt das Tier aufgekratzt um das Brot und keckert hämisch. An Britanniens Küsten haben die Attacken eine solche Intensität erreicht, dass der Guardian warnte, eine herabstürzende Silbermöwe sei ein Geschoss: "Mehr als ein Kilogramm angry bird ist mit 65 Stundenkilometern unterwegs. Kein Wunder, dass es Blut gibt". Blut fließt oft aus den Körpern wehrloser Kreaturen: der aufgehackten Lippe eines Babys, der Kopfhaut von Rentnern, den Wunden von Welpen und dem Bauch von Stig, der Schildkröte, die zwei Möwen auf den Rücken geschubst haben.

Beklagt sich der Mensch, bekommt er zu hören, dass er selbst schuld sei. Warum kommt er auch in Scharen ans Meer? Warum präsentiert er seine Nahrung? Warum zieht er sich nicht eine Kapuze über den Kopf, wie es Tierschützer vorschlagen? Mag schon sein, dass die Vögel unter Eingriffen in ihren Lebensraum leiden. Doch sind sie auch in der freien Wildbahn Spezialisten des Hinterhalts. Biologen beobachteten in Namibia, wie Dominikanermöwen neugeborenen Robben die Augäpfel aus den Köpfen reißen, um sich am Bauchspeck der verendenden Babys zu weiden. Es wird Zeit, das wahre Wesen dieser Tiere zu erkennen. Sie sind keine passenden Namensgeber für Segelschiffe und Strandpensionen. Sie sind die Aasgeier des Lebendigen, die Krähenkönige in bigottem Weiß.

Berit Uhlmann

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Pferde:Angst vor Briefkästen

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Das Pferd ist eine Verschwendung von Ressourcen. Eine halbe Tonne Fleisch und Knochen - und dennoch eignet es sich natürlicherweise nur für zwei Aufgaben: fressen und gefressen werden. Für jede andere Nutzung ist es nicht gemacht, weder physisch noch psychisch. Besonders als Reittier ist das Pferd eine Fehlkonstruktion. Der Kopf verliert sich allzu häufig in grundloser Panik. Manchmal reicht dafür schon ein Briefkasten am Wegrand. Es hilft nicht mal, wenn man die vermeintliche Gefahr beim Ausritt bereits einmal passiert hat und das Pferd sie mit dem rechten Auge gesehen hat. Wegen der sehr speziellen neuronalen Verschaltung der Augen mit dem Gehirn kommt der Briefkasten dem Pferd auf dem Rückweg vollkommen unbekannt vor, wenn nun das linke Auge anspricht. Wieder hat es Angst - und will davonstürmen, auch über Bundesstraßen hinweg. Sollte in einem derart großen Kopf nicht wenigstens Platz sein für die Erkenntnis, wie unnötig und gefährlich diese panischen Fluchten sind?

In physischer Hinsicht sieht es nicht viel besser aus. Natürlich lädt der breite Rücken zum Draufsetzen ein. Damit ein Pferd es aber überhaupt aushält, einen Menschen durch die Gegend zu tragen, braucht es eine jahrelange Ausbildung. Von sich aus kann es kaum mehr, als stundenlang mit der Nase am Boden fressend durch die Landschaft zu ziehen. Ohne kluges Training hängt dem Reitpferd nach kurzer Zeit der Rücken durch wie eine alte Hängematte.

Katrin Blawat

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Aquarienfische:Ab in die Pfanne

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Wenn Tiere unter menschlicher Obhut stehen und dennoch keinen Rufnamen bekommen, ist das meist ein schlechtes Omen für sie. Entweder befinden sie sich dann in einem Versuchslabor oder sie erwartet ein Ende im Schlachthof. Und dann gibt es noch die Aquarienfische. Diese ebenfalls namenlosen Wesen sind die fischgewordene Inkarnation der Fototapete für Menschen, die selbst zu ihren Haustieren keine soziale Beziehung aufbauen wollen. Außerdem lohnt sich die Taufe von Guppys, Zebrabärblingen und Schmetterlingsbuntbarschen meist schon deshalb nicht, weil ihr Leben ohnehin "einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz" ist, wie es Thomas Hobbes (1588-1679) formulieren würde.

Immerhin: Wenn man Guppys im Wohnzimmeraquarium einsperrt, können sie kein Unheil in natürlichen Gewässern anrichten. Wie Forscher im Fachblatt Biology Letters berichteten, bedrängen in mexikanische Gewässer eingewanderte, männliche Guppys die Weibchen ähnlich aussehender Arten, damit diese sich nicht paaren und Nahrungskonkurrenten gebären. Aber wen wundert solche Sexualgewalt schon bei Fischen, die zum Teil sogar ihre Jungen als Beute betrachten? Vielleicht sollten die Aquarianer bei der Zucht weniger auf die Farbenprächtigkeit und mehr auf den Geschmack ihrer Schützlinge achten, ein Griff zum Kescher und dann - ab in die Pfanne. Rezeptvorschläge?

Christian Weber

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Meerschweinchen:Knuddelmimosen

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Quelle: Stefan Dimitrov / SZ-Grafik

Der Mensch braucht Kuscheltiere. Die Natur scheint das eingesehen zu haben, jedenfalls hat sie mit dem Meerschweinchen ein weiches, wurstförmiges und wenig wehrhaftes Lebewesen hervorgebracht. "Form follows function" in schönster Ausprägung. Und es wird wohl niemand bestreiten, dass man höheren Erwartungen ausgesetzt sein kann als jener, ein gutes Knuddeltier für Kinder abzugeben. Doch das kleine Vieh schätzt es überhaupt nicht, wenn ein Kind mit ihm spielen und toben will, wie man es unter Freunden nun einmal macht. Undank, dein Name sei Cavia porcellus. Wir bieten ihm Streicheleinheiten, Futter und einen quietschbunten Plastikkäfig - und bekommen als Dank ein trübsinnig herumsitzendes Tier, das sich wahrscheinlich zurück in seine südamerikanische Heimat wünscht. Dabei würde es dort auch nur am Spieß über dem Grill enden.

Meerschweinchen achten die Freundschaftsanfrage eines Menschen nicht. Wir sind ihnen egal. In ihrer animalischen Arroganz wollen sie sich nicht mit uns Menschen, sondern viel lieber mit ihresgleichen einlassen. Auf unser Geschmuse reagieren sie nicht selten mit irgendwelchen Verhaltensstörungen, bloß weil wir ihr Bedürfnis nach Ruhe oder arteigener Gesellschaft nicht immer über alles stellen. Bitte, ihr quiekenden Fellwürste, ihr dürft gerne solche Mimosen sein. Nur seht dann doch bitte nicht aus wie ein Tier, dem nichts wichtiger zu sein scheint, als von einem Menschen auf den Arm genommen zu werden. Katrin Blawat

Katrin Blawat

© SZ vom 17.09.2016/chrb
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