Biohacking:Das FBI ist alarmiert

Der Besuch der amerikanischen Bundespolizei am IGEM zeigte allerdings, dass es sich beim Biohacking nicht nur um eine fröhlich-harmlose Laienwissenschaft handelt. Edward You von der FBI-Abteilung für Massenvernichtungswaffen warb an seinem Stand drei Tage lang mit Broschüren und Aufklebern um Verständnis für seinen Arbeitgeber.

Das FBI war unter Studenten und Amateurbiologen vor einigen Jahren mit einer überzogenen Aktion in Verruf geraten: 2004 rief der Kunstprofessor Steve Kurtz von der State University of New York in Buffalo den Notarzt, da seine Frau nicht mehr atmete; sie starb an Herzversagen. Als die Sanitäter eintrafen, sahen sie Petrischalen, die er in Kunstwerken verwendete - und meldeten ihn dem FBI. Wenig später stürmten Agenten mit gezogenen Waffen und in Schutzanzügen sein Atelier und klagten ihn dann als Bioterroristen an, allerdings erfolglos: Die Bakterienkulturen waren harmlos.

Diese Geschichte würde Edward You heute am liebsten vergessen machen. Sie zeugt dennoch von der Nervosität der Sicherheitsbehörden. Immer noch befürchtet das FBI, dass Terroristen oder auch nur experimentierfreudige Teenager in Kellern und Geheimlabors Killerviren produzieren könnten. Der Sicherheitsexperte Jonathan Tucker vom Monterey Institute of International Studies in Washington warnt: "Manipulierte Mikroben können sich vervielfältigen und Menschen angreifen - das gab es in der Heimwerkstatt bislang nicht."

Deshalb möchte das FBI Kontakt zu der Biohackerszene halten und auf Gefahren hinweisen, die in den USA größer sind als in Deutschland oder Großbritannien, wo es deutlich strengere Vorschriften für Heimlabore gibt.

Aber auch in Europa läuft nicht alles wie gewünscht. Vor drei Jahren bestellte ein Journalist der britischen Tageszeitung Guardian per Post problemlos eine Teilsequenz des Kinderlähmung verursachenden Poliovirus von der in Newcastle ansässigen Firma VH Bio.

Heute vergleichen DNS-Synthesefirmen wie Geneart aus Regensburg die oft per Internet georderten Sequenzen von Erbgut routinemäßig mit einer Liste bekannter Pathogene. Deren Baupläne - etwa vom Virus der Spanischen Grippe von 1918 - sind im Internet frei zugänglich. Neuartige Erreger erfasst ein solcher Abgleich naturgemäß nicht. Tom Knight von Ginkgo Bioworks spielt die Gefahr hingegen herunter: "Wenn ich einen gefährlichen Erreger haben will, fahre ich nach Texas auf eine feuchte Kuhweide, fülle einen Eimer mit Erde und isoliere daraus im Labor Milzbrandsporen."

Auch Biohacker Mackenzie Cowell warnt vor voreiligen Verboten, die Amateure entmutigen, aber Terroristen nicht stoppen würden. Er setzt auf mehr Austausch: In seinem neuen Containerlabor will er in Zukunft Profis und Laien zusammenbringen - so wie Feierabendgastronomen gelegentlich mit Berufsköchen kooperieren. Cowell selbst sucht derzeit Unterstützung für sein Lieblingsprojekt. Er würde Hefezellen gerne so umprogrammieren, dass sie das angeblich lebensverlängernde Resveratrol produzieren: "Biertrinken wird dann viel gesünder."

© SZ vom 10.11.2009/beu
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