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Astronomie:Und er leuchtet doch

Fast schon Gaswolke: Beteigeuze, gesehen vom Radioteleskop Alma.

(Foto: ALMA (ESO/NAOJ/NRAO)/E. Gorman/P. Kervella)

Nach einer seltsamen Phase der Dunkelheit hat der Riesenstern Beteigeuze zur üblichen Helligkeit zurückgefunden. Manch einer hatte auf ein stellares Spektakel gehofft.

Zu den Errungenschaften der Moderne gehört, dass man auf sozialen Netzwerken nicht nur Menschen folgen kann, sondern auch Sternen. Ein besonders prominenter Himmelskörper hat den Twitter-Namen @betelbot. Nahezu täglich twittert dort der Stern Betelgeuse, der im Deutschen aufgrund eines historischen Schreibfehlers Beteigeuze heißt. Es ist der von der Erde aus gesehen linke Schulterstern des Orion und eines der auffälligsten Leuchtzeichen am Nachthimmel. Nun hat @betelbot gemeldet, dass er wieder hundert Prozent seiner einstigen Helligkeit erlangt hat.

Das ist insofern erwähnenswert, als der riesige Stern, ein roter Überriese mit 700-fachem Sonnendurchmesser, in den vergangenen Monaten beträchtlich an Helligkeit verloren hatte. Zeitweise war sein Leuchten auf ein Drittel der normalen Werte abgefallen. Die Abschwächung hatte Astronomen zu heftigen Spekulationen verleitet: Stand Beteigeuze kurz vor der Explosion? Würde er als Supernova sein Sternendasein aushauchen? Es wäre ein heftiges, auf der Erde wochenlang mit bloßem Auge sichtbares Spektakel.

Beteigeuzes letztes Aufbäumen wäre von der Erde aus gesehen so hell wie der Mond. Nicht nur das Licht wäre sichtbar, auch Elementarteilchen wie Neutrinos würden in ungeheuren Massen auf die Erde einprasseln, ebenso wie Röntgenstrahlen. Den Beschuss elektrisch geladener Teilchen könnten das Magnetfeld und die Lufthülle der Erde zwar weitgehend aufhalten, aber chemische Veränderungen der Stratosphäre wären ebenso wahrscheinlich wie Schäden an Satelliten und Raumfahrzeugen.

Doch nun ist das Schauspiel vermutlich abgesagt. Himmelskundler nehmen an, dass der zum gigantischen Gasball aufgeplusterte Stern ähnlich wabert wie eine Dunstwolke, die von innen erhitzt wird. Beteigeuze hat zwar fast das milliardenfache Volumen der Sonne, aber ist nur 20-mal so schwer wie sie. Er ist somit fast schon eine Mischung aus Stern und Gaswolke. Es war also vermutlich Staub, der wie Gasblasen in einem Kochtopf aus dem heißen Zentrum des Sterns in dessen Peripherie gewabert ist. Dafür spricht auch, dass Beteigeuze während seiner Verdunkelung kaum kühler wurde, was man aus seinem Lichtspektrum ablesen kann. Hätte der Stern begonnen, sich aufzublähen, womöglich als Vorspiel seiner Selbstvernichtung, müssten die Lichtspektren eine beträchtliche Abkühlung verraten.

Bis Beteigeuze den natürlichen Sternentod stirbt, dürften aber noch einige Tausend Jahre vergehen. Doch dann wird Orions Schulter nicht unscheinbar verglühen, sondern in einer gewaltigen Detonation platzen. Die übrige Materie wird ohne den Strahlungsdruck aus dem heißen Sterninneren in sich zusammenfallen und sich so verdichten, dass ein Schwarzes Loch übrig bleibt. Bis dahin ist Beteigeuze ein Lehrbeispiel, an dem Astrophysiker studieren, wie ein Stern dieser Größe sein Dasein beendet. Die neuesten Entwicklungen twittert weiterhin @betelbot. Dahinter steht die amerikanische Vereinigung der Beobachter variabler Sterne.

© SZ vom 27.04.2020
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