Gentechnik China bestätigt Geburt der ersten Crispr-Babys

Der chinesische Forscher He Jiankui kündigte die Geburt der genetisch veränderten Zwillinge Nana und Lulu Ende November auf einer internationalen Konferenz an.

(Foto: Anthony Kwan/Bloomberg)
  • Bislang gab es nur die Aussagen des Forschers He Jiankui. Nun bezeugt die chinesische Regierung, dass er mithilfe der Genschere Crispr-Cas den ersten genetisch veränderten Menschen auf die Welt verholfen hat.
  • Auch Hes Ankündigung, dass noch eine weitere Frau ein Crispr-Baby erwartet, ist demnach zutreffend.
  • Dem Wissenschaftler droht nun der Prozess.
Von Christoph Giesen, Peking, und Kathrin Zinkant

Knapp zwei Monate sind vergangen, seitdem ein Chinese die Welt in Aufruhr versetzt hat: He Jiankui von der Southern University of Science in Shenzhen will mithilfe der Genschere Crispr-Cas den ersten genetisch veränderten Menschen auf die Welt verholfen haben. Die Geburt der Zwillinge Nana und Lulu kündigte der Biophysiker Ende November überraschend vor einer internationalen Genome-Editing-Konferenz in Hongkong an. Dass die Babys tatsächlich existieren, hielten Fachleute seither zwar für sehr wahrscheinlich. Eine Bestätigung aber fehlte - bis jetzt.

"Nana und Lulu sind geboren worden", heißt es nun in einer Mitteilung der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, die am Montag auf etlichen Nachrichtenseiten in China verbreitet wurde. In dem Bericht werden die vorläufigen Ergebnisse einer offiziellen Untersuchung durch die Behörden der südchinesischen Provinz Guangdong zusammengefasst. Das Verfahren war kurz nach Hes Ankündigung im November eingeleitet worden. Demnach habe der Forscher im Verborgenen ein Projektteam mit chinesischen und ausländischen Mitarbeitern zusammengestellt und absichtlich die staatliche Aufsicht unterlaufen. He soll dabei Techniken "von zweifelhafter Sicherheit und Effizienz" benutzt haben, um "menschliche Embryonen zum Zweck der Reproduktion genetisch zu editieren" - dies sei in China gesetzlich verboten.

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Laut Untersuchung der Behörden soll He bei acht Paaren versucht haben, durch künstliche Befruchtung erzeugte, genetisch veränderte Embryonen einzusetzen und dadurch eine Schwangerschaft herbeizuführen. Ziel sei gewesen, die Babys durch den Einsatz der Genschere immun gegen den Aids-Erreger HIV zu machen. Lediglich bei einem der Paare kam es zur Geburt. In Hongkong hatte He auf Nachfrage eingeräumt, dass noch eine zweite Frau schwanger sei. Das bestätigt nun der Xinhua-Bericht. Um die Betreuung der jungen Familie werde sich der Staat kümmern. "Die Provinz Guangdong wird gemeinsam mit den zuständigen Einrichtungen und unter der Leitung der Behörden die medizinische Überwachung und das Follow-up der geborenen Kinder und der schwangeren Freiwilligen übernehmen."

Dass die Paare mit den jeweils HIV-positiven Ehemännern überhaupt Zugang zu einer künstlichen Befruchtung bekommen hatten, obwohl diese Behandlung allen mit dem Aids-Erreger infizierten Chinesen verwehrt ist, gehe auf das betrügerische Verhalten des Forschers zurück: "Um das Gesetz zu umgehen, schickte er Gesunde zu den Bluttests", heißt es in dem Bericht. Laut Xinhua werde Hes Verhalten nun strafrechtlich verfolgt. Mit welchen Konsequenzen genau He zu rechnen hat, blieb unklar.

Das Verhalten von He Jiankui war nach Angaben der Staatsmedien illegal - und wird nun verfolgt

Vor allem britische Experten äußerten sich am Montag größtenteils ungerührt vom harten Urteil der chinesischen Behörden. Die internationale Community hatte den Eingriff in die menschliche Keimbahn einhellig verurteilt und nach Hes Auftritt in Hongkong intensiv darüber diskutiert, ob und welche Regulierungen vergleichbare ethische Übergriffe in Zukunft verhindern könnten. Nach Ansicht von Helen O'Neill vom University College in London trägt der vorläufige Bericht der Behörden in Guangdong allerdings nicht zur Erhellung dieser Frage bei. "Es bleibt unklar, welche Maßnahmen nun zu ergreifen sind, damit so etwas in Zukunft nicht noch einmal passiert - oder was als Strafe für He Jiankuis mangelnde Rücksicht auf Regeln, Patienten und die wissenschaftliche Gemeinschaft vorgesehen ist", kritisiert die Reproduktionsmedizinerin.

Die Genetikerin Yalda Jamshidi von der St. George's University of London dagegen hofft, dass die harte Reaktion der Behörden ein Vorbild für den künftigen Umgang mit ethischen Entgleisungen in der Wissenschaft sein wird. "Der Bericht wird hoffentlich ein Exempel statuieren, damit die Öffentlichkeit und die Wissenschaft sich sicher sein könnten, dass das Genome-Editing, wie alle neuen medizinischen Eingriffe, nur dann erlaubt sein wird, falls ein echter medizinischer Anlass vorliegt, und eine angemessene ethische und gesetzliche Bewertung gewährleistet ist", sagt die Forscherin.

In Hongkong hatte He seinen Verstoß gegen sämtliche ethische Regeln der Biomedizin damit gerechtfertigt, dass er nun HIV-positiven Paaren den Kinderwunsch erfüllen könne. Für Experten steht allerdings außer Frage, dass ein solcher Eingriff für die Babys nicht lebenswichtig und außerdem höchst gefährlich wäre, weil die Genschere noch nicht vollständig erforscht und ungenau ist. Aber war He sich dieses Dammbruchs bewusst? "He hat die chinesischen Behörden, Kollegen und die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft für seinen persönlichen Ruhm hintergangen", sagt Christophe Galichet vom Francis Crick Institut in London. Die Untersuchung hätte nun auch ergeben, dass He Unterlagen zur ethischen Überprüfung gefälscht habe, damit die Paare an seiner Studie teilnehmen konnten. Für den Entwicklungsgenetiker steht deshalb fest: "He wusste, dass das, was er tat, unethisch war".

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