Süddeutsche Zeitung

Bericht zur Atomkatastrophe in Fukushima:Miserables Krisenmanagement

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Neun Monate nach dem Atomunglück in Fukushima prangern Experten in einem Untersuchungsbericht Versäumnisse der Betreiberfirma Tepco und der japanischen Regierung an. Besonders entsetzt sind die Fachleute über die unzureichende Ausbildung der Fachkräfte und die schlechte Kommunikation der Einsatzteams.

Die Reaktion der zuständigen Stellen auf die Atomunfälle nach dem Tsunami vom 11. März in Japan war laut einem Untersuchungsbericht der Regierung in Tokio konfus und fehlerhaft.

Dem am Montag vorgelegten Bericht einer Expertenkommission zufolge waren die Arbeiter des Kraftwerksbetreibers Tepco nicht dafür ausgebildet, in der Anlage Fukushima Dai-ichi Notlagen wie den Stromausfall nach dem Tsunami zu bewältigen. Außerdem hätten die Arbeiter fälschlicherweise angenommen, dass ein Notkühlsystem funktioniere. Nach der Abschaltung eines Atomreaktors für Wartungsarbeiten laufen in Japan derzeit nur noch sechs der mehr als 50 Reaktoren des Landes.

Das Atomkraftwerk Fukushima war durch ein verheerendes Erdbeben und einen darauffolgenden Tsunami am 11. März schwer beschädigt worden. Die Zerstörungen in der Anlage lösten den weltweit schwersten atomaren Unfall seit Tschernobyl 1986 aus. Zehntausende Menschen wurden obdachlos, da ganze Städte wegen der radioaktiven Strahlung unbewohnbar wurden.

Der Tsunami hatte die Notgeneratoren des Kraftwerks zerstört, wodurch die Reaktoren der Anlage nicht mehr gekühlt werden konnten und es zur Kernschmelze kam. Sowohl die Kommunikation der Arbeiter untereinander als auch mit der Regierung funktionierte dem Bericht zufolge nicht. Auch sei die Kommunikation zwischen den Einsatzteams mangelhaft gewesen. So hätten kleine Gruppen immer wieder Entscheidungen getroffen, ohne die Vorgesetzten darüber zu informieren.

Ausweichende Sprache der Regierung

Die Experten werfen Tepco vor, die Gefährdung des Atomkraftwerks falsch eingeschätzt und Mitarbeiter nicht ausreichend ausgebildet zu haben. Tepco sei nicht auf eine 14 Meter hohe Tsunami-Welle vorbereitet gewesen, obwohl die Gefahr real gewesen sei. "Tepco rechnete nicht mit einer Situation, in der alle Stromquellen in mehreren Reaktoren wegen einer Naturkatastrophe gleichzeitig unterbrochen würden, und hat die Mitarbeiter nicht ausgebildet, darauf zu reagieren", kritisierten die Fachleute. So wurde davon ausgegangen, dass eine Flutwelle maximal sechs Meter erreichen würde.

Tepco habe zudem falsch auf die Katastrophe reagiert, hieß es in dem mehr als 500-seitigen Bericht, für den 456 Beteiligte, darunter Arbeiter und Regierungsangestellte, befragt wurden. Die Kernschmelzen und das Entweichen radioaktiven Materials hätten begrenzt werden können, wenn in den Reaktoren 1 und 3 früher Druck abgelassen worden und schneller Wasser zur Kühlung zugeführt worden wäre.

Laut Untersuchungsbericht waren die durch den Tsunami verursachten Schäden allerdings womöglich so schwer, dass es auch bei einer vorbildlichen Reaktion zur Kernschmelze gekommen wäre. Jedoch hätten Lecks, durch die strahlendes Material in die Umwelt entwich, verhindert werden können.

Auch die Informationspolitik der Regierung wird kritisiert. Sie habe ausweichende Sprache eingesetzt, um die Kernschmelzen zu vertuschen, wodurch eine Evakuierung des betroffenen Gebietes verzögert worden sei.

Der Zwischenbericht gab einen Überblick über die Ermittlungen der Regierung zu dem Unglück, die Mitte 2012 abgeschlossen sein sollen. Die mehrwöchigen Kontrollen sind alle 13 Monate vorgeschrieben. Vor dem Wiederanfahren müssen sie aufgrund der Atomkatastrophe von Fukushima sogenannte Stresstests bestehen.

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