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Bericht des Instituts für Nuklearsicherheit:Experten fordern Nachrüstung französischer AKWs

In Japan hatten die Betreiber der Atomkraftwerke die Folgen von Naturkatastrophen unterschätzt - mit katastrophalen Folgen. Eine Überprüfung französischer Anlagen hat nun ergeben: Auch die Anlagen dort müssten nachgerüstet werden.

Frankreich muss offenbar alle Atomanlagen nachrüsten, um sie besser gegen Naturkatastrophen zu schützen. Das ist das Fazit einer Untersuchung des französischen Instituts für Nuklearsicherheit (IRSN).

Umweltministerin Peter will schnelle Nachruestungen am AKW Cattenom

Französische Atomkraftwerke wie das AKW Cattenom müssen nachgerüstet werden, um auch schwere Erdbeben und Überschwemmungen überstehen zu können.

(Foto: dapd)

Wie auch andere Länder hatte Frankreich nach der Katastrophe von Fukushima-1 Sicherheitsprüfungen der 58 Atomreaktoren des Landes sowie einer noch im Bau befindlichen Anlage angeordnet.

Ziel der Tests war, festzustellen, ob sie ausreichend geschützt sind gegen Überschwemmungen, Erdbeben, Stromausfälle und ein Versagen des Kühlsystems. Auch wurde geprüft, ob die Betreiber darauf vorbereitet sind, mit entsprechenden Unfällen umzugehen.

In ihrem 500-seitigen Bericht, den sie im Auftrag der Behörde für nukleare Sicherheit (ASN) angefertigt haben, stellen die Experten fest, dass die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausreichen. So gebe es beispielsweise nicht genug Wasserreserven für Notfälle in Dampf-Generatoren. Auch einige Röhrensysteme würden bei Erdbeben auseinanderbrechen, warnte das IRSN, das Angaben der Betreiber nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima-Daiichi ausgewertet hat.

"Das sind kleine Fehler, die schwere Auswirkungen haben können", sagte IRSN-Leiter Jacques Repussard. Insgesamt seien die französischen Anlagen zwar sicher. Aber "es ist notwendig, die Reaktoren mit zusätzlichen Sicherheitsmechanismen auszurüsten, die wichtig sind, um die Kühlung und die Energieversorgung aufrechtzuerhalten", erklärte er. "Zum Beispiel ist es notwendig, dass jeder Reaktor über mindestens einen sicheren, unabhängigen Dieselgenerator verfügt, der so aufgestellt ist, dass er auch bei einem extrem starken Erdbeben nicht ausfällt."

Alle Reaktoren müssten schlimmere Ereignisse überstehen als solche, für die sie ausgelegt sind, so Repussard. Beispiele für solche Katastrophen wären die Zerstörung der Stadt Nizza oder die gleichzeitige Zerstörung sämtlicher Staudämme in Frankreich, was zu extremen Überschwemmungen führen würde.

Kritik übte das Institut insbesondere am Atomkomplex im südfranzösischen Tricastin. Dort müsse ebenso wie in Gravelines im Norden und in Saint-Alban bei Lyon berücksichtigt werden, dass in der Nähe gefährliche Fabriken beispielsweise zur Herstellung von Chemikalien stünden.

Erst im Sommer war ein Feuer in Tricastin ausgebrochen, wo neben dem Atomkraftwerk auch Forschungseinrichtungen sowie Betriebe zur Urananreicherung und Abfallbeseitigung stehen.

Letztlich bedeutet der Bericht, dass die Ingenieure ihre Vorstellungen vom GAU, dem "größten anzunehmenden Unfall", verändern müssen. Atomkraftwerke werden so konstruiert, dass bei einem solchen Unfall keine Strahlung austritt. Im Falle einer Katastrophe, die sich die Experten nicht vorstellen konnten - oder wollten -, und für die eine Anlage deshalb nicht ausgelegt ist, kommt es zum Super-GAU wie in Fukushima-1 oder 1986 in Tschernobyl.

Ursache für den Super-GAU in Japan war ein Erdbeben und ein darauf folgender Tsunami. Durch die Katastrophe waren die Kühlsysteme in mehreren Reaktoren vollständig ausgefallen, da die Dieselgeneratoren, die im Notfall die Energieversorgung aufrechterhalten sollten, überschwemmt wurden.

Die ältesten Atomreaktoren in Frankreich wurden zwar nach einem System der doppelten Absicherung gebaut: Es gibt immer zwei Reaktoren, so dass einer die Energieversorgung gewährleisten soll, wenn der andere ausfällt. "Man hat sich nie vorgestellt, dass es gleichzeitig Probleme in zwei Reaktoren geben könnte", kritisiert Repussard.

Wie hoch die Kosten für eine Nachrüstung sein könnten, und wie viel Zeit dafür notwendig ist, ist noch unklar. Der IRSN-Experte erklärte, dass die Arbeiten möglichst nicht länger als einige Jahre dauern sollten. Notwendig sei es aber vor allem, die Arbeiten am derzeit entstehenden Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) am Ärmelkanal anzupassen.

Der neue Vorzeige-Reaktor war erst im September wegen einer Reihe von Mängeln beim Bau in die Schlagzeilen gekommen. Es handelte sich der ASN zufolge um Konstruktionsfehler, die die Sicherheit des Kraftwerks erheblich hätten beeinträchtigen können.

Eine der französischen Atomanlagen abzuschalten, hält Repussard nicht für notwendig. Alle Anlagen ließen sich mit den entsprechenden Maßnahmen schützen.

Die Atomaufsichtsbehörde ASN wird den Bericht nun auswerten und Ende 2011 ihre Schlussfolgerungen der Regierung unterbreiten.

Während Deutschland sich angesichts der Katastrophe von Fukushima entschlossen hat, bis 2022 aus der Atomkraft auszusteigen, ist die Zukunft der Kernenergie in Frankreich noch nicht klar.

Frankreich bezieht drei Viertel seines Stroms aus seinen 58 Reaktoren und ist der größte Atomstromproduzent Europas. Eine Mehrheit der Franzosen betrachtet die Atomenergie zwar inzwischen skeptisch. Die Regierung hält jedoch daran fest. Und Sozialisten und Grüne, die gegebenenfalls gemeinsam die Konservativen in Paris ablösen wollen, streiten darüber, ob und wann das Land aussteigen sollte.

Die Haltung zur Atompolitik war in Frankreich bislang einer der Punkte, an denen eine rot-grüne Koalition in Frankreich scheitern könnte. François Hollande, Spitzenkandidat der Sozialisten, hat bei den Verhandlungen der beiden Parteien den von den Grünen geforderten Baustopp für den Druckwasserreaktor EPR am Ärmelkanal abgelehnt. Inzwischen gibt es einen atompolitischen Kompromiss: Die Parteien haben sich darauf geeinigt, bis 2025 insgesamt 24 Reaktoren abzuschalten und das Atomkraftwerk Fessenheim am Rhein sofort vom Netz zu nehmen.