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Bemannte Raumfahrt:Houston, wir müssen mal

Wann immer Astronauten öffentlich auftreten - irgendjemand fragt mit Sicherheit nach ganz bestimmten Bedürfnissen im All. Denn auch Raumfahrer brauchen eine Toilette. Die US-Wissenschaftsautorin Mary Roach hat eine höchst menschliche Geschichte der bemannten Raumfahrt geschrieben.

Die Toilette, letztlich ist es immer die Toilette: Raumfahrer können noch so tolle Taten vollbringen. Sie können neue Welten erkunden, sie können die Rätsel der Astronomie lösen, sie können beeindruckende Fotos schießen. Doch sobald sie öffentlich auftreten, dreht sich eine der ersten Fragen - egal ob von kichernden Kindern oder leicht verschämten Erwachsenen - stets um die menschlichen Bedürfnisse im All.

Weltraum Toilette im Weltraum Video
Bemannte Raumfahrt

Toilette im Weltraum

US-Astronaut Mike Massimino gibt die Antwort auf die Frage: Wie geht man im Weltraum auf das Klo?

Die Faszination fürs Fäkale ist groß, mitunter sogar skurril: Wenn die Toilette auf der Internationalen Raumstation ISS mal wieder defekt ist, nimmt die ganze Welt Anteil. Nachrichtenagenturen verschicken Eilmeldungen, Zeitungskorrespondenten werden nachts herausgeklingelt, das Fernsehen würde am liebsten live ins Weltraum-WC schalten. Es ist die größte anzunehmende Unpässlichkeit.

Höchste Zeit also, dass sich jemand dieser weniger glamourösen Aspekte der Raumfahrt annimmt. Die amerikanische Wissenschaftsautorin Mary Roach hat sich nun erbarmt. Ihr Buch, das dieser Tage auf Deutsch erscheint, trägt den unmissverständlichen Titel "Was macht der Astronaut, wenn er mal muss?" Mit viel Witz und einem scharfen Blick fürs Absurde durchkämmt Roach die Abgründe, für die kein Platz in den Hochglanz-Broschüren der Raumfahrtagenturen ist.

Detailliert widmet sie sich dabei den menschlichen Körperfunktionen und ihrem fortwährenden Kampf mit der Schwerelosigkeit. Sie beschreibt aber auch die Auswahl und das Training von Astronauten, und sie geht - aus einer sehr persönlichen Perspektive - den Fragen nach Essen, Hygiene und, natürlich, Sex im Weltall nach.

Zwei Jahre lang hat Roach nach eigenen Angaben für ihr Buch recherchiert. Sie hat Raumfahrtzentren rund um die Welt besucht und ist dabei in parallele Galaxien vorgedrungen, die Nasa & Co. allzu gerne vor neugierigen Blicken verstecken. In eine Toilette auf dem Gelände des Johnson Space Centers der Nasa im texanischen Houston zum Beispiel: "Positionstrainer" steht dort auf einem kleinen Plastikschild neben dem WC. Und: "Setzen Sie sich auf den Trainingssitz und spreizen Sie das Gesäß." Es ist jener Ort, an dem angehende Astronauten, gestandene Männer und Frauen, die Besten ihrer Generation, noch mal lernen, aufs Töpfchen zu gehen.

Das klingt paradox - und folgt doch einer zwingenden Logik: Normale Toiletten haben eine Öffnung von etwa 45 Zentimetern. Weltraumtoiletten, wie sie jahrelang im amerikanischen Spaceshuttle verwendet wurden, bringen es nur auf zehn Zentimeter Durchmesser. Präzisionsarbeit ist angesagt, zumal ohne Schwerkraft das Gefühl für den korrekten Sitz fehlt: Die meisten Astronauten, erfährt Roach bei ihren Recherchen, landen zunächst zu weit hinten. Deshalb ist tief im Positionstrainer auch eine nach oben gerichtete Kamera verbaut, deren Bilder über einen Monitor neben dem Weltraum-WC flimmern. Sie eröffnen den Astronauten völlig neue Perspektiven.