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Bauen:Architektur des Wissens

Das Zusammenspiel von Baukunst und Pädagogik: Was die Lehre von den Räumen mit den Räumen zum Lernen zu tun hat.

Ein jeder", heißt es in Goethes Faust, "lernt nur, was er lernen kann . . ." Dieser Satz findet sich in der Szene "Studierzimmer". Das was im Zitat lässt sich dabei bequem durch ein wie, ja sogar durch ein worin ersetzen. Und schon ist man bei der Architektur und bei der Lehre der Räume, die etwas zu tun haben mit den Räumen zum Lernen.

Das vermutlich berühmteste "Studierzimmer" der Welt wurde räumlich fast immer als eine Art Vorhölle des Denkens interpretiert: als faustischer Ort der Sinnsuche, des Erkenntnisstrebens und des Scheiterns an beidem. Als Inventar diente den Inszenierungen meist ein karger Ofen, ein schlichtes Katheder, dazu Dunkelheit und grässlicher Schwefelgestank.

"Aufrichtig", sagt der auftretende Schüler bei Goethe dazu, "Aufrichtig, möchte schon wieder fort: / In diesen Mauern, diesen Hallen / Will es mir keineswegs gefallen. / Es ist ein gar beschränkter Raum, / Man sieht nichts Grünes, keinen Baum, / Und in den Sälen, auf den Bänken, / Vergeht mir Hören, Sehn und Denken."

Im Reich von Dichtung und Wahrheit kommt die Schule des Lebens nicht gut weg. Ob Klassenzimmer oder Vortragssaal, Kindergarten oder Universität: Nach faustischem Vorbild werden die Räume der Pädagogik literarisch, cineastisch oder popmusikalisch oft als wahre Dunkelkammern inszeniert. Nicht als Arkadien des Geistes, sondern als Martyrium des Schreckens.

Da wird Robert Musils "Zögling Törleß" in einer grausigen Kadettenanstalt gequält; da flüchtet Peter Weirs "Club der toten Dichter" aus den ruhmreichen Hallen eines Elite-Internats in eine kalte, schneeverwehte Höhle im Freien; da muss sogar Rowlings "Harry Potter" die Zauberschule Hogwarts am Ufer des schwarzen Sees besuchen, deren 142 verwirrende Treppen "freitags woanders hinführen als montags"; und die Schule, die von der Band Pink Floyd einst besungen wurde, ähnelt "The Wall" einer gigantischen Mauer, die man schleunigst einreißen sollte.

Die Schule aus Poeten-Sicht ist ein gefährliches Labyrinth, eine obszöne Marterstätte oder gleich die eigentliche Hölle. Der Schriftsteller Erich Kästner vermutet in seinen Kindheitserinnerungen, dass Schulen oft von Architekten gebaut werden, die sonst Kasernen oder Gefängnisse errichten.

Das Problem heutiger Pädagogik-Bauten liegt darin, dass es noch immer viel zu wenig Schul-Architekturen gibt, die sich Klischee-Bildungen sinnfällig verweigern. In einem schwedischen Sprichwort ist von den drei zur schulischen Ausbildung nötigen "Lehrern" die Rede: Der "erste Lehrer", das sind die Mitschüler.

Der "zweite Lehrer", das ist der eigentliche Klassenvorstand, also der Lehrer selbst. Und der "dritte Lehrer", das ist der Raum, in dem sich Verstehen und Wissen in idealer Weise ereignen können.

Wer sich allerdings die Tradition des Schul- und Hochschulbaus in Deutschland vergegenwärtigt, der sucht meist vergeblich nach diesem dritten Lehrer. Spätestens seit den sechziger Jahren, in denen sich auch hierzulande das Fach "Architekturpsychologie", die Lehre von der Wahrnehmung und Wirkung von Räumen, akademisch halbwegs etablieren konnte, spätestens seit dieser Zeit dürfte eigentlich keine Schule mehr entgegen lehrpsychologischer Erkenntnisse errichtet worden sein.

Wusste man nur zu gut, dass Winston Churchill wohl Recht hatte: "We give shape to our buildings, and they, in turn, shape us." Erst bauen wir Räume, dann bauen die Räume uns. Das gilt in besonderer Weise für die Räume der Pädagogik, in denen sich Kommunikation und Interaktion besonders intensiv entfalten.

Schulen hätten also räumlich-pädagogisch längst Schule machen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade in den sechziger und siebziger Jahren sind in Deutschland Schulen und Hochschulen gebaut worden, die den dritten Lehrer, die Raumlehre, als konstituierendes Bau-Element quasi abgeschafft haben.

Damals begnügten sich die Architekten häufig mit den von den Ländern herausgegebenen Schulbaurichtlinien. Diese Empfehlungen aus Amtsstuben kreisen allerdings nur um Brandschutz, Rettungswege oder Quadratzahlen. Neuere pädagogische Konzepte, die Lehrräume als Lebensräume begreifen und Transparenz sowie Varianz fordern, sind bis heute kaum in entsprechende Architekturen übersetzt worden; die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die traurige Regel. "Im Schul- und Hochschulbau", sagt Otto Seydel, der Leiter des Instituts für Schulentwicklung in Überlingen, "herrscht entsetzliche Langeweile."

Dabei geht es mehr denn je um räumliche Erlebnisqualität und architektonische Identitätsstiftung als Katalysatoren des Lehrens und Lernens.

In dem 2002 erschienenen Buch "Schulen der Zukunft. Gestaltungsvorschläge der Architekturpsychologie" von Rotraut Walden und Simone Borrelbach wird eine Art Bau-Grammatik für die Schulen entwickelt. Demnach haben zukunftsweisende Orte der Pädagogik zu berücksichtigen:

Mitentscheidungsrechte aller Nutzer, umweltfreundliche Baumaterialien, die Möglichkeit, räumliche Bedingungen, etwa das Klima, selbst zu regulieren, eine klare Orientierung, natürliche Belichtung, vor allem aber Flexibilität und Multifunktionalität der Räume. Und das alles, ohne auf Identität zu verzichten. Orte der Kommunikation zu errichten, ist also eine besondere Baukunst.

Diese Kunst ist von Bedeutung. Denn womöglich liegt es nicht nur an überalterten Büchern oder unmotiviertem Lehrpersonal, wenn deutsche Schüler in der Pisa-Studie nicht überzeugen und deutsche Hochschulen international zusehends abfallen.

Man muss bei der Ursachenforschung auch über Deckenhöhen, Materialien, Farben und Raumkonzepte nachdenken. Mit einem Wort: über die Architektur des Wissens. Das könnte sich auch ökonomisch lohnen. In der "Bosti Studie" (Buffalo Organization for Social and Technological Innovation), durchgeführt in 70 Firmen in den USA, wurde die Effektivität von architekturpsychologisch gesteuerten Gestaltungsveränderungen und Umfeldoptimierungen am Arbeitsplatz untersucht.

Ergebnis: Nach fünf Jahren hatten die Angestellten ihre Leistung um bis zu 17 Prozent gesteigert. Was für US-Firmen gilt, könnte für deutsche Wissensfabriken ebenfalls richtig sein.

Deshalb stimmen die Nachrichten vom zaghaften Wandel in der Schul- und Hochschularchitektur optimistisch. Offenbar ist die Bedeutung der Architektur inzwischen auch in der Pädagogik unstrittig. Klassenzimmer und Lehrsäle werden zunehmend ersetzt durch flexibel bespielbare Zonen. Die Grenzenlosigkeit des Wissens wird immer öfter durch zur geistigen Osmose taugliche Architekturen vermittelt.

Der gesellschaftliche Wandel im Lern-Alltag hin zu Segmentierung, Pluralisierung und Individualisierung, zu Professionalisierung und auch zu einer gebotenen Ökonomisierung findet langsam seinen Niederschlag in der Lehre von den Räumen. Dass man fürs Leben lernt, ist unstrittig. Schön aber, dass wir auch zu begreifen beginnen, wie man fürs Leben-Lernen baut. Schon damit uns das faustische "Hören, Sehn und Denken" nicht vergeht.

© SZ vom 10.1.2005
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