Süddeutsche Zeitung

Pädagogik:Streit um Barbies im Klassenzimmer

Der Spielwarenhersteller Mattel verteilt massenweise Barbiepuppen an britischen Schulen. Pädagogisches Material oder verdecktes Marketing? Klar ist: Puppen helfen Kindern.

Von Christian Weber

Es läuft gerade ziemlich gut für Barbie, die seit 1959 durch die Kinderzimmer der Welt stromert. Nicht nur in den Kinos der Welt, sondern auch in den Schulen Großbritanniens macht sich die langbeinige, blonde Modepuppe derzeit breit, wie in dieser Woche das Fachmagazin British Medical Journal (BMJ) kritisch vermerkt hat: Im sogenannten "Barbie School of Friendship"-Programm hat der Spielwarenhersteller Mattel an 700 Grundschulen im Land Pakete von jeweils zwölf Barbies und Kens verschenkt, "mit dem Potenzial, insgesamt 150 000 Schüler zu erreichen", so berichtet freudig das Unternehmen. Natürlich nur mit besten Absichten, erklärt Mattel. Schließlich würden Kinder im Puppenspiel soziale Fähigkeiten erlernen, etwa den empathischen Umgang mit anderen Menschen.

Kritiker hingegen vermuten bei der Geschenkaktion vor allem Marketing-Interessen des Herstellers, sie kritisieren die mit der Barbie-Figur angeblich verbundenen Gender-Stereotypen und stellen auch den pädagogischen Wert der Aktion infrage. "Kommerzielle Unternehmen wie Mattel haben keine Expertise für die Gesundheit oder Erziehung von Kindern, sie sind Experten darin, Produkte zu verkaufen und Profite zu maximieren", schimpft May van Schalkwyk im BMJ, eine Public-Health-Expertin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. "Warum sollten Kinder dieser Art von verdecktem Marketing ausgesetzt werden?"

Doch vielleicht ist die Sachlage doch etwas komplexer als solche naheliegenden Einwände vermuten lassen. Das BMJ selbst zitiert Lehrer, die auf den großen Mangel an Lehrmaterialien an vielen unterfinanzierten britischen Schulen verweisen. Mithilfe der Barbies und Kens hätten die Schüler und Schülerinnen wertvolle Diskussionen über Freundschaft, soziale Fähigkeiten, Empathie, Stereotypen, Behinderungen und Freundlichkeit geführt. "Wir leben in einer sozial schwachen Gegend, und viele unserer Kinder haben wenig Gelegenheit, sich mit solchen Aktivitäten zu beschäftigen", verteidigt eine Lehrerin die Mattel-Aktion.

Braucht man einen Hirnscanner, um nachzuweisen, dass das Spiel mit Puppen soziale Fähigkeiten fördert?

Etwas angestrengt erscheint allerdings der Versuch des Barbie-Herstellers selbst, das Spiel mit Barbie und Ken mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zu untermauern. Mattel verweist unter anderem auf eine von Mattel mitfinanzierte Studie an der Cardiff University, die 2020 von einem Team um Sarah Gerson im Journal Frontiers in Human Neuroscience publiziert wurde. Die Forscher und Forscherinnen beobachteten die Hirnaktivität von 33 Kindern im Alter von vier bis acht Jahren, die im Vergleich mit diversen Barbies und Tablets spielten. Dabei zeigte sich, dass beim Puppenspiel der hintere Sulcus temporalis superior (pSTS) stärker aktiviert war. Das ist eine Hirnregion, die für die Verarbeitung sozialer Information zuständig ist. "Das Spielen mit Puppen hilft Kindern, einige der sozialen Fähigkeiten zu üben, die sie später im Leben brauchen werden", folgert Studienleiterin Gerson laut einer Pressemitteilung von Mattel.

Ob es für diese Einsicht einen Hirnscanner braucht, kann man sicher bezweifeln, zumal er in der vorliegenden Studie nur eine Momentaufnahme liefert und keine dauerhaften Veränderungen in Gehirn und Verhalten der Kinder abbildet. Klar scheint: "Das frühere Barbie-Bashing in der lange Zeit üblichen Form scheint doch irgendwie überholt zu sein", sagt die Entwicklungspsychologin und Sozialwissenschaftlerin Insa Fooken von der Universität Frankfurt, die sich viele Jahre damit beschäftigt hat, wie Menschen mit Puppen umgehen.

Man dürfe das Puppenthema nicht nur in seiner "naiv-infantilen Tönung" wahrnehmen, sagt Fooken. "Eine Puppe ist niemals nur eine Puppe und auch niemals nur harmlos." Puppen seien vielmehr "anthropomorphe Spielzeuge", die auf unterschiedliche Weise genutzt werden könnten. Sie eröffneten einen "Spiel- und Beziehungsraum, in dem geübt, gelernt und Verantwortung übernommen wird", so schreibt Fooken in einem anderen Text - was inhaltlich durchaus zu den Barbie-Hirnscanner-Versuchen passt. Nur würde das mit anderen Puppen wahrscheinlich genauso funktionieren.

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