Ballern als Therapie Mit der Kraft des virtuellen Schreckens

Jeder sechste US-Soldat, der im Irak gekämpft hat, zeigt posttraumtischen Stress oder Depressionen. Können die Betroffenen mit Hilfe von Szenarien aus Computerspielen lernen, mit ihren furchtbaren Erfahrungen umzugehen? Ja, glauben Psychologen der US-Armee - und deuten so darauf hin, dass die realistischen Bilder der Ego-Shooter stärker auf uns wirken, als viele glauben.

Von Von Markus C. Schulte v. Drach

Eine palmengesäumte Gasse im Straßenlabyrinth einer fremden Stadt, Hausdächer, auf denen maskierte Heckenschützen lauern können, zerbombte Autos, Hubschrauber, die im Tiefflug über die Stadt fliegen, jederzeit kann am Straßenrand eine Bombe explodieren.

Ein neuer Therapieansatz der US-Armee benutzt das Programm Full Spectrum Warrior von den Pandemic Studios, LLC.

(Foto: Screenshot)

Plötzlich fliegen Kugeln, die Straße wird von Explosionen erschüttert, Menschen liegen in ihrem Blut.

Die Szenarien, die viele Jugendliche und junge Erwachsene in so genannten Ego-Shootern erleben, werden immer realistischer.

Trotzdem, so behaupten die meisten Spieler und Spiele-Hersteller sowie manche Fachleute, hat die Darstellung der Gewalt keine Auswirkungen auf Verhalten oder Psyche.

Doch Psychologen der US-Armee sehen das offenbar anders.

Sie hoffen, dass gerade der Realismus, den diese Bilder inzwischen bieten, Soldaten helfen können - Männer und Frauen, die traumatisiert aus dem Irak heimgekommen sind.

Posttraumatischer Stress und Depression

Das gilt für sehr viele Soldaten, die im Kampfeinsatz im Irak waren. Etwa jeder sechste Heimkehrer zeigt Symptome einer Depression, einer Angststörung oder von posttraumatischem Stress, meldete kürzlich das Fachblatt New England Journal of Medicine.

Sie leiden unter dem, was sie dort gesehen, erlebt und getan haben. Sie haben Alpträume, es kommt zu so genannten Flashbacks, bei denen sie plötzlich wieder im Irak sind.

Manche ziehen sich zurück und versuchen, alle Erinnerungen an ihren Kampfeinsatz zu blockieren - häufig mit Hilfe von Drogen und Alkohol.

Behandelt werden die meisten mit Antidepressiva und Gesprächstherapien. In Zukunft aber kommt vielleicht auch die Konfrontation mit der eigentlichen Ursache für das Trauma hinzu - in der virtuellen Realität.

Mit Hilfe eines so genannten Ego-Shooters, so hoffen Psychologen des Office of Naval Research in Arlington, sollen sie lernen, mit dem Erlebten umzugehen. Wie die Washington Post berichtet, werden die Soldaten dazu das tun, was sie am allerwenigsten tun wollen - sich erneut dem aussetzen, was zu ihrem Trauma geführt hat.

Programm auf der Basis eines Spiels

In Kalifornien und auf Hawaii sollen etwa 250 Soldaten an der Studie teilnehmen, der die Psychologen das Computerspiel Full Spectrum Warrior zugrunde legen.

Zuerst, so die Post, werden die Teilnehmer durch die Virtuelle-Realitäts-Brille wenig bedrohliche Szenarien erleben - leere Straßen etwa, die dann nach und nach mit anderen Soldaten und Zivilisten belebt werden. Innerhalb von Wochen oder Monaten werden sie jedoch mit zunehmend dramatischeren Situationen konfrontiert bis sie sich schließlich im virtuellen Gefecht wiederfinden.

Zusätzlich planen die Psychologen während des Spiels den Einsatz von Geruchsstoffen und einer hohen Umgebungstemperatur, die die Soldaten zusätzlich an den Einsatz im Irak erinnern sollen.

Die Idee, Ängste und Traumata mittels einer Konfrontation mit den Auslösern zu bekämpfen, ist nicht neu. So wird zum Beispiel auch über Hypnose versucht, Patienten in einer sicheren Umgebung und unter kontrollierten Bedingungen in die Situation zurückzuversetzen, die ihr Leiden ausgelöst hat.

Und bereits seit längerer Zeit werden in der Verhaltenstherapie Computerprogramme eingesetzt, die Patienten in kritische Situationen hineinversetzen, damit sie lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen.

So wurden bereits Überlebende des Anschlags auf das World Trade Center mit Hilfe solcher Programme behandelt. Und selbst Ego-Shooter-Umgebungen wurden bereits therapeutisch eingesetzt.

So konnten kanadische Forscher letztes Jahr zeigen, dass Patienten lernen, besser mit ihrer Spinnenangst umzugehen, wenn sie solchen Tieren wiederholt in der virtuellen Realität eines 3D-Spiels wie Half-Life begegnen. Das gleiche gilt für die Behandlung von Höhenangst.

Virtuelle Gefechtssituation

Neu an der Studie der US-Armee ist allerdings, dass die traumatisierten Soldaten virtuelle Gefechtssituationen erleben, denen sich auch viele Jugendliche und junge Erwachsene zum Spaß aussetzen.

Nun wird in der Diskussion um die Folgen der Gewalt in den Ego-Shootern häufig behauptet, die Spiele seien harmlos, weil die Spieler schließlich zwischen Realität und Spiel unterscheiden könnten.

Doch es gibt Hinweise darauf, dass die Erfahrungen, die man in sehr realistischen Spielen macht, durchaus in die Realität transferiert werden könnten.

Die Psychologen der US-Armee setzen jedenfalls darauf, dass die Soldaten reale Erfahrungen unter anderem mit Hilfe virtueller Erfahrungen zu verarbeiten lernen, die den realen ähneln.

Haben sie recht, wäre die Mauer, die unser Gehirn zwischen realer Umwelt und Spiel-Erfahrung zieht, nicht so dick, wie mancher glaubt.

Die Studie der US-Armee steckt noch in den Vorbereitungen und bislang ist nicht klar, ob die Therapie helfen wird. Auch werden die Soldaten weiterhin im Rahmen einer Gesprächstherapie behandelt, die wiederum die Erfahrungen mit der virtuellen Welt berücksichtigt.

Die Diskussion um die Wirkung der Gewalt wird deshalb unabhängig von den Hoffnungen der Armee-Psychologen weitergehen.