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Satellit "Azur":Als Deutschland zur Raumfahrt-Nation wurde

Ein Blick ins Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts? Nein, so sahen Raumfahrt-Kontrollzentren 1969 wirklich aus.

(Foto: Wolf Schultze)

Vor 50 Jahren startete der erste deutsche Satellit. Fast wäre "Azur" aber an den Ratschlägen der Nasa gescheitert.

Der Sprung ins Weltall gelang Deutschland in Kalifornien. In der Abenddämmerung des 7. November 1969 hob auf der "Western Test Range" nördlich von Los Angeles eine Scout-B-Trägerrakete der Nasa ab. Oben an der Spitze montiert: Der erste deutsche Satellit, genannt Azur, der nach mehr als fünfjähriger Bauzeit in die Umlaufbahn der Erde geschickt wurde. In Deutschland war zum Zeitpunkt des Starts schon der Morgen des 8. November angebrochen.

Kurz nachdem mit Neil Armstrong im Juli 1969 erstmals ein Mensch den Mond betreten hatte, wurde vor 50 Jahren auch die Bundesrepublik zur Raumfahrt-Nation. Heute ist das nichts Besonderes mehr, rund 2000 Satelliten kreisen derzeit um die Erde. Doch Ende der 1960er-Jahre hatten neben den Supermächten Sowjetunion und USA nur Großbritannien, Italien, Frankreich, Kanada und Australien schon eigene Satelliten im Orbit platziert.

Azur machte Deutschland zur Nummer acht im All. Dabei verweist der Name eigentlich auf einen Makel. Azur hieß so, weil er über und über mit blauen Solarzellen bestückt war, was das Raumgerät schimmern ließ wie das Meer. Blau heißt technisch gesehen aber, dass ein Teil des Lichts reflektiert wird, die Energie der Sonnenstrahlen wird also nicht komplett ausgenutzt. Ideale Solarzellen sind daher schwarz. Aber damals waren es eben die modernsten Solarzellen, die es gab.

"5044 Stück waren es genau", sagt Wolf Schultze. Er weiß es so genau, weil er damals vor 50 Jahren der Hauptverantwortliche für Azur war, und persönlich für die Energieversorgung des Geräts zuständig. Der 82-jährige Physiker hat in sein Arbeitszimmer in einem Vorort im Süden von München eingeladen, und klickt, Pantoffeln an den Füßen, durch alte Fotos: Er mit einem Kollegen, wie sie in gelben Overalls am Satelliten herumschrauben. Ein verbotener Blick aus der Ferne auf das Startgelände an der US-Westküste, im Hintergrund der Pazifik, als Militärbereich für Fotos eigentlich tabu. Die aufgebockte schmale weiße Trägerrakete, an der Spitze das Logo der Mission: eine amerikanische und deutsche Fahne ineinander verschränkt, darunter der Schriftzug "Cooperative Space Program".

Für eine Million Mark bestellten die Deutschen eine Studie bei der Nasa - die sich als nutzlos erwies

Ohne die Amerikaner hätten die Deutschen damals keine Schraube ins All befördern können, verfügte die Bundesrepublik doch über keine Trägerraketen. Allerdings hatten die Amerikaner ihrerseits auch ein Problem: Einer der ersten Satelliten der USA war mit einem Geigerzähler ausgestattet, um radioaktive Strahlung zu messen. Doch er war in einem so energiereichen Gebiet um die Erde geflogen, dem nach einem US-Physiker benannten "Van-Allen-Gürtel", dass der Geigerzähler vor lauter hochenergetischen Partikeln nur noch Rauschen registrierte. Es wurde schnell klar, dass man mehr über dieses Strahlungsfeld erfahren musste. Zugleich suchten die USA engere Kontakte zur deutschen Industrie, die sie für besonders zuverlässig hielten.

"Azur" war über und über mit blauen Solarzellen bedeckt

(Foto: Wolf Schultze)

Somit eröffnete sich für Deutschland die Chance, eine eigene Forschungsmission zu entsenden, um den Strahlungsgürtel um die Erde erstmals zu vermessen - und zu ergründen, wie die geladenen Teilchen etwa mit den Polarlichtern in der Arktis zusammenhängen. Der 72 Kilogramm schwere Satellit war dafür mit starken Magneten und Messgeräten ausgestattet, um das Magnetfeld der Erde zu kartieren und sich an ihm zu orientieren.

Eine Blaupause hierfür gab es nicht. Also hoffte das Entwicklerteam, das unter Leitung des Luft- und Raumfahrtkonzerns Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) arbeitete, zunächst auf die Nasa. Für eine Million Deutsche Mark gab die "Gesellschaft für Weltraumforschung", eine Vorläuferorganisation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), eine Machbarkeitsstudie bei den Amerikanern in Auftrag. "Wir haben erst mal analysiert: Was wollen die Amis? Wie würden die das machen? Und haben dann festgestellt, dass der Vorschlag absolut undurchführbar war", sagt Schultze. So schlug die Nasa für den Satelliten eine damals übliche Bauweise vor, die sich aber als untauglich herausstellte. Über den Polen, wo das Gerät Messungen vornehmen sollte, wäre die Energieversorgung aufgrund der Stellung der Solarpanel vermutlich zusammengebrochen. "Wir konnten nichts von der Studie übernehmen" sagt Schultze. 1966 reiste das Team erstmals in die USA, um die Probleme anzusprechen. Wohl sei keinem dabei gewesen. "Wir mussten diesen erfahrenen Typen klarmachen: Ihr habt Mist gemacht. Wir als Anfänger", sagt Schultze. Für das Team sei das aber ein Schlüsselerlebnis gewesen: So habe man gelernt, dass man es auch selbst schaffen könne.

In der Umlaufbahn verstellte sich die Elektronik des Satelliten - hatten die Sowjets ihn gehackt?

Beim Start drei Jahre später patzte die Nasa erneut. Während des Probecountdowns am 6. November lief Flüssigtreibstoff aus der Rakete und fing Feuer. Als das Leck behoben war, hob die Scout schließlich einen Tag später als geplant ab und brachte den Satelliten auf eine hochelliptische Bahn in 383 bis 3145 Kilometer Abstand von der Erde. Beim ersten Kontakt, den eine Bodenstation in Johannesburg herstellte, folgte der nächste Schock. Zwar war Azur auf Kurs, doch praktisch alle Bordeinstellungen, etwa zur Steuerung der wissenschaftlichen Experimente, waren verstellt. Hatten die Russen ihre Finger im Spiel? Der Verdacht lag nahe, schließlich befand man sich mitten im Kalten Krieg. Die Befürchtung: Die Sowjets könnten von ihren Bodenstationen aus Kommandos zum Satelliten gefunkt haben, um ihn zu hacken. Bei jeder Erdumrundung verstellten sich die Schalter aufs Neue.

Tatsächlich brachte der Ost-West-Konflikt die Elektronik durcheinander - allerdings ganz anders als zunächst gedacht, wie eine eilige Untersuchung zeigte. Üblicherweise werden Befehle, um einen Satelliten zu steuern, drei Mal hintereinander geschickt, nur dann reagiert der Empfänger darauf. Das soll ungewollte Anweisungen, sogenannte "Spurious Commands" verhindern. Auf Rat der Nasa hatten die Entwickler dieses Sicherheitsmerkmal aber abgestellt, der Satellit reagierte also schon auf einfachen Befehl. Bei der Untersuchung bemerkte das Azur-Team, dass die Fehlschaltungen vor allem beim Überflug über die amerikanische Westküste erfolgten, nahe der russischen Grenze oder Alaska. Also überall dort, wo Radaranlagen in Richtung Westen oder Osten spähten. Diese Funksignale der Radarschüsseln interpretierte der Satellit fälschlich als Befehle. "Wir haben mit dem Satelliten im Endeffekt Spionage betrieben", scherzt Schultze. Anhand der räumlichen Verteilung der Fehlschaltungen habe man ablesen können, wo überall Radareinheiten standen.

"Azur" an der Spitze der Trägerrakete. Beim Start schützte eine Hülle das sensible Gerät.

(Foto: Wolf Schultze)

Der eigentliche Zweck der Mission war natürlich ein anderer, und den erfüllte Azur mit Bravour. So zeigten die Messungen, dass das Erdmagnetfeld kosmische Teilchen in Richtung Nord- oder Südpol ablenkt, wo sie abprallen und zum entgegengesetzten Pol geschleudert werden. Partikel, die nahe der Pole in die Atmosphäre eindringen, regen dort Luftmoleküle zum Leuchten an - am Himmel sind dann Polarlichter zu sehen. Die Mission lieferte auch Informationen über die Stärke des Sonnenwinds und die Strahlendosierung rund um die Erde.

Das legte nicht nur wichtige Grundlagen für die Beobachtung von Sonnenstürmen und ihrer Gefahren für irdische Elektronik, sondern öffnete Westdeutschland auch die Türen für etliche weitere Missionen. So bauten die USA und Deutschland in der Folge zusammen die Sonnen-Sonde Helios, die 1974 startete. Etwa 80 Millionen DM soll Azur am Ende gekostet haben, rund ein Viertel davon für den Aufbau einer Bodenstation in Oberpfaffenhofen, dem heutigen Deutschen Raumfahrt-Kontrollzentrum.

Für Azur selbst kam das Ende allerdings früher als erst nach den angepeilten zwölf Monaten. Am 29. Juni 1970, 233 Tage nach dem Start, meldete sich der Satellit plötzlich nicht mehr, der Funkkontakt war abgerissen. Die Ursache wurde nie geklärt. Eine Vermutung: Die hohe Strahlenbelastung könnte ein wichtiges elektrisches Bauteil wie zum Beispiel den Datensender beschädigt haben. Falls das stimmt, ist Azur sein eigener Forschungsgegenstand zum Verhängnis geworden.

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