Ökologie:Wie ein einzelner Farmer Australiens Kaninchenplage verursachte

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Ökologie: Kaninchen an einem Wasserloch auf der australischen Wardang-Insel, 1938.

Kaninchen an einem Wasserloch auf der australischen Wardang-Insel, 1938.

(Foto: Matteo Omied/mauritius images/Alamy Stock)

Laut einer genetischen Analyse stammen fast alle Tiere der invasiven Art von 24 Exemplaren ab, die ein Siedler im 19. Jahrhundert einführte.

Von Jack Tamisiea

Am Weihnachtstag 1859 traf eine Lieferung von 24 Kaninchen aus England in Melbourne, Australien, ein. Die Kaninchen waren ein Geschenk für Thomas Austin, einen wohlhabenden englischen Siedler, der auf seinem australischen Landgut eine Kolonie dieser Tiere gründen wollte. Das ist ihm gelungen - und noch viel mehr.

Nur drei Jahre später hoppelten Tausende seiner europäischen Kaninchen (Oryctolagus cuniculus) umher. Im Jahr 1865 prahlte Austin gegenüber der Lokalzeitung damit, dass er auf seinem Anwesen, wo er Kaninchenjagdpartys für englische Adelige wie den Sohn von Königin Victoria, Prinz Alfred, veranstaltete, rund 20 000 Kaninchen erlegt hatte.

Austin war nicht der erste Mensch, der Kaninchen nach Down Under brachte. Fünf der Tiere befanden sich an Bord der ersten britischen Schiffsflotte, die 1788 Sydney erreichte. Es war die erste von etwa 90 Kaninchen-Einführungen an der Ostküste Australiens in den folgenden 70 Jahren. Dennoch waren es Austins Kaninchen, die schließlich den Kontinent beherrschten, wie eine neue Studie zeigt. Heute richten rund 200 Millionen Kaninchen auf den Feldern und an den einheimischen Pflanzen verheerenden Schaden an und verursachen jährlich 200 Millionen Dollar an landwirtschaftlichen Schäden. Und fast alle von ihnen, so schlussfolgern die Forscher, lassen sich auf die verhängnisvolle Lieferung zurückführen, die Austin im Jahr 1859 erhielt.

Austins Bruder schickte auch wild gefangene Kaninchen

Um herauszufinden, wie die Kaninchenplage entstand, analysierten Francis Jiggins, Genetiker an der Universität Cambridge, und seine Kollegen die DNA von 187 Kaninchen, die in ganz Australien gesammelt wurden. Außerdem untersuchten sie potenzielle Ausgangspopulationen in England und Frankreich sowie eine Handvoll Kaninchen aus Tasmanien und Neuseeland, wo es ebenfalls zu verheerenden Kanincheninvasionen kam.

Wie das Team in den Proceedings of the National Academy of Sciences berichtet, haben die meisten australischen Kaninchen, abgesehen von zwei lokal begrenzten Populationen in der Nähe von Sydney, eine gemeinsame Abstammung. Die Genome der Kaninchen zeigten auch, dass der Ausgangspunkt der Invasion in der Nähe von Austins Anwesen in Victoria lag. Je weiter sich die Kaninchen von diesem Ort aus verteilten, desto geringer wurde die genetische Vielfalt der Population, was zu einer homogenen Kaninchenschar führte. Darüber hinaus stellten die Forscher mehrere genetische Ähnlichkeiten zwischen den australischen Kaninchen und den Kaninchen in Südwestengland fest, wo Austins Familie die ersten Kaninchen für den Transport nach Australien sammelte. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die anhaltende Kaninchenplage in Australien begann, als Austin die erste Lieferung von 24 Kaninchen auf seinem Anwesen frei laufen ließ.

Die Genetik gibt auch Hinweise, warum diese Population für eine Invasion prädestiniert war. In Berichten über frühere australische Kaninchen werden Schlappohren und bunt gefärbtes Fell erwähnt, zwei Merkmale, die bei domestizierten Kaninchen üblich sind, was darauf hindeutet, dass sie zu zahm waren, um sich an die wilde Landschaft Australiens anzupassen. Die genetische Analyse ergab jedoch, dass australische Kaninchen, die von Austins Brut abstammen, einen großen Anteil an wilden Vorfahren haben.

Die historischen Aufzeichnungen bestätigen dies. Aus Briefen und Überlieferungen der Familie Austin geht hervor, dass Austins Bruder neben den domestizierten Kaninchen auch mehrere wild gefangene Kaninchen nach Australien schickte. Die Kaninchen begannen sich während der 80-tägigen Schiffsreise zu vermehren.

Australiens Landschaft kämpft bis heute mit den Folgen des Ereignisses

Austins Kaninchen hatten einen weiteren Vorteil gegenüber ihren Vorgängern: Sie kamen in einer nachsichtigeren australischen Umgebung an. Als sich frühere Kaninchen-Neuankömmlinge in den Busch wagten, trafen sie auf seltsame Pflanzen und eine Reihe fleischfressender Reptilien, Beuteltiere und Dingos. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Outback in Weideland umgewandelt, und Raubtiere wurden gejagt, um das Vieh zu schützen. "Es war wie ein perfekter Sturm", sagt Mitautor Joel Alves, ein Evolutionsgenetiker an der Universität Oxford.

Australiens Landschaft hat immer noch mit den Folgen dieses Sturms zu kämpfen. Sobald die Kaninchen das Anwesen von Austin verlassen hatten, breiteten sie sich trotz Zäunen und pockenähnlichen Viren, die zu ihrer Ausrottung entwickelt wurden, um mehr als 100 Kilometer pro Jahr aus. In nur 50 Jahren hatten die Tiere ein Gebiet kolonisiert, das etwa 13-mal größer ist als ihr ursprüngliches europäisches Verbreitungsgebiet - schneller als alle anderen eingeschleppten Säugetiere, einschließlich Schweinen und Katzen.

Und sie vermehren sich weiter. "Es ist wie eine defekte Bremse bei einem Auto", sagt Alves.

Dennoch geben nicht alle Wissenschaftler Austin allein die Schuld an der Kaninchenplage in Australien. David Peacock, Ökologe an der Universität von Adelaide, sagt, dass andere Kaninchen etwa zur gleichen Zeit wie Austins Tiere auf dem Kontinent ausgesetzt wurden. Im Jahr 2018 war Peacock Mitautor einer Studie, wonach die Kanincheninvasion durch die Einschleppung mehrerer Kaninchen ausgelöst wurde.

Er begrüßt jedoch die Bemühungen, den Ursprung der australischen Kaninchen zu entschlüsseln, da sie dazu beitragen könnten, gezieltere Krankheitserreger zu entwickeln, um Kaninchenpopulationen zu kontrollieren und möglicherweise auszurotten. "Je besser wir den Ursprung, die Ausbreitung und die Genetik verstehen, desto besser können wir Australiens problematischste Schädlinge in den Griff bekommen."

Dieser Beitrag stammt aus dem Wissenschaftsmagazin Science. Es handelt sich nicht um eine offizielle Übersetzung der Science-Redaktion. Im Zweifel gilt das englische Original, herausgegeben von der AAAS. Deutsche Bearbeitung: weis

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