Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in London:Animalische Triebe

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Das sonst so verstaubte Londoner Natural History Museum beschäftigt sich mit Sex im Tierreich. Zutritt für Kinder nur in Begleitung von Erwachsenen - die Praktiken der Tiere übersteigen die Fantasien des Homo sapiens bei weitem.

Wolfgang Koydl, London

Nicht, dass man das aus eigener Anschauung kennen würde, bewahre. Und doch erinnert die Anordnung an den Eingang zu einem Sex-Shop: Der Korridor zweigt im steilen Winkel vom Hauptweg ab, hinter einer Sichtblende dringt gedämpftes Licht, schwülstige Musik und gelegentliches Stöhnen hervor, und am Ende des Korridors locken drei grellrote Buchstaben: S - E - X.

Bemerkenswert an der Installation ist, dass sie sich im Herzen einer zutiefst bürgerlichen, ja fast spießigen Institution befindet: Denn das Natural History Museum in London verströmt mit seinen verstaubten Saurier-Skeletten und Vitrinen voller ausgestopfter Tierkadaver eher den blaustrümpfigen Geist des viktorianischen Zeitalters als die Aura triebhafter Unzucht. Und nun Sex? Hier?

Immerhin bleibt das Museum seinem Auftrag treu und konzentriert sich auf Sexualität in der Tierwelt - was die Sache nicht weniger prickelnd macht. Denn dort herrscht eine Vielfalt an Methoden, Vorlieben und Praktiken, neben der menschlicher Einfallsreichtum verblasst: sekunden- oder stundenlang, hetero oder homo, sado oder maso, monogam oder promisk, zu zweit, zu dritt oder orgiastisch, und dazu vieles, vieles mehr, das sich Homo sapiens niemals ausdachte.

Streng genommen sind die Videos, Fotos und Spezimen kopulierender Tiere alles andere als jugendfrei, was erstaunlich ist für ein Museum, das im allgemeinen hauptsächlich Schulklassen und Eltern mit Kindern anzieht. Aber die Kuratoren wollen mit dieser Ausstellung nach eigenen Worten ein neues Publikum ansprechen, das mit Naturkundemuseen bislang eher die Erinnerung an Schulausflüge oder verregnete Sonntage mit den Eltern verband.

Wenn der Meisenmann die Frau zum Essen ausführt

Kinder haben Zutritt zur Ausstellung "Sexual Nature", wenn auch nur in Begleitung Erwachsener, die einschlägig vorgewarnt werden: "Sie werden folgende Worte sehen: Penis, Vagina, Hoden, Phallus, Genitalien, Gebärmutter, Erektion, Sperma, ejakulieren, Orgasmus, Jungfräulichkeit, Vorspiel, erzwungener Sex, Vergewaltigung."

Letzteres ist übrigens allem Anschein nach eine Unsitte, die ausgerechnet unter den vermeintlich so niedlichen Erpeln und Enten verbreitet ist - wie man bizarrerweise von der Schauspielerin Isabella Rossellini erfährt. In einer von ihr produzierten Reihe von Kurzfilmen mit dem Titel "Green Porno" schlüpft sie in die Kostüme und Rollen von Schnecken, Fliegen, Fischen oder eben auch Enten und spielt deren ausgefallenes Sexualverhalten nach.

Irgendwie beruhigend für den Besucher ist, dass sich viele Tierarten dann doch nicht anders verhalten als Menschen: Mufflon-Männchen treten einander beim Kampf um Weibchen vorzugsweise in die Weichteile; der Kohlmeisen-Mann muss die Angebetete gleichsam zum Essen ausführen, bevor er zum Zug kommt: Sie wird ihn nur erhören, wenn er sie regelmäßig füttert. Schimpansen widerlegen den Mythos, dass die Missionarsstellung eine menschliche Spezialität sei, wobei die Männchen und Weibchen in dem Videoclip ähnlich unbeteiligt und gelangweilt dreinblicken wie Akteure in einem Pornofilm. Pinguine bringen Weibchen Ständchen und verpassen ihnen "Knutschflecken" am Hals.

Die alleinerziehende Mutter der Tierwelt ist die Streifenhyäne, die keinen Macker zur Aufzucht ihres Wurfes braucht. Sie ist körperlich größer und thront über den Männchen - so wie einst Slavica über Ehemann Bernie Ecclestone. Allzu menschlich erscheint auch das Verhalten monogamer Vogelarten, die ihr ganzes Leben lang einen festen Partner haben: Auf Ausflügen in andere Reviere gehen sie dennoch fleißig fremd.

Man muss diesen Vögeln wirklich nur die Chance geben, und schon menscheln sie, was das Zeug hält. Von anderen Spezies hingegen könnte man einiges lernen. Wenn es ums Nachspiel geht, das zärtliche Verweilen nach dem Akt, sind Gespenstschrecken kaum zu übertreffen: Sie bleiben nach dem Sex einfach auf dem Weibchen sitzen - bis zu fünf Monate lang.

Die Raubfliegen treiben es im Fluge

Weniger liebevoll geht es bei den Gottesanbeterinnen zu. Derweil sich das Männchen noch abmüht, beißt das Weibchen ihm genüsslich den Kopf ab und verspeist ihn. Spätestens jetzt weiß man, warum diese Spezies den Kopf um beinahe 360 Grad drehen kann. Wild treiben es auch Raubfliegen - buchstäblich im Flug, wobei dem Weibchen vermutlich Hören und Sehen vergeht.

Auch mit der Frage, ob es auf die Größe ankommt, hat sich die Natur beschäftigt. Dass bei Männern Quantität wichtiger ist als Qualität, erweist sich bei jedem Geschlechtsakt. Abermillionen Spermien verpulvern Säugetier-Männchen pro Akt; die Weibchen hingegen produzieren nur ein paar hundert Eier - in einem ganzen Leben. Die Hodengröße wiederum hängt alleine davon ab, wie sicher sich ein Männchen einer Vaterschaft sein kann: Bei Schimpansen mit ihren koketten Weibchen sind sie viermal größer als bei Gorillas, die selbstbewusst ihren Harem kontrollieren. Schlimm steht es um den Zaunkönig: Dessen Hoden machen ein Viertel des Körpergewichtes aus.

Am Ende führt die Ausstellung zum dominierenden Säuger des Planeten hin: dem Menschen. Man erfährt, dass jeden Tag auf der ganzen Welt etwa 120 Millionen Sexualakte stattfinden und dass 22 Prozent aller britischen Frauen bei Männern Schulterblätter am erotischsten finden. Aufschlussreich sind auch die Antworten, die Ausstellungsbesucher zum Abschluss auf ein paar Fragen geben. Sie nähren die Hoffnung, dass die Romantik weiterlebt: Mit großer Mehrheit bekennen sich die Befragten zu wahrer Liebe und Treue und zu inniger Zärtlichkeit als Hauptelement beim Sex. Nur in einem Punkt gibt es keine Einmütigkeit: Ist Liebe ohne Sex besser oder doch eher Sex ohne Liebe? Bei der Zustimmung der Befragten lagen beide Aussagen gleichauf.

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Quelle:
SZ vom 16.03.2011
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