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Archäologie:Der Berg der Schätze

Assiut

Viele Gräber im Gebel Assiut al-gharbi sind 4000 Jahre alt.

(Foto: Fritz Barthel)

Der Gräberberg bei Assiut in Ägypten wurde lange wenig beachtet. Nun hat ein Forscherteam in jahrelangen Grabungen Deckenmalereien, Wandtexte und mumifizierte Tiere freigelegt.

Zweihundert Meter hoch ragt der Berg Assiut al-gharbi über dem Niltal auf, direkt hinter dem Kalksteinberg beginnt die Wüste. Wenn Jochem Kahl und Ursula Verhoeven-van Elsbergen mit ihrem Team bei 40 Grad die Bergflanke hinaufklettern, im Gepäck Hacke, Helm, Kletterausrüstung und Besen, werden die Ägyptologen von Polizisten in Zivil begleitet, der Berg ist militärisches Sperrgebiet. Ihr Ziel sind die antiken Gräber im Inneren des Bergs, einst in jahrelanger Arbeit mit Hammersteinen tief in den Felsen geschlagen. Viele von ihnen sind 4000 Jahre alt.

Nicht nur während der Pharaonenzeit diente der Berg als zentrale Begräbnisstätte, sondern später auch für Christen und Muslime, er war Rückzugsort für Eremiten, Heimat für koptische Klöster, Begräbnisstätte für islamische Scheichs. "Das Außergewöhnliche am Gebel Assiut al-gharbi ist die Zeittiefe", sagt Kahl. "Wir haben es hier mit Zeugnissen von 4000 v. Chr. bis heute zu tun. Das ist so kontinuierlich sonst selten zu finden. Sie machen den Berg zu einer Art Forschungslabor." Vor knapp 17 Jahren hatte der Berliner Ägyptologe den Berg für die Wissenschaft wiederentdeckt, seit dieser Zeit erforschte er im Rahmen eines nun ausgelaufenen DFG-Projekts Jahr für Jahr gemeinsam mit Verhoeven-van Elsbergen von der Universität Mainz und ägyptischen Kollegen der Universität Sohag die geheimnisvollen Gräber und Schachtanlagen.

Archäologen haben mittlerweile 377 Grabanlagen kartiert - die größte ist 110 Meter lang

Von der antiken Stadt Assiut unten im Niltal mit ihren mächtigen Tempeln, Palästen und Bibliotheken ist heute nichts mehr zu sehen, anders als im nahen Theben etwa oder in Luxor im Tal der Könige. Längst hat der Nilschlamm die alten Spuren überdeckt, die antike Stadt ist durch die moderne Großstadt überbaut. Im Mittleren Reich lebten hier einige Tausend Menschen, Assiut war Provinzhauptstadt und ein bedeutendes kulturelles Zentrum in Mittelägypten, mit wichtigen Handelsbeziehungen zu den Oasen, Richtung Sudan und im ägyptischen Niltal. Heute zeugt nur noch der Gräberberg Gebel Assiut al-gharbi von dieser Zeit. "Assiut ist für das kulturelle Gedächtnis Ägyptens ebenso wichtig wie Theben oder Memphis", sagt Verhoeven-van Elsbergen.

80 Jahre lang war in Assiut zuvor nicht mehr gegraben worden, nur zehn Gräber waren halbwegs gut dokumentiert. Nun erkundeten die Wissenschaftler Gräber und Schachtanlagen und dokumentierten deren vielfältige Deckenmuster und prächtigen Wanddekorationen. Insgesamt 377 Grabanlagen und kleinere Strukturen sind mittlerweile kartiert. Besonders spektakulär sind die großen Fürstengräber des "westlichen Wüstenbergs von Assiut", entstanden etwa 2200 bis 1900 v. Chr. Das größte von ihnen ist eine monumentale Grabanlage, 110 Meter lang und bis zu 11 Meter hoch. Das Grabungsteam legte in jahrelanger Arbeit einen 28 Meter langen Schacht und die zugehörige Grabkammer frei. "Über Schrägen und Schächte ging es in die Tiefe", erzählt die Mainzer Archäologin Andrea Kilian. "Es erinnerte tatsächlich ein wenig an die Abenteuergeschichten à la Indiana Jones."

Weil viele Gräber geplündert wurden, dachten Forscher, es gäbe wenig zu entdecken - ein Irrtum

Der Gräberberg begeisterte französische Archäologen schon während der großen Ägypten-Expedition Napoleons im Jahr 1798. "Alle inneren Wände der Grotten sind bedeckt mit Hieroglyphen; man bräuchte Monate, um sie zu lesen, wenn man die Sprache kennen würde", schrieb damals der Archäologe Dominique Denon. "Alles, was die Griechen an Ornamenten in ihrer Architektur verwendet haben, alle Mäander, Spiralen und was allgemein als 'les grecques' bezeichnet wird, ist hier mit Geschmack und einer exquisiten Delikatesse ausgeführt." Leider wurden danach und vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts viele Gräber geplündert, wertvolle Grabbeigaben landeten ohne korrekte Zuordnung in Museen in der ganzen Welt. Daher dachten auch viele Archäologen, dass es wenig zu entdecken gäbe. Ein Irrtum.

Ein lokaler Wärter habe schon im Jahr 2005 einen Hinweis auf ein unbekanntes, fast vollständig verschüttetes Grab gegeben, das ein Regionalfürst vor 4000 Jahren anlegen ließ, erzählt Verhoeven-van Elsbergen. Sie stießen auf einen wahren Schatz, auf Grab N13.1, wie die Forscher es nennen. Begeistert erzählt die Ägyptologin von seinen ungewöhnlichen, gut erhaltenen Wanddekorationen, die den Grabherrn Iti-ibi-iqer mit Familie zeigen. Er war General und zugleich Vorsteher der Priester in den Tempeln der lokal wichtigsten Götter Upuaut und Anubis. In den Malereien steht der Fürst im Boot und fängt Fische und Vögel oder beobachtet, auf einen Stock gelehnt, Stierkämpfe. An anderer Stelle tanzen Menschen, machen Musik, gehen auf die Jagd oder füttern Kraniche. Auch eine Göttin und ein Wüstendämon sind zu sehen oder Reihen von Soldaten; es war damals eine Zeit des Bürgerkrieges und innerägyptischer Kämpfe. Es sind großartige Szenen, die eine Zeit des politischen Umbruchs zeigen. "Es ist ein fantastischer Raum mit einer wunderschönen Atmosphäre und einem grandiosen Ausblick über die ganze Stadt und das Niltal", sagt Verhoeven-van Elsbergen. "Dort habe ich inzwischen mehrere Monate verbracht."

Doch nicht nur die farbigen Szenen begeistern die Forscherin, sondern auch ungewöhnliche Texte, die sich an den Wänden des 90 Quadratmeter großen Grabs finden. Besucher haben dort offenbar 500 bis 900 Jahre später mit Tusche antike Graffiti hinterlassen. Teilweise sind es kurze Texte, die lokale Tempel rühmen, manchmal auch nur simple Schreib- oder Zeichenübungen. Einige Besuchergraffiti enthalten auch poetische Texte und Hymnen, ein besonders fantasievolles Lied beschreibt die Schönheit des Gesichts einer lokalen Göttin des Berges. Dazwischen finden sich viele Tierstudien, die die Darstellungen der Originaldekoration nachahmen: Löwen, Affen, Esel, Gazellen, Nilpferde und Krokodile, aber auch Hunde und Widder, die als Göttertiere galten.

Einzigartig sind mehrere umfangreiche Textkopien von berühmten Lebenslehren. Sie waren angeblich von Königen, Prinzen oder weisen Männern verfasst, die ihren Söhnen erfolgversprechendes Verhalten im beruflichen und sozialen Miteinander erklärten. Der längste Text ist elf Meter lang und verläuft über mehrere Wände.

Der Schreiber Cheti wirbt in einem Wandtext für seinen Beruf: Schreibern gehe es nie schlecht

So preist etwa der Schreiber Cheti seinem Sohn Pepi die Vorzüge seiner Berufswahl an, während er ihn auf einem Schiff zur Schule für Kinder von hohen Beamten bringt: "Wenn du dich mit den Schriften beschäftigst, wirst du dich gerettet sehen vor (körperlicher) Arbeit. Einem Schreiber in jeglichem Amt in der Residenz ergeht es niemals schlecht. (. . .) Ich werde dafür sorgen, dass du die Schriften mehr liebst als deine Mutter. (. . .) Er (der Schreiberberuf) ist nämlich bedeutender als jeder andere Beruf. Ich habe den Kupferschmied bei seiner Arbeit an der Ofenöffnung gesehen: Seine Finger sind krokodilsartig und stinken mehr als Fischeier. Jeder Holzhandwerker ist müder als ein Landarbeiter: Sein Feld ist aus Holz, seine Hacke aus Kupfer, und er arbeitet sogar nachts."

Der Berg bietet noch Arbeit für weitere Jahre, sagt Verhoeven-van Elsbergen. So sind Tausende mumifizierte Tierleiber von Hunden, Füchsen, Schakalen und Wölfen, die die Forscher in einem Gang und einer anschließenden Halle meterhoch gestapelt fanden, zwar bereits untersucht, die DNA-Analysen sind aber noch nicht abgeschlossen. Die Tiere waren den Göttern von Assiut geweiht, die meist mit hundeartigen Köpfen dargestellt wurden. Viele Tiere waren offenbar unterernährt und litten an Vitamin-D-Mangel. Vermutlich wurden sie im Dunklen in den Tempeln gehalten, um sie später zu töten und einzubalsamieren. Besucher der Tempel konnten Mumien der Tiere dann kaufen und in rituellen Handlungen zum Zweck der eigenen Regeneration bestatten lassen. "Der Handel mit Tiermumien war im 1. Jahrtausend v. Chr. ein gutes Geschäft für die Priester an vielen Orten Ägyptens,", sagt Verhoeven-van Elsbergen.

Der Gräberberg von Assiut birgt noch viele solcher Geheimnisse. Deshalb hoffen die Forscher, weiter am Gebel Assiut al-gharbi forschen zu können, auch wenn sie dafür wieder täglich in der ägyptischen Gluthitze die Flanke des Bergs hoch zum Eingang der Gräber steigen müssen.

© SZ vom 05.06.2020
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