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Atomunfälle:Strahlender Herbst

Drei Tage lang brannte einer der Windscale Piles genannten Reaktoren auf der Atomanlage Sellafield im Norden Englands. Auf diesem Foto fliegt ein Hubschrauber mit Messgeräten zehn Tage nach dem Unfall über das Gelände.

(Foto: imago)
  • 1957 ereigneten sich in Großbritannien und der Sowjetunion zwei Atomunfälle.
  • Die Anlagen wurden im Zuge des Kalten Krieges hastig errichtet und dienten zur Produktion von Plutonium für Atombomben.
  • In der Folge stieg die Krebsrate, bis heute rätseln Forscher über die tatsächlichen Auswirkungen.

Von Christopher Schrader

Die Milch war weiß wie immer und strahlte wie nie. Männer von der Regierung kamen damals vor 60 Jahren auf die Bauernhöfe und hielten Messgeräte an Milchkannen. Die Ergebnisse in der nordenglischen Grafschaft Cumbria, genauer zwischen der heute Sellafield genannten Nuklearanlage und dem Städtchen Barrow, lagen weit über dem Grenzwert. In einem Fall erreichten sie das 14-fache des Limits; auf diesem Hof schwamm im Liter Milch so viel radioaktives Jod-131, dass pro Sekunde 52 000 dieser Atome zerfielen.

Das Nuklearzeitalter war an jenen Tagen nach dem 10. Oktober 1957 gerade einmal zwölf Jahre alt. Und zum ersten Mal drängte die Gefahr der Anlagen für die Umwelt ins öffentliche Bewusstsein: Unter großer Anteilnahme auch der internationalen Presse wurde die Milch von etwa 600 Bauern in einem 500 Quadratkilometer großen Gebiet um Sellafield beschlagnahmt und in die Irische See gekippt. Das Ziel war es, Schilddrüsenkrebs vor allem bei Kindern zu verhindern.

Zwei Wochen vor Sellafield erschütterte eine Explosion den Reaktor von Majak

Auf dem abgeschotteten Gelände Sellafield, so erfuhren die Bürger, war ein Reaktor in Brand geraten, einer der sogenannten Windscale Piles. Es waren abenteuerliche Konstruktionen, deren technische Beschreibung nicht ohne Grund "Haufen" (Piles) lautete; die Briten erzeugten damit Plutonium für ihre nukleare Aufrüstung.

Das Feuer brannte drei Tage und blies große Mengen strahlender Stoffe in die Umwelt. Das Jod in dieser Mischung gelangte über das Gras der Umgebung und die Kühe sofort in die Nahrungskette. "Zum erstenmal in der langjährigen Entwicklung der atomischen Technik in England", schrieb die Neue Zürcher Zeitung, "hat in den letzten Tagen ein Vorfall Anlass zur Beunruhigung der Zivilbevölkerung gegeben."

Eine Premiere war es jedoch nur scheinbar. Erst beim Fall des Eisernen Vorhangs drei Jahrzehnte später erfuhr der Westen im Detail, was vorher nur gemunkelt wurde: Am 29. September 1957, also keine zwei Wochen vor dem Brand in Sellafield, hatte in der Sowjetunion eine Explosion eine geheime Anlage in der Nähe der Stadt Kyschtym in der Oblast Tscheljabinsk erschüttert. Wie der Windscale-Reaktor diente die Fabrik von Majak der Produktion von Plutonium für Atombomben. Als die Kühlanlage versagte, hatte es einen Tank für radioaktive Abfälle zerrissen.

Die Unfälle waren ähnlich gravierend wie jene von Tschernobyl und Fukushima

Die beiden Ereignisse vor 60 Jahren, Windscale und Majak, gehören zu den schwersten Atomunfällen überhaupt. Die freigesetzten Mengen von Radioaktivität waren gewaltig, die Gesundheitsschäden erheblich. Auf der internationalen Ines-Skala für solche Ereignisse, die von Null (meldepflichtig aber ohne Folgen) bis Sieben (Tschernobyl und Fukushima) reicht, gehört Majak zur Kategorie Sechs und Windscale steht auf Fünf.

"Dieser Zufall, dass beide Unfälle innerhalb von zwei Wochen geschahen, ist natürlich außergewöhnlich", stellt Richard Wakeford von der Universität Manchester fest. Aber beide Anlagen seien vor dem Hintergrund des Kalten Krieges hastig errichtet und nachlässig betrieben worden. "Sie liefen zu diesem Zeitpunkt jeweils fünf Jahre, und das Glück der Betreiber war aufgebraucht." Wakeford erinnert an das doppelte Jubiläum mit einem Schwerpunkt im Fachblatt Journal of Radiological Protection, dessen Chefredakteur er ist.

Bei Kyshtym gingen 90 Prozent der Strahlung über dem Fabrik-Gelände nieder, aber der Rest zog als Wolke von radioaktivem Staub Richtung Nordosten über das Land. Er verseuchte einen Streifen von 300 Kilometern Länge und etwa 23 000 Quadratkilometern Fläche; hier gab es 217 Ortschaften mit 270 000 Einwohnern. Gut 1100 davon wurden binnen zwei Wochen evakuiert, weitere gut 9000 innerhalb von zwei Jahren umgesiedelt - ohne das die Bewohner erfuhren warum. Der große Rest blieb.

Die Krebsrate stieg um 2,5 Prozent

Zunächst gefährdete vor allem äußere Strahlung durch Cer-144 und Praseodym-144 die Menschen. Doch bald stand die Belastung durch Strontium-90 im Vordergrund. Es gelangte über Äcker und Weiden in die Nahrungskette und so in die Knochen der Anwohner, weil der Körper es mit Kalzium verwechselt. Tausende Tonnen Lebensmittel - Getreide, Kartoffeln, Fleisch, Milch - wurden aus dem Verkehr gezogen und vernichtet. Das half wohl, die Belastung der Menschen zu reduzieren.

Bis heute aber verfolgen Forscher das Schicksal von gut 21 000 Bewohnern, die damals mehr abbekamen. Von ihnen waren bis 2006 mindestens 1100 an Krebs gestorben. Wissenschaftler um Alexander Akleyev vom Ural-Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Tscheljabinsk haben für das Journal of Radiological Protection die Strahlendosis all dieser Personen rekonstruiert. Sie kommen zum Ergebnis, dass statistisch betrachtet 26 der tödlichen Tumore durch den Unfall von Majak ausgelöst wurden. Die Krebsrate ist um 2,5 Prozent gestiegen.

Das dingfest gemacht zu haben, ist eine Leistung: Oft tun sich Forscher schwer damit, die Folgen nachzuweisen, wenn die Strahlendosen so relativ klein sind. Sie lagen im Mittel der Betroffenen insgesamt bei ungefähr 100 Millisievert, das meiste davon wurde in den beiden Jahren nach dem Unfall absorbiert. Zum Vergleich: In Deutschland nehmen die Menschen pro Jahr durchschnittlich zwei Millisievert durch natürliche Ursachen und weitere zwei durch medizinische Untersuchungen auf.

Im Süd-Ural, auch in den meisten der verstrahlten Gebiete, sind die Werte ähnlich. "Im größten Teil der betroffenen Region bei Majak war die Belastung zum Glück nicht so groß", bestätigt Albrecht Wieser vom Helmholtz-Zentrum München, der ebenfalls über Majak geforscht hat. "Die Zahlen, die Akleyev nennt, die kennen wir auch."

In den Dörfern stieg die Leukämierate

Für "Hunderte Todesfälle", die oft als Folge der Explosion von 1957 genannt werden, gibt es demnach keine Belege. Allerdings fließen in vielen Berichten mehrere Ereignisse zusammen: In Majak hat es weitere Unfälle gegeben, die Arbeiter der Fabrik hatten anfangs kaum Schutzkleidung, und flüssige, radioaktive Abfälle wurden außerdem in den Fluss Tetscha gekippt, aus dem wenige Kilometer entfernt Menschen ihr Trinkwasser holten. In ihren Dörfern haben andere Forscher inzwischen eine überhöhte Leukämierate sowie Dutzende Fälle chronischer Strahlenkrankheit dokumentiert.

In England hingegen sind die Gesundheitsfolgen des Unfalls von 1957 schlechter nachzuweisen. Ursprünglich hatten Nuklearaufsicht und andere Experten geschätzt, es könne insgesamt etwa 100 zusätzliche Krebsfälle geben. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich ein solcher Effekt vor dem Hintergrund der natürlichen Schwankungen festmachen lässt", so Strahlenschützer Richard Wakeford. Zumal auch Sellafield für weitere Unfälle und Freisetzungen berüchtigt ist.

Detaillierte Studien greifen jedenfalls ins Leere: So gibt es zwar in der Gegend im Nordwesten Englands eine erhöhte Zahl von Schilddrüsentumoren, aber das zeitliche und räumliche Muster passt nicht zum Ereignis von 1957. Womöglich hat die Beschlagnahmung der Milch damals Schlimmeres verhindert.

© SZ vom 10.10.2017/jnp
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