Atomruine von Tschernobyl Die Ukraine könnte mit der Atomruine überfordert sein

Ein verlassener Vergnügungspark der evakuierten Stadt Pripjat

(Foto: pai)

Ein solches Bauwerk hat natürlich seinen Preis. Und dieser ist, man kennt es von öffentlich finanzierten Projekten, in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. 2,15 Milliarden Euro lautet die jüngste Schätzung der Gesamtkosten, 615 Millionen mehr, als noch vor gut zehn Jahren veranschlagt wurden. 40 Länder haben bislang zu dem Projekt beigetragen, gemeinsam mit der EBRD. Die letzten 100 Millionen Euro sollen nun auf einer Geberkonferenz im April zusammenkommen. Erst vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung weitere 18 Millionen Euro zugesagt.

Wesentlich schwieriger erscheint die Frage: Was passiert danach? Der bisherige Plan sieht vor, das Confinement den ukrainischen Behörden im Herbst 2017 zur weiteren Verwendung zu übergeben. Doch die Hightech-Hülle ist kein Gebäude, das man auch einfach stehen lassen könnte, sondern eine riesige Maschine. Um seinen Zweck zu erfüllen, muss im Inneren des Gewölbes ständig ein Unterdruck erzeugt werden. Nur so können keine radioaktiven Partikel entweichen. Und damit das Geflecht aus Stahlstreben nicht rostet, darf die Luftfeuchtigkeit zwischen der äußeren und inneren Wand des Gewölbes nicht über 40 Prozent steigen. Das gesamte Bauwerk muss daher permanent mit Computern, Ventilen, Ventilatoren und wer weiß was am Laufen gehalten werden.

"Lasst das Atom regieren und nicht Soldaten", fordert der Schriftzug auf diesem verlassenen Haus in riesigen Lettern

(Foto: pai)

Die Befürchtung liegt nahe, dass die von Krieg und Wirtschaftskrise gepeinigte Ukraine damit überfordert sein wird. In den vergangenen Jahren ist die Verantwortung für das verrottende Kraftwerk bereits zwischen verschiedenen Ministerien hin und her geschoben worden. Die Gehälter der Angestellten seien gefährdet, ist zu hören. Der aktuell zuständige Umweltminister nimmt sich dennoch nur 15 Minuten Zeit, um die Delegation aus Europa am Vorabend in Kiew zu begrüßen. "Ich kann nicht ausschließen, dass die Ukraine für den Betrieb des Confinements weitere finanzielle Forderungen stellen wird", sagt Balthasar Lindauer, stellvertretender Direktor bei der EBRD. Doch Aufgabe seiner Bank sei es im Moment, das Bauwerk fertigzustellen, bis es an die Ukraine übergeben wird.

Dabei ist Reaktorblock 4 keineswegs die einzige Katastrophe von Tschernobyl. Aus dem Betrieb der drei anderen Reaktoren, die bald nach dem Unglück wieder angeworfen wurden und von denen der letzte bis zum Jahr 2000 lief, liegen Tausende benutzte Brennelemente zum Teil seit Jahrzehnten in sogenannten Nasslagern, zu Deutsch in undefinierbaren Flüssigkeiten, wo sie brüchig und feucht geworden sind. Jahrelang war ein französisches Konsortium damit beauftragt, die vergammelten Brennstäbe in Fässer zu packen und zu entsorgen. Aber das klappte nicht. Nach heftigem Streit sind nun Amerikaner am Werk. Um die strahlende Erblast in den Griff zu bekommen, entsteht einige Hundert Meter von den ehemaligen Reaktoren entfernt ein Gebäude, das aussieht wie ein Hotelneubau ohne Fenster. Daneben wurden zwei Hunderte Meter lange Betonriegel in die Landschaft gerammt, mit Löchern, in denen die Fässer mit den Brennstäben für die kommenden hundert Jahre versenkt werden sollen - wie Urnen in einer Grabwand.

Gut 3000 Menschen sind noch auf dem Gelände tätig. Richtige Schutzanzüge trägt niemand

Mehr als 3000 Menschen arbeiten auf dem gesamten Kraftwerksgelände, obwohl seit 15 Jahren keine Energie mehr produziert, sondern nur noch Abfall beseitigt wird. Arbeiter werden in Bussen herumgefahren, die aussehen, als hätten sie schon zu Breschnews Zeiten Menschen befördert. Viele Gebäude wirken verlassen, doch gelegentlich öffnet sich ein Rolltor, und Arbeiter mit weißen Mützen erscheinen. Ernst zu nehmende Schutzanzüge trägt hier niemand. Im Inneren einer der Hallen sind Metallfässer bis an die Decke gestapelt. Sie enthalten strahlende Flüssigkeiten aus Tanks, die seit Sowjetzeiten nicht angerührt wurden und deren radioaktive Stoffe nun mühevoll ausgefiltert, einzementiert und irgendwo deponiert werden. Wie viel von dem Zeug noch auf dem Gelände herumliege? 24 000 Tonnen, schätzt einer der Techniker. Und wie lange es dauere, diese Menge abzuarbeiten? Nun, sicherlich 20 Jahre, sagt der Mann mit einem freundlichen Lächeln.

Auf dem Verwaltungsgebäude prangt noch eine Ikone sozialistischer Kunst. Das parkettbelegte Auditorium mit knallroten Kunstledersitzen und einem riesigen Luftbild des einst intakten Kraftwerks versprüht originale Sowjet-Aura, während der amtierende Kraftwerksleiter Igor Gramotkin die europäischen Geldgeber willkommen heißt. Aus dem Fenster der Kantine lässt sich bei Karottensalat und Hühnchen die Ruine des nie fertiggestellten Reaktorblocks 5 bewundern. Es war einer von insgesamt zwölf Meilern, die einst auf dem Gelände von Tschernobyl entstehen sollten. Pläne, die in der Nacht zum 26. April 1986 ihr Ende fanden.

Sowjetische Kunst prangt an der Wand des einstigen Verwaltungsgebäudes

(Foto: pai)