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Atommülllager Asse:Menge der radioaktiven Salzlösung verdoppelt

Böse Überraschung in der Asse II. In dem Atommülllager tritt immer mehr strahlende Flüssigkeit aus. Umweltschützer stellen nun die Pläne für die Rückholung des strahlenden Mülls in Frage.

Die negativen Schlagzeilen zur Asse reißen nicht ab: In dem einsturzgefährdeten Atommülllager hat sich die Menge radioaktiver Flüssigkeit, die vor einer Lagerkammer unter Tage aufgefangen wird, verdoppelt. Das sagte der Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Werner Nording.

Deckeneinsturz im Atommuelllager Asse

Im Vergleich zum letzten Halbjahr treten vor der Einlagerungskammer 8 in 750 Metern Tiefe jetzt acht statt vier Liter der radioaktiv belasteten Salzlösung pro Tag aus. Die Lösung tritt wahrscheinlich aus dem Deckgebirge aus und nimmt auf ihrem Weg durch die Kammer 8 radioaktive Stoffe auf.

(Foto: ddp)

Im Vergleich zum letzten Halbjahr treten jetzt vor der Einlagerungskammer 8 in 750 Metern Tiefe acht statt vier Liter der radioaktiv belasteten Salzlösung pro Tag aus. Die radiologischen Analysen der Lösung zeigen Nording zufolge außerdem, dass die Konzentration an radioaktivem Cäsium im selben Zeitraum von 2,4 auf etwa 4,3 Kilobecquerel pro Liter angestiegen ist. Über Werte anderer radioaktiver Stoffe machte das BfS zunächst keine Angaben.

Die aus der Auffangstelle abgepumpte Flüssigkeit werde vorläufig in Behältern unter Tage gelagert, sagte Nording weiter. Die Lösung tritt dem BfS zufolge wahrscheinlich aus dem Deckgebirge aus und nimmt auf ihrem Weg durch die Kammer 8 radioaktive Stoffe auf. In dieser Kammer lagern 11.278 Fässer mit schwach radioaktiven Abfällen. Vermutlich stehe der erhöhte Zufluss durch die Kammer 8 in Zusammenhang mit der Verfüllung der daneben liegenden Kammer 9 durch den früheren Betreiber Helmholtz Zentrum.

Vor der Kammer 9, in der keine Abfälle lagern, sei bereits im Herbst 2009 eine veränderte Menge und chemische Zusammensetzung der Zutrittswässer beobachtet worden, sagte Nording.

Umweltschützer stellten das bisherige Konzept der Behörde zur Bergung der Abfälle in Frage. Udo Dettmann vom atomkraftkritischen Asse-II-Koordinationskreis sagte, die um das Doppelte erhöhte Menge an kontaminierter Lösung sei "an sich" noch kein großes Problem. Es verdichteten sich aber die Hinweise, dass mehrere Kammern mit Atommüll inzwischen nass seien und sich die eingelagerten Fässer auflösten. Dies stelle das Konzept des BfS für eine "heile Rückholung" des Atommülls in Frage.

Die Behörde müsse ihre Planungen anpassen. "Wahrscheinlich befindet sich in den Kammern ein Konglomerat aus Fässern, Atommüll und Flüssigkeit", sagte Dettmann. "Konkret heißt das: Statt wie geplant mit Greifern, muss man das Zeug womöglich mit dem Frontlader herausholen."

Der Chef der Grünen im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel, erklärte, die Verdopplung der Radioaktivität zeige, "dass die Laugen in den Kammern Kontakt mit dem Müll haben müssen". Es sei davon auszugehen, dass einige Fässer schon bei der Einlagerung beschädigt worden seien. Andere Fässer könnten durch den Bergdruck beschädigt worden sein.

Im Rahmen der Probephase zur Bergung der Abfälle müsse jetzt möglichst zügig, aber unter Einhaltung aller atomrechtlich notwendigen Sicherheitsvorkehrungen der Zustand der Kammern und der Fässer in den Kammern untersucht werden, verlangte der Grünen-Politiker. Das BfS hatte angekündigt, sämtliche etwa 126.000 Fässer mit Atommüll aus der Asse herauszuholen - ein bislang einmaliges und schwieriges Vorhaben. Planungsarbeiten dafür haben bereits begonnen.

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass in Gemeinden rund um die Asse die Zahl der an Blutkrebs erkrankten Männer doppelt so hoch ist, wie statistisch zu erwarten. Bei Frauen ist die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs offenbar sogar dreimal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Ein Zusammenhang mit dem radioaktiven Müll in der Asse ist nach Einschätzung des Bundesumweltministeriums unwahrscheinlich. Bereits im September hatte ein neuer Inventar-Bericht zur Beschaffenheit der Abfälle ergeben, dass in der Vergangenheit zehnmal mehr mittelradioaktiver Müll dort eingebracht worden war als zuvor angegeben wurde.