Atommüll:Endlager in Deutschland: Möglicherweise erst 2114

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Neuerdings wollen Staaten den Atommüll daher im Konsens mit ihren Bürgern entsorgen. Oder Gemeinden sollen sich gleich freiwillig melden und am besten sogar noch um den Atommüll konkurrieren - so geschehen in Schweden. Dort wollten gleich zwei Gemeinden zum Standort für ein Endlager werden, gelockt von der Aussicht auf hochwertige Arbeitsplätze, Millionenzahlungen von den Energiefirmen, Steuergeschenke auf Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. 2009 fiel die Entscheidung für Östhammar, eine Kleinstadt zwei Autostunden nördlich von Stockholm.

Die zweitplatzierte Kommune erhielt eine Entschädigung von etwa 160 Millionen Euro - dafür dass sie keinen Atommüll bekommt. "Ein Konkurrenzkampf um eine verantwortungsvolle Aufgabe" sei das gewesen, sagt Entsorgungsexperte John Kettler bewundernd. Auch im finnischen Eurajoki findet sich seit Jahren eine Mehrheit für das Endlager, das gerade in 500 Meter Tiefe in den Fels von Olkiluoto gesprengt wird. Als weltweit erste Anlage könnte sie 2022 den Betrieb aufnehmen, gefolgt einige Jahre später von der Einrichtung in Schweden.

Häufig werden die Skandinavier von Atomkraft-Befürwortern als Beleg dafür genannt, wie einfach die Entsorgung sei. Dabei äußern selbst in Finnland Wissenschaftler Zweifel, wie beständig der Untergrund von Olkiluoto ist, ob die Wände etwa eine Eiszeit überstehen würden. Und abgesehen von Skandinavien schieben die meisten Länder das Problem ohnehin lieber in weite Ferne.

Die USA, wo mit 100 Atomreaktoren so viel Atommüll wie nirgends sonst anfällt, wollten den hochradioaktiven Müll ursprünglich im Yucca Mountain im Bundesstaat Nevada deponieren. Seit 1987 arbeiteten Politiker auf Bundesebene darauf hin, obwohl die Stätte von amerikanischen Ureinwohnern als heilig verehrt wird und es ganz in der Nähe Hinweise auf vulkanische Aktivität gibt. Seit 2008 versucht Präsident Obama nun, das Vorhaben zu stoppen - zuletzt ließ das Weiße Haus eine 700 000 Hektar große Fläche zum Nationalmonument erklären, durch die der Atommüll mit dem Zug zum Yucca Mountain gebracht werden sollte. Nun versperrt vorläufig ein besonders geschützter Nationalpark den Weg.

Eine Alternative ist nicht in Sicht - bislang lagert der hochradioaktive Atommüll direkt auf dem Gelände der Kernkraftwerke. Weil die US-Regierung laut einem Gesetz verpflichtet wäre, den Müll zu übernehmen, selbst aber keine Lösung anbieten kann, machen die Kraftwerksbetreiber hohe Schadenersatzansprüche geltend. Von 2020 an werde die Lagerung den Steuerzahler 500 Millionen US-Dollar jährlich kosten, droht die Atomlobby. Die verbrauchten Brennstäbe aus der zivilen Atomkraft sind nicht die einzige atomare Last der USA - hinzu kommen mehr als 300 000 Kubikmeter hochradioaktive Abfälle aus der Atombombenherstellung, für die es ebenfalls noch keine langfristige Lösung gibt.

In Deutschland soll 2031 laut Umweltministerin Barbara Hendricks zumindest der Ort für ein Endlager feststehen, 2050 sollen die unterirdischen Stollen fertig sein. Die Planungen hält der Physiker Bruno Thomauske, Mitglied der Endlager-Kommission des Bundestags, für kaum plausibel. Beispielsweise sei nur ein einziges Jahr für Gerichtstermine einkalkuliert worden, und nur wenige Jahre für die Erkundung eines potenziellen Standorts, Probebohrungen und Sicherheitstest. "Bis 2031 alles abgewogen zu haben, ist einfach Unsinn", sagt Thomauske. Dabei sei man der Öffentlichkeit angesichts der Erfahrungen mit Gorleben Ehrlichkeit schuldig. "Wir dürfen diesen Prozess nicht mit einer Anfangslüge starten", sagt Thomauske. Dies sei aber ein anhaltender Konflikt innerhalb der Kommission. Der Physiker hat eigene Berechnungen aufgestellt und rechnet eher mit einer Inbetriebnahme zwischen 2083 und 2114. Das zweite Datum erscheine ihm "deutlich realitätsnäher".

Nur ein einziger Ort ist laut einer Datenbank der IAEA in Wien als Endlager für hochradioaktiven Müll gekennzeichnet. Nach dem Unglück von Tschernobyl haben sowjetische Einsatzkräfte in der Nähe Gräben ausgehoben und darin 3900 Tonnen hochradioaktiven Atommüll vergraben. Die Ukrainer haben die Lagerstätte bei der IAEA als "Disposal site" angemeldet, als Endlager, einige Meter tief unter der Erdoberfläche. Die Atomenergiebehörde weist jedoch vehement darauf hin, dass die Lagerung nicht sicher sei und irgendwann rückgängig gemacht werden müsse.

Ausgerechnet am Ort des größten atomaren Unfalls wurde Heisenbergs naiver Endlager-Plan umgesetzt.

TV-Tipp: Am 26. April 2016 um 21:45 Uhr zeigt Arte einen Dokumentarfilm zu der ungelösten Atommüll-Frage. Den Film "Die Reise zum sichersten Ort der Erde" gibt's zudem hier in der Mediathek.

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