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Atomkraftwerk Fukushima-1:Reaktoren als Black Box

Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant Tour

Arbeiter Anfang März 2013 auf dem Gelände des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi.

(Foto: Via Bloomberg)

Das Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi, in dem es vor zwei Jahren zum Super-GAU kam, ist heute eine Großbaustelle. 6000 Menschen arbeiten dort, sie haben Bäume gefällt, kontaminierte Erde abgetragen, Trümmer mit Kränen weggeräumt. Doch der Zustand der havarierten Reaktoren selbst lässt sich noch immer nur erahnen.

Der Meister soll es richten. Seine Kreissäge kann Metallrohre zerschneiden, sein Bohrer Beton zerbröseln - und seine Schaltkreise sollen selbst harter Gammastrahlung trotzen. Mit seinen quietschblauen Gelenken könnte man sich den kleinen Roboter auf dem Mars vorstellen, als Sidekick des Rovers Curiosity.

Aber der kleine "Maintenance Equipment Integrated System of Telecontrol Robot" soll an einen anderen Ort vordringen, den Menschen bisher nicht betreten können: in das Innere der drei havarierten Reaktoren von Fukushima-Daiichi.

Vor zwei Jahren kam es in jedem von ihnen zu einer Kernschmelze, Wasserstoffexplosionen zerrissen drei der sechs Reaktorgebäude des Atomkomplexes.

Heute ist die Anlage eine Großbaustelle, 6000 Menschen arbeiten auf ihr. In den letzten zwei Jahren haben sie Bäume gefällt, kontaminierte Erde abgetragen und Trümmer mit Kränen weggeräumt. Und sie haben ein krudes Kühlsystem installiert:

Täglich strömen mehr als 350.000 Liter Wasser in die zerstörten Reaktoren. Es sickert in die Keller der benachbarten Turbinenhäuser, Pumpen befördern die radioaktive Brühe schließlich in Wassertanks.

Dank der Brachialkühlung ist die Temperatur im Inneren der havarierten Reaktoren auf mittlerweile unter 30 Grad gesunken. Auch haben die Einsatzkräfte begonnen, Brennstäbe aus den einsturzgefährdeten Lagerbecken von Block 4 zu fischen. Und sie haben ein luftdichtes Zelt über Block 1 gezogen, der am stärksten beschädigt wurde. Bald wollen sie außerdem eine gewaltige Stahlbarriere bauen, um radioaktive Abflüsse ins Meer zu stoppen.

Frühstens in 30 bis 40 Jahren soll Fukushima das sein, was Nukleartechniker eine "grüne Wiese" nennen. Auf dem Weg dorthin müssen die Kernschmelzen geborgen, die zerstörten Reaktoren zerlegt werden. Eine Herkulesaufgabe, nicht nur, weil in jedem der Reaktoren noch immer Dutzende Tonnen Uran stecken. Das Innere der birnenförmigen Sicherheitsbehälter, die in Fukushima die eigentlichen Reaktorgefäße umschließen, ist bis heute mit Strahlung geflutet - Menschen würden dort binnen Minuten sterben.

Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant Tour

Es ist noch immer unklar, wie es in den Reaktoren von Fukushima-Daiichi aussieht. In 30 bis 40 Jahren soll die Anlage eine "grüne Wiese" sein.

(Foto: Via Bloomberg)

Die Kontrollräume rund um die Metallbirne können Arbeiter nur in Schutzanzügen und Atemmasken betreten. Mitunter schicken sie Militärroboter als Vorhut, die sonst im Irak Minen entschärfen. Meister könnte sie in Zukunft ablösen, der japanische Hersteller Mitsubishi hat ihn eigens für den Einsatz in Fukushima entwickelt.

Bei mehreren Einsätzen in den Ruinen haben Arbeiter winzige Löcher in die Hüllen der Reaktoren gebohrt. Eingeführte Spähaugen haben aber bisher nichts gesichtet außer Wasser, Dampf und Dunkelheit. Und auch der Versuch, eine Messsonde über eine spezielle Leitung direkt in den Reaktorkern von Block 2 zu schieben, scheiterte vor Kurzem: Das Rohr ist offenbar verstopft.

So bleibt das große Rätsel der Nuklearkatastrophe bis heute ungelöst: Was ist im Inneren der drei Reaktoren wirklich passiert? Ohne Bilder aus dem Reaktor bleiben nur Spekulationen. "Wir gehen davon aus, dass die Reaktorkerne in allen drei Blöcken mindestens teilweise geschmolzen und auf den Boden des Sicherheitsbehälters gefallen sind", sagt Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln. Dies habe sich bei Computersimulationen herausgestellt.

Aber sind Teile der lavaförmigen Masse auch aus der Bleibirne entwichen? "Wie weit sich die Schmelze in das Fundament der Reaktorgebäude vorgearbeitet hat, weiß noch niemand", sagt Stephan Kurth vom Öko-Institut Darmstadt. Sicher ist nur, dass es irgendwo Löcher geben muss, durch die das Kühlwasser in die Keller läuft. Tepco vermutet offenbar Lecks in Rohren, durch die Wasserdampf in die Torus-förmige Kondensationskammer entweichen kann. Seit Dezember hat ein vierbeiniger Roboter drei der acht Rohre in Block 2 untersucht, bisher aber kein Leck gefunden.

Es ist kein Zufall, dass momentan Reaktor 2 im Zentrum der Bemühungen steht: Dort ist das Reaktorgebäude noch weitgehend intakt und die Strahlenbedrohung viel geringer als in den stärker beschädigten Gebäuden von Block 1 und 3. In Block 2 will Tepco in den nächsten Monaten eines der Bohrlöcher vergrößern und eine CCD-Kamera bis ins eigentliche Reaktorgefäß schieben. Im besten Fall ließe sich so das Brennmaterial aufspüren.

Die stärker beschädigten Reaktoren werden in jedem Fall noch länger eine Blackbox bleiben. Das zeigt der Blick auf die teilweise Kernschmelze in Three-Mile-Island im Jahr 1979, die jedoch wesentlich glimpflicher ablief als die Katastrophe in Fukushima. In dem amerikanischen Kernkraftwerk konnte nach dreieinhalb Jahren eine Kamera in den Reaktorbehälter hineingelassen werden. Erst nach elf Jahren waren die geschmolzenen Brennstäbe tatsächlich geborgen.