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Energieversorgung:"Transmutation" soll das Atommüllproblem lösen

Gemein ist den Modellen der neuen Generation, dass sie wie der Flüssigsalzreaktor allesamt mehr Sicherheit versprechen. Auch der mit EU-Mitteln geförderte Prototyp "Astrid", der demnächst in Frankreich gebaut werden soll, wirbt mit dieser Verheißung. Flüssiges Natrium als Kühlmittel soll den Reaktor gegen Überhitzung schützen. Es kann enorm viel Hitze aufnehmen, bevor es verdampft. Bei einem Leck würde es ebenfalls nicht entweichen.

Doch mehr Sicherheit allein reicht nicht. Die neuen Kraftwerke wollen nebenbei noch das gewaltige Atommüllproblem lösen. Statt neuen Abfall zu produzieren, sollen sie den alten schlucken. Der Vorgang heißt "Transmutation" und soll - grob gesagt - die radioaktiven Abfälle verbrennen. Nach Meinung einiger Atom-Ingenieure wären somit deutlich weniger Atommülllager nötig. Das Verfahren soll am neuen Prototyp Astrid in der Praxis getestet werden. Spätestens dann wird sich zeigen, ob sich Atommüll wirklich effizient verbrennen lässt.

Für Christoph Pistner sind solche Versprechen verfrüht. "Ob durch Transmutation tatsächlich Endlagervolumen eingespart wird oder gar die notwendigen Isolationszeiträume reduziert werden könnten, ist aus heutiger Sicht mehr als fraglich." Nach Meinung des Reaktorexperten vom Darmstädter Öko-Institut kann niemand aufrichtig versprechen, dass es am Ende nicht doch mehr Endlager bräuchte, als ohnehin schon nötig sind.

Aber Pistner geht noch einen Schritt weiter: Er stellt die Vorzüge der neuen Kraftwerksgeneration insgesamt infrage. Vor allem, weil sie bisher nur also bloße Konzepte auf dem Papier existieren und nirgendwo einem echten Realitätscheck standhalten mussten. Dann könnte sich nämlich schnell zeigen, dass sich mehr Sicherheit und ein wirtschaftlich rentabler Betrieb nicht so ohne Weiteres vereinbaren lassen.

"Der Markt zeigt der Szene die kalte Schulter"

Um gegen Strom aus Wind, Sonne und fossilen Brennstoffen bestehen zu können, müsste die Kernkraft sowieso günstiger werden. Derzeit kostet eine Kilowattstunde Atomstrom um die neun Cent; für Strom aus Wind oder Kohle sind es nur rund vier bis acht Cent.

Und der Trend geht eher in die andere Richtung: Während erneuerbare Energieträger im letzten Jahrzehnt deutlich erschwinglicher wurden, hat sich die Kernenergie immer weiter verteuert. Das Energy Innovation Project, eine energiepolitische Denkfabrik aus Washington, glaubt trotzdem, dass sich die Entwicklung umkehren lässt. Nach seinen Berechnungen ließen sich die Kosten mit den neuen Meilern halbieren.

Aber selbst wenn das gelänge, stellt sich immer noch die Frage, wer die neuen Kraftwerke bauen soll. In Deutschland wurden die öffentlichen Fördermittel für Reaktorforschung faktisch auf null heruntergefahren. Geld gibt es nur aus Brüssel, und selbst dort wird es nur sehr sparsam ausgegeben. Das zeigen die mauen Fördersummen, die im EU-Forschungsprogramm "Horizon 2020" für Reaktorforschung bereitgestellt werden. In den Prototyp Astrid investiert die EU zum Beispiel nur zehn Millionen Euro. In einem anderen Projekt, das die Sicherheit von Flüssigsalzreaktoren erforscht, sind es nur fünf Millionen Euro. Eine Revolution lässt sich damit noch nicht entfachen.

"Der Markt zeigt der Szene die kalte Schulter", sagt der Kritiker Pistner vom Öko-Institut. Zumindest in Deutschland merkt das der Berliner Kernphysiker Götz Ruprecht schon länger. Um einen ersten Prototyp seines Flüssigsalzreaktors bauen zu können, bräuchte er mindestens 100 Millionen Euro. Aber ein Investor, der ein solches Risiko eingehen würde, ist nicht in Sicht. Aufgeben wollen die Physiker vom Institut für Festkörper-Kernphysik trotzdem nicht. Dafür arbeiten sie schon zu lange an einer Renaissance der Atomkraft.

Zuversichtlicher sind da die jungen Wissenschaftler in Amerika. Der Filmemacher David Schumacher hat sie im vergangenen Jahr für seinen Dokumentarfilm "The New Fire" getroffen. Er sagt, dass die jungen Leute der Idealismus antreibe. In anderen Branchen könnten die Forscher deutlich mehr Geld verdienen. Doch sie hätten sich ganz der Kernenergie verschrieben. Sie glauben, dass sich damit der Planet retten lässt.

Passend dazu gibt es eine Szene im Film. Man sieht einen jungen Mann mit Bart, der einen eindringlichen Appell an die Zuschauer richtet. Er sagt: "Wenn uns das Klima am Herzen liegt, müssen wir so schnell wie möglich neue Atomkraftwerke auf der ganzen Welt bauen." Er klingt ein bisschen wie der Sprecher im Film von Walt Disney vor 60 Jahren.

© SZ vom 01.12.2018/cvei
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