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Atomkatastrophe von Fukushima:Der Rekordstrahlung auf der Spur

Die Strahlendosis, die ein Tepco-Arbeiter an einem Schornstein mitten im zerstörten Kraftwerk gemessen hat, war ein Schock: Zehn Sievert pro Stunde. Nun rätseln die Fachleute, wie sich die extrem hohe Zahl erklären lässt.

Unter anderen Umständen wäre es eine Routinemessung gewesen, so hat es globale Schlagzeilen gemacht. Ein Arbeiter des japanischen Kraftwerksbetreibers Tepco steht, bekleidet mit einem weißen Schutzanzug, einen gelben Helm auf dem Kopf, vor einem Kamin. In der Hand hält er eine drei Meter lange Stange, eine sogenannte Messlatte. Das Instrument an deren Ende presst er gegen ein Seitenrohr des Schornsteins.

Fukushima Daiichi Nuclear Power Station

Ein Arbeiter von Tepco bei den Messungen an einem Schornstein auf dem Gelände des zerstörten Atomkraftwerks. Die gemessene Strahlenbelastung von zehn Sievert pro Stunde war ein Schock.

(Foto: dpa)

Der Messwert, den die Sonde erfasst, muss ihn erschreckt haben: mehr als zehn Sievert pro Stunde. Es ist die bislang höchste Strahlenbelastung, die in der havarierten Kraftwerksanlage Fukushima-1 registriert wurde. Die Zahl hat deren Betreiber, der Energiekonzern Tepco, am vergangenen Montag veröffentlicht, das zugehörige Foto am Dienstag.

Zehn Sievert pro Stunde ist eine erschreckende Menge an Radioaktivität. Wer dieser Strahlung 20 Minuten ausgesetzt wäre, hätte nur eine 50-prozentige Chance, den nächsten Monat zu überleben.

Der Arbeiter aber, so berichten japanische Medien, war drei Meter entfernt nur noch einer Dosisrate von 40 Millisievert ausgesetzt. Er habe bei der Messung, die demnach sechs Minuten gedauert haben muss, etwa vier Millisievert abbekommen.

Auch das ist nicht wenig, aber für Arbeiter in Kernkraftwerken durchaus im Rahmen: ein Fünftel der erlaubten Jahresdosis bei normalem Betrieb, weniger als ein Sechzigstel der sogenannten Havariedosis, die den Angestellten nach einer Katastrophe wie in Fukushima zugemutet wird.

Fachleute rätseln nun, wie sich die Zahlen erklären lassen. "Offensichtlich handelt es sich nicht um eine Freisetzung an die Umwelt", sagt Sven Dokter von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), die die deutsche Regierung in Nuklearfragen berät.

Der Schornstein stehe zudem mitten im zerstörten Kraftwerk. "Womöglich hat sich eine große Menge Nuklearmaterial im unteren Bereich des Kamins abgelagert, als in den ersten Tagen des Unglücks der Überdruck aus den beschädigten Reaktoren abgelassen wurde."

Die erhitzte Luft könnte damals aus einem waagerechten Seitenrohr in den Schornstein geströmt und gegen die gegenüberliegende Wand geprallt sein; Verwirbelungen hätten dann mitgerissene Teilchen strahlenden Materials an den Wänden konzentriert.