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Atomkatastrophe in Japan:Eine Röntgenaufnahme pro Stunde

Innerhalb und außerhalb der Evakuierungszone um das havarierte AKW Fukushima-1 wurden deutlich erhöhte Strahlenwerte gemessen. Aber was bedeuten diese Zahlen für die Menschen dort tatsächlich?

Die Menschen, die die Region um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima-1 verlassen mussten, sind verzweifelt. So verzweifelt, dass manche von ihnen bereits in die Sperrzone zurückgekehrt sind, die im Umkreis von 20 Kilometern um die Anlage eingerichtet wurde. Manche wollen nur Wertgegenstände aus ihren Häusern retten, andere ganz in der Heimat bleiben. Die Regierung aber plant nun, die Evakuierungszone sogar auf 30 Kilometer auszuweiten. Greenpeace fordert sogar, die Menschen müssten aus einer Zone 40 Kilometer um das Kraftwerk herausgeholt werden. Und die Vereinigten Staaten und Australien empfehlen ihren Bürgern, 80 Kilometer Abstand zu halten.

Japanese Nuclear Disaster

Eine Strahlendosis von 2,8 Mikrosievert (0,0028 Millisievert) pro Stunde haben Mitarbeiter von Greenpeace in der Stadt Koriyama - etwa 60 Kilometer von Fukushima-1 entfernt - gemessen.

(Foto: dpa/Greenpeace)

Doch wie groß ist das Risiko wirklich?

Zum einen hängt die Strahlenbelastung in der Region um Fukushima-1 davon ab, wie viel und welche radioaktiven Isotope in die Atmosphäre gelangen, sowie von der Windrichtung und vom Wetter. Kommt es etwa erneut zu einer Wasserstoffexplosion in einem der Reaktorblöcke, weht außerdem der Wind Richtung Landesinnere und regnet es schließlich noch über Ortschaften, dann kann die Strahlendosis, mit der die Menschen dort rechnen müssen, deutlich erhöht sein. Unter günstigeren Umständen tauchen in der Region nur relativ wenige radioaktive Isotope auf.

Doch was heißt "deutlich erhöht"?

Die extremsten Strahlendosen findet man natürlich auf dem Gelände der Anlage Fukushima-1 selbst. Der höchste Wert, der bislang überhaupt gemessen wurde, betrifft Wasser im Reaktorblock 2: mehr als 1000 Millisievert (1 Sievert) pro Stunde. Hier hatten Arbeiter der Firma Tepco bereits nach einer Viertelstunde die Gesamthöchstdosis für ihren Einsatz (250 Millisievert) erreicht. Darüber hinaus erlitten zwei Männer durch den direkten Kontakt mit dem radioaktiven Wasser Hautschäden.

Die für die Menschen in der Umgebung bedeutsameren aktuellen Werte stammen von der Südseite des Verwaltungsgebäudes der Anlage und liegen bei 0,6 bis 0,7 Millisievert pro Stunde. Dort wäre ein Mensch bereits nach etwa eineinhalb Stunden einer Strahlenbelastung ausgesetzt, die als Jahreshöchstgrenze für die Bevölkerung in Deutschland gilt. Zum Vergleich: Eine Mammografie belastet den Körper - einmalig - mit etwa 0,2 bis 0,6 Millisievert.

In der weiteren Umgebung der Anlage sind die Werte mancherorts ebenfalls hoch, aber natürlich deutlich geringer als direkt am Kraftwerk. 0,16 Millisievert pro Stunde sollen es der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge am 21. März in Namie gewesen sein, einem Ort innerhalb der 20-Kilometer-Zone. Doch auch in einer Distanz von 30 bis 40 Kilometern um Fukushima-1 hat die Umweltorganisation Greenpeace Ende März Werte von bis zu 0,1 Millisievert pro Stunde festgestellt. Und in der Stadt Litate, immerhin 40 Kilometer vom Krisenreaktor entfernt, waren es am 27. März noch 0,01 Millisievert pro Stunde. Letztere Dosis entspricht etwa einer Röntgenaufnahme der Zähne.

Vor einigen Tagen wurden darüber hinaus Messungen des Kraftwerkbetreibers Tepco innerhalb der Sperrzone bekannt: 0,05 Millisievert pro Stunde wurden dort Anfang April in der Luft gemessen - das entspricht etwa der gesamten Strahlenbelastung während eines Fluges von Frankfurt nach New York - jede Stunde aufs Neue. Und in der Stadt Fukushima City, 60 Kilometer entfernt vom Atomkraftwerk, hatte Greenpeace auf einem Spielplatz eine Bodenprobe genommen und immerhin noch 0,004 Millisievert pro Stunde gemessen. Hier hätte ein Mensch innerhalb von zehn bis elf Tagen die Gesamthöchstdosis von einem Millisievert erreicht, die in Deutschland für die normale Bevölkerung für ein Jahr zugelassen ist.

Die Beispiele zeigen, dass je nach Ort und Umständen Menschen in der Evakuierungszone durch eine Strahlung belastet sein können, die einer stündlich wiederholten Röntgenaufnahme der Zähne (0,01 mSv) oder des Brustkorbs (0,02 bis 0,08 mSv) entspricht. Abhängig vom Aufenthaltsort könnten sie innerhalb von zehn bis hundert Stunden die in Deutschland zugelassene Jahresgesamtdosis erhalten. Deutlich länger dürften sie sich dort aufhalten, wenn der Jahresgrenzwert angelegt würde, der in Deutschland für beruflich der Strahlung ausgesetzte Arbeiter - etwa in einem Atomkraftwerk - gilt: Diese Dosis liegt bei 20 Millisievert.

Doch was heißt das nun für die Menschen, die ihre Wohnungen und Häuser in der Sperrzone besuchen wollen?