Kurz nach Weihnachten entdeckte das Atlas-Teleskop in Chile den Asteroiden 2024YR4. Nach allem, was man bisher weiß, könnte er im Jahr 2032 auf der Erde einschlagen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür liegt aktuell nur noch bei 0,16 Prozent. Das Büro für Planetensicherheit der europäischen Weltraumagentur (Esa) verfolgt den Asteroiden, berechnet seine Bahn und die Einschlagwahrscheinlichkeit. Auf Basis der neuesten Daten wollen sie nach SZ-Informationen im Verlauf des Tages Entwarnung geben. Richard Moissl leitet die Organisation „Planetary Defence Office“ seit fast drei Jahren.

SZ: Herr Moissl, warum ist es so schwierig zu berechnen, ob 2024YR4 die Erde treffen wird?
Richard Moissl: Teleskope halten pro Bild immer nur eine Position des Asteroiden fest. Die einzelnen Bilder beschreiben dann in Raum und Zeit eine Bahn, wie ein Daumenkino. Wir schauen dem Asteroiden im Moment aber hinterher, weil er fast gerade von uns wegfliegt. Da er sich kaum aus der Sichtachse bewegt, kann seine Bahn nur mit genügend Messzeit genauer bestimmt werden.
Ließe sich seine Flugbahn sonst präzise vorhersagen?
Dafür braucht es Zeit. Der Asteroid ist gerade auf dem Weg in die Weiten des Sonnensystems und fliegt durch den Asteroidengürtel bis in die Nähe der Jupiterbahn. Auf diesem weiten Weg wirken alle möglichen Massen im Sonnensystem auf den Asteroiden ein. Sie stören seine Bahn und dadurch potenzieren sich die Möglichkeiten, die sich für die Zukunft ergeben. Je weiter wir die Bewegung des Asteroiden in die Zukunft projizieren, desto größer die Ungenauigkeit. Aber wir messen ja schon seit Weihnachten und mit mehr Messdaten wird der Fehlerbereich, den man immer annehmen muss, kleiner.
Machen Sie sich Sorgen um einen Einschlag?
Nö, Sorgen mache ich mir nicht. Aber eine Einschlagwahrscheinlichkeit von über einem Prozent ist schon extrem selten. Das ist den vergangenen 20 Jahren erst ein anderes Mal vorgekommen. Das war der Asteroid Apophis.
In den vergangenen Wochen hat sich die Einschlagwahrscheinlichkeit schrittweise von 1 über 1,8 und 2 auf 2,8 Prozent erhöht, am Donnerstag sank sie wieder auf 1,4 Prozent. Wie kam es dazu?
Es gibt drei international anerkannte Systeme zur Überwachung von Asteroideneinschlägen: Sentry von der Nasa, Aegis von der Esa und dann noch „NEODyS“ der Universität Pisa. Im Fall des Asteroiden 2024YR4 haben wir uns sofort zusammengesetzt. Immer wenn es neue Ergebnisse gibt, schließen wir uns für einen Qualitätscheck kurz, und dann veröffentlichen wir die Information.
Falls der Asteroid auf die Erde trifft, dann wohl am 22.12.2032 um 15.02 Uhr deutscher Zeit. Wie kann man das schon so genau wissen?
Es gibt nur eine Möglichkeit, wie der Asteroid die Erde treffen kann, nämlich dann, wenn die Erde auf ihrer Bahn zur selben Zeit am selben Ort wie 2024YR4 ist. Wenn es passiert, dann zu diesem Zeitpunkt. Ob das passiert, ist zurzeit noch unklar.
Und ab wann lässt sich sagen, wo der Asteroid einschlagen würde?
Es steht heute schon ein Korridor fest, der den Ostpazifik umfasst, den nördlichen Teil Südamerikas, den Atlantischen Ozean, Afrika, die arabische See, Südostasien. Aber wir veröffentlichen bewusst keine Karte davon, weil die falsch interpretiert werden könnte. Betroffene Regierungen können genauere Informationen bei uns anfragen.
Wie muss man sich das vorstellen, ist das Planetensicherheitsbüro der Esa jetzt geschäftig im 24-Stunden-Schichtbetrieb?
Nein, wir machen einen ganz normalen Regelbetrieb. Für einen 24-Stunden-Betrieb haben wir nicht die finanziellen Mittel. Aber es ist immer jemand on call, der das Diensttelefon für seinen Bereich dabeihat, und ich als Leiter sowieso immer. Sollte es zu irgendwas kommen, meldet sich das System automatisch, ich bekomme dann einen Anruf.
Im Verlauf der Beobachtung ist es zunächst wahrscheinlicher geworden, dass der Asteroid auf die Erde einschlägt, als noch ganz zu Anfang gedacht, oder?
Das heißt aber nicht, dass es gefährlicher geworden ist. Die Zukunft des Asteroiden steht fest, nur unser Wissen ist noch lückenhaft. Aber man muss schon ernst nehmen, wenn die Prozentzahl hochgeht. Wir können noch nicht mit Garantie sagen, ob die Erde wirklich aus dem Schneider ist.
Gerade entfernt sich der Asteroid von der Erde, Ende April verschwindet er aus dem Sichtfeld. 2028 wird er wieder sichtbar. War er schon zuvor mal in der Nähe?
Der fliegt wahrscheinlich schon seit einiger Zeit alle vier Jahre um Weihnachten bei uns vorbei. Wir rechnen auch zurück, wann er das letzte Mal vorbeigeflogen sein müsste, und gleichen ab, ob da gerade ein Teleskop hingeschaut hat. Wenn eines zum passenden Zeitpunkt in die Nähe geblickt hat, analysiert man in die Daten.
Und, ist er da schon aufgetaucht?
Bisher nicht. Das heißt aber nicht, dass er damals nicht vorbeikam. Es gibt viele mögliche Erklärungen: dass er etwas außerhalb des Gesichtsfelds der Teleskope war oder dass die Teleskope nicht groß genug waren, um ausreichend Licht zu sammeln.
Was passiert, wenn bis zu seinem Verschwinden aus dem Sichtfeld nicht sicher geklärt ist, ob er einschlagen wird oder nicht?
Zwei Werte sind dafür wichtig: eine Einschlagwahrscheinlichkeit von mehr als einem Prozent und ein Durchmesser von mehr als 50 Metern. Wenn das bis Mai noch eine Möglichkeit ist, kommt die „Space Mission Planning Advisory Group“ (SMPAG) der Esa ins Spiel. Sie berät die Vereinten Nationen, ob eine Mission angeraten ist, um den Asteroiden von seinem möglichen Kollisionskurs abzulenken. Dass die SMPAG in dem Fall hinzugezogen wird, gebietet die Sorgfaltspflicht.
Ist das jemals zuvor passiert?
Nein, das wäre das erste Mal.
Im Moment wird der Durchmesser des Asteroiden auf zwischen 40 und 90 Metern geschätzt.
Die Masse ist das, was einen Asteroiden gefährlich macht. Und die kann man anhand der Größe gut abschätzen. Von der Geschwindigkeit her sind Asteroiden alle ähnlich, sie liegen im zweistelligen Bereich von Kilometer pro Sekunde.
Also mehr als 40 000 Kilometer pro Stunde.
Genau, das ist eine Menge und trägt zu deren immenser Energie bei. Wenn ein würfelgroßes Objekt mit dieser Geschwindigkeit durchs Sonnensystem rast, gibt das nur schöne Sternschnuppen, die in unserer Atmosphäre verglühen. Wenn die Himmelskörper so groß werden wie ein Basketball, dann gibt es sogenannte Feuerbälle, das sind spektakuläre Erscheinungen am Nachthimmel, aber auch völlig ungefährlich. Ab etwa zehn Meter Durchmesser wird es langsam interessant. Der Himmelskörper, der 2013 über Tscheljabinsk in Russland in die Atmosphäre eingetreten ist, hatte schätzungsweise knapp 20 Meter Durchmesser. Die Druckwelle hat Millionen Euro Sachschäden verursacht, und 1400 Menschen wurden verletzt – teils durch umherfliegende Glassplitter, teils durch die Panik, die danach entstanden ist.
Und was passiert bei 50 Meter Durchmesser?
Ab 30 bis 50 Metern fängt es an, wirklich sehr gefährlich zu werden. Man geht davon aus, dass 1908 über Tunguska in Sibirien ein Objekt von etwa 50 Meter in die Atmosphäre eingedrungen ist. Dabei wurden 2000 Quadratkilometer Wald geplättet. Ein 50-Meter-Asteroid hat das Potenzial, eine ganze Stadt auszulöschen. Deswegen ist es wichtig zu wissen, ob 2024YR4 eher 40 Meter oder eher 90 Meter groß ist. Das wollen wir mit Daten des James-Webb-Weltraumteleskops im März und im Mai noch genauer abmessen.
Wie optimistisch sind Sie, dass es bis zum Verschwinden aus dem Sichtfeld eine belastbare Schätzung gibt, ob er auf der Erde einschlägt?
Es kann auch sein, dass wir bis kurz vor Schluss nicht wissen, ob er auf die Erde trifft. Aber klar ist, dass die Unsicherheitsregion in der nächsten Zeit kontinuierlich schrumpfen wird, vielleicht nicht Tag für Tag, aber Woche für Woche.
Wird ein Asteroid dieser Größe eigentlich routinemäßig entdeckt, oder war das Zufall?
In der Größenordnung von 2024YR4 geht uns noch einiges durch die Lappen. Das war schon ein bisschen Glück, weil er bereits am dritten Tag seiner Sichtbarkeit aufgefallen ist. Aber es ist immer noch hochwahrscheinlich – mehr als 98 Prozent –, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert. Ungefähr etwas mehr als ein halbes Prozent beträgt übrigens die Wahrscheinlichkeit, dass er auf dem Mond einschlägt. Das wäre ein Riesenspektakel.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Asteroid tatsächlich auf Kollisionskurs mit der Erde liegt: Wie würde man ihn am ehesten von seinem Kurs abbringen?
Das technologisch reifste Mittel ist der sogenannte kinetische Impaktor. Quasi ein „Schubs-Satellit“, der den Asteroiden rammt. Dass das funktioniert, hat die Nasa-Mission Dart 2022 bewiesen.
Was wäre noch denkbar?
Ionenstrahltriebwerke, die von einer Raumsonde aus den Asteroiden berührungslos langsam wegschieben. Dafür ist die Zeit aber zu kurz. Sollte es nicht anders gehen, kann man immer noch sehr viel kinetische Energie auf einmal verabreichen – also eine Atomrakete. Nach dem Weltraumvertrag der Vereinten Nationen ist das aktuell verboten, aber die Weltgemeinschaft könnte sich darauf einigen, das zu ändern. Im Moment wäre das aber mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Damit die SMPAG so etwas ernsthaft in Erwägung zieht, müsste die Einschlagwahrscheinlichkeit deutlich über zehn Prozent liegen und der Durchmesser sicher deutlich über 50 Meter.
Hinweis der Redaktion: Die Esa hat am Donnerstagabend eine neue Einschlagswahrscheinlichkeit von 0,16 Prozent veröffentlicht, zuvor lag sie noch bei 1,4 Prozent. Wir haben den Wert im Text aktualisiert.


