Artenvielfalt:Wer kann 50 000 Arten von Insekten auseinanderhalten?

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Geschätzt gibt es allein in Deutschland etwa 50 000 verschiedene Arten von Insekten. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass darunter welche sind, von denen man noch nicht einmal weiß, dass sie existieren. "Neulich haben wir sogar im Garten unseres Instituts eine bisher unbekannte Mückenart gefunden", sagt Wägele. Er vermutet, dass etwa zehn Prozent aller Insekten in Deutschland noch unentdeckt sind, etwa weil sie sehr selten vorkommen, oder weil sie in schwer zugängliche Biotopen wie den Baumkronen leben. Wie soll man sich da einen Überblick verschaffen?

Eine Möglichkeit wäre, die Zählung zu automatisieren. Wägele und seine Kollegen schlagen vor, ein Netz aus Messstationen an zunächst hundert Standorten in ganz Deutschland einzurichten. "Ähnlich den Wetterstationen." Dort könnten Insekten automatisch gefangen werden. "Wir haben sogar einen Roboter entwickelt, der die Fallen regelmäßig leert", sagt Wägele. Im Labor könnte man dann anhand charakteristischer genetischer Merkmale der einzelnen Arten automatisch bestimmen, welche Spezies in den verschiedenen Proben enthalten sind.

"Auf diese Weise wären wir in der Lage, an vielen Orten gleichzeitig die Entwicklung der Insekten zu verfolgen", sagt Wägele. Um Vergleichsdaten zu haben, baut er gerade gemeinsam mit Kollegen eine Datenbank auf, in der für jede Art charakteristische genetische Merkmale gespeichert sind. Bis Ende des Jahres sollen dort genetische Charakteristika von 35 000 Arten erfasst sein. Die Wissenschaftler könnten im Prinzip sofort starten, allerdings fehlt bislang noch das Geld, um das Projekt zu finanzieren.

Auch was die Ursachen des Artenschwunds angeht, gibt es noch wenig Gewissheiten. "Das ist schon fast Voodoo", sagt Settele. "Wir ahnen, was es ist", sagt Wägele. "Aber wir können es nicht beweisen, uns fehlen die Daten." Beide Wissenschaftler meinen damit nicht, dass man tatenlos zusehen soll, bis alles ganz genau erforscht ist. "Wir müssen nach dem Vorsorgeprinzip handeln", sagt Settele.

Hobbygärtner wissen oft gar nicht, welche Gifte in den Mitteln aus dem Baumarkt stecken

Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, die den Insekten zusetzen. Zu den Hauptverdächtigen gehören der Klimawandel, die Zerstückelung und Versiegelung der Landschaft, die Überdüngung mit Stickstoff und der Einsatz von Insektiziden, also Schädlingsbekämpfungsmitteln. Die allgegenwärtigen Stickstoffverbindungen stammen teilweise aus Düngern, die in der Landwirtschaft benutzt werden, vor allem aber auch aus Abgasen von Autos und Fabriken.

Über die Luft gelangen die Substanzen sogar in Naturschutzgebiete, wo sie zunächst die Vegetation verändern: Pflanzen, die auf mageren Böden gedeihen, werden von Arten wie Löwenzahn und Brennnessel verdrängt und mit ihnen eben auch die Insekten, die diese Pflanzen zum Überleben brauchen. Die meisten Insektizide wie die Neonicotinoide, kurz Neonics, gelangen über die Landwirtschaft in die Umwelt. "Sie kommen aber erstaunlich oft auch in privaten Gärten zum Einsatz", sagt Settele - oft ohne, dass den Kleingärtnern bewusst ist, dass das Mittel, das sie im Baumarkt oder im Gartencenter gekauft haben Neonics enthält. Die schädlichen Auswirkungen dieser Insektizide zum Beispiel auf Bienen und Hummeln sind erwiesen. Erst Ende Juni sind dazu zwei Publikationen in Science erschienen.

"Überraschend ist das nicht", sagt Settele. Insektizide seien schließlich entwickelt worden, um Insekten zu töten. Und die meisten dieser Chemikalien seien nicht so speziell, dass sie ausschließlich den unerwünschten Schädling beseitigen. Settele plädiert dafür, den Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft zu reduzieren, und verweist auf eine Untersuchung, die Anfang des Jahres in der Fachzeitschrift Nature Plants erschienen ist. Demnach könnten mehr als drei Viertel der Bauern den Einsatz von Chemikalien deutlich verringern, ohne Verluste befürchten zu müssen.

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