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Artenvielfalt:Artensterben wird häufig überschätzt

Drei oder 130 Arten täglich? Die Angaben, wie viele Arten aussterben weil ihre Umwelt zerstört wird, gehen weit auseinander. Offenbar ist die übliche Methode, das Ausmaß zu berechnen, alles andere als optimal.

Katrin Blawat

Zwischen drei und 130 Arten sterben jeden Tag aus, meldet die Naturschutzorganisation WWF. Die schwammige Angabe lässt ahnen, welch große Schwierigkeiten es Artenschützern bereitet, etwas zu zählen, das es nicht mehr gibt.

Ein Stirnlappenbasilisk in Costa Rica. Es ist nicht einfach, festzustellen, wie viele Arten in einem Gebiet aufgrund der Umweltzerstörung tatsächlich verschwinden.

(Foto: AFP)

Die dazu übliche Methode führe häufig dazu, dass das Ausmaß des Artenschwundes stark überschätzt werde - manchmal um mehr als das anderthalbfache, warnen Fangliang He und Stephen Hubbell (Nature, Bd.473, S.368, 2011).

Die Biologen von den Universitäten im chinesischen Guangzhou und in Los Angeles kritisieren - nicht als erste Forscher - die Praxis, den Artenschwund indirekt anhand des Verlustes an Lebensraum zu bemessen. Zwar erscheint dieses Vorgehen zunächst logisch, denn einer der wichtigsten Faktoren für die Artenvielfalt ist die Größe des verfügbaren Lebensraumes.

Auf einer eng begrenzten Fläche leben deutlich weniger Arten als auf einem nur wenig größeren Areal. Erst wenn man ohnehin schon große Gebiete betrachtet, schwächt sich die Beziehung zwischen Artenanzahl und Flächengröße ab. Dieses Wissen lässt sich mathematisch in der sogenannten Arten-Areal-Kurve ausdrücken. Sie nutzen Ökologen auch, um zu prognostizieren, wie viele Arten verschwinden werden, wenn zum Beispiel ein Waldstück um ein Drittel seiner Fläche schrumpft.

Dieses einfache Modell hat jedoch einen Nachteil: Es stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn beispielsweise auf einem Kontinent statt der errechneten 120 nur 80 Vogelarten ausgestorben sind, wird der Artenschwund um das Eineinhalbfache überschätzt, wie die Modellierungen von He und Hubbell gezeigt haben. Diese Ergebnisse bedeuteten allerdings nicht, dass der Verlust von Lebensraum oder das Problem des Artenschwundes unbedenklich sei, schreiben die Autoren: "Nichts könnte unpassender sein als diese Folgerung."

Allerdings plädieren die Forscher dafür, das bisher gebräuchliche Modell zu erweitern. Entscheidend ist vor allem das Wissen darüber, wie sich die Individuen der untersuchten Art über das verlorengegangene Gebiet verteilt haben. Die einfachste Annahme, dass ein Waldstück von zum Beispiel 30 Quadratkilometern überall gleichmäßig von den Vögeln einer Art bewohnt wird, dürfte so gut wie nie zutreffen.

Abhängig von Pflanzenbewuchs, Bodenbedingungen und Nahrungsangebot enthält jeder Lebensraum Bereiche, die kaum ein Tier einmal aufsucht. Wird nun ausgerechnet eine solche Fläche gerodet, dürfte das die Vögel kaum stören. Andererseits gibt es im selben Waldstück auch Areale, die vielen Individuen auf kleiner Fläche Nahrung, Schutz vor Feinden und Brutmöglichkeiten bieten. Fällt ein solches Gebiet - und mag es noch so klein sein - plötzlich weg, kann dies den Fortbestand der Vogelart erheblich bedrohen. Um diese Zusammenhänge wissen Artenschützer zwar schon lange.

Doch Daten darüber, wo genau sich eine Art in ihrem Lebensraum aufhält, seien trotz der Dringlichkeit des Themas noch immer rar, schreiben He und Hubbell.

© SZ vom 19.05.2011/mcs

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