UN-Artenschutzgipfel:Die Millionenfrage

Gefährdete Grüne Meeresschildkröte gefunden

Die Grüne Meeresschildkröte wird in der Roten Liste der bedrohten Tierarten geführt.

(Foto: dpa)

Eine Million Arten könnten laut Weltbiodiversitätsrat in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. Woher aber stammt überhaupt die Zahl?

Von Benjamin von Brackel

Eine Zahl wird immerzu mitschwingen, wenn Regierungsvertreter aus aller Welt auf dem UN-Biodiversitätsgipfel über den Artenschutz der kommenden zehn Jahre diskutieren werden: eine Million. So viele Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht und könnten im schlimmsten Fall schon in den kommenden Jahrzehnten verschwinden, erklärte der Weltbiodiversitätsrat IPBES in einem aufsehenerregenden Bericht im Jahr 2019. Manche Wissenschaftler sprechen vom sechsten Massenaussterben auf der Erde. Woher aber stammt die Zahl überhaupt, und was verbirgt sich dahinter?

Um die Zahl der vom Aussterben bedrohten Arten zu berechnen, mussten die Experten zunächst einmal abschätzen, wie viele Arten es überhaupt auf der Welt gibt - was schwieriger ist, als es klingt. Über 1,7 Millionen Arten sind heute beschrieben, aber die Wissenschaft ist sich einig, dass die Gesamtzahl deutlich höher liegen dürfte. Nur wie hoch - darüber herrscht Uneinigkeit. Neuere Schätzungen reichen von fünf bis zehn Millionen Arten. Die IPBES-Wissenschaftler stützten sich auf eine konservative Abschätzung von 8,1 Millionen Arten - drei Viertel davon Insekten.

Als nächstes ging es darum, herauszufinden, welcher Anteil davon tatsächlich vom Aussterben bedroht ist. Dafür bezogen sich die Wissenschaftler auf die Rote Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion IUCN und rechneten die Beobachtungsdaten hoch, da diese nur die dokumentierten, bei weitem aber nicht alle tatsächlich bedrohten Arten umfassen. Ein Viertel aller Arten erwies sich als vom Aussterben bedroht.

Was die vielfältige Klasse der Insekten anbelangt, ist die Rechnung etwas komplizierter - eine Abschätzung geht von lediglich zehn Prozent Aussterberisiko aus. Zehn Prozent von 5,5 Millionen Insekten ergibt 550.000. Und 25 Prozent von 2,6 Millionen der restlichen Tier- und Pflanzenarten ergibt 650.000. Zusammen wären das gut eine Million Arten, die vom Aussterben bedroht sind. "Diese Abschätzung ist natürlich mit sehr vielen Unsicherheiten verbunden und sieht vielleicht erst einmal nach einer Pi-mal-Daumen-Kalkulation aus", sagt die Ökosystemforscherin Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie, die an dem IPBES-Bericht mitgeschrieben hat. "Aber sie basiert in der Tat auf Beobachtungsdaten und ist derzeit das Beste, was die Wissenschaft liefern kann, um noch einigermaßen seriös zu bleiben."

Zahlreiche Biologen kritisieren sie dennoch und zwar aufgrund des Bezugs auf die Rote Liste. Diese spiegele lediglich den Ist-Zustand wieder, also die Bedingungen, unter denen die Arten heute leben. Mit dem Klimawandel verändern sich die Bedingungen aber radikal: Die Klimanischen der Arten verschieben sich in Richtung der Pole und die Berge hinauf, und die Artenwelt muss sehen, dass sie hinterherkommt. Zwar gilt der Klimawandel heute noch nicht als der Hauptfaktor für das Aussterben der Arten (er landet erst auf Platz drei hinter Landnutzungsänderungen und der direkten Ausbeutung der Natur wie der Abholzung von Regenwäldern und der Überfischung), aber das dürfte sich in Zukunft ändern.

Der erste, der berechnet hat, wie viele Arten durch den Klimawandel aussterben könnten, ist Chris D. Thomas. Der Biologe von der Universität York nutzte Artenverbreitungsmodelle, um das Aussterberisiko in sechs Weltgegenden zu berechnen. Für Hunderte von Arten sah er sich zusammen mit Kollegen aus aller Welt an, wo sich ihr jeweiliger Verbreitungsraum heute befindet, und wie sich dieser unter drei Klimaszenarien verändern würde. Das Ergebnis erschien 2004 in Nature: Je nach Klimaszenario verschwand für manche Arten der potenziell bewohnbare Raum bis zum Jahr 2050 komplett, für manche Arten blieb er gleich, für die allermeisten Arten jedoch schrumpfte er deutlich. Ab wann das zum Aussterben führen könnte, berechnete Thomas mithilfe der sogenannten Arten-Areal-Beziehung, einer Theorie aus der Inselbiogeographie, wonach die Artenzahl umso größer ist, je größer ein bewohnbares Gebiet ist.

Es gab nur ein Problem: Das Modell konnte nicht berechnen, ob die Tier- und Pflanzenarten tatsächlich in der Lage sind, die Gebiete zu erreichen, in denen in Zukunft die für sie tolerierbaren Klimabedingungen herrschen. Nur zwei Möglichkeiten konnten Thomas und seine Kollegen testen: Entweder die Arten können überhaupt keine neuen Gebiete kolonisieren oder alle. Das Ergebnis der Projektionen lieferte also eine Spanne und keine Zahl: 15 bis 37 Prozent aller Arten könnten demnach bis 2050 aufgrund einer Erwärmung von bis zu zwei Grad Celsius aussterben. Im Schnitt liege das Aussterberisiko bei 25 Prozent. Auf die gesamte Welt angewendet wären das: etwa eine Million Arten.

Über die Studie wurde weltweit berichtet und selbst in Parlamenten wie in den USA und Großbritannien diskutiert, aber sie erntete auch Kritik. "Wir kennen die Zukunft nicht", sagt Arneth. "Wie viele Arten in Zukunft gefährdet sind, hängt beispielsweise davon ab, wie stark der Klimawandel uns treffen wird, wie sich die Weltbevölkerung und die Landwirtschaft verändern wird oder was wir in Zukunft essen."

Außen vor blieben in den Berechnungen auch weitere Bedrohungen wie die Zerstörung der Habitate durch den Menschen - weshalb die Gesamtzahl noch viel höher liegen dürfte. Überhaupt gilt: Arten müssen nicht erst komplett aussterben, damit ganze Ökosysteme aus dem Lot geraten - dafür reicht es oft schon, wenn bestimmte Populationen schrumpfen. "Die Arten befinden sich nicht im luftleeren Raum, sondern interagieren miteinander", sagt Arneth. Nimmt der Verbreitungsraum und die Dominanz mancher Arten ab, könne allein das schon ganze Nahrungsnetze verschieben oder zusammenbrechen lassen. Die "eine Million" liefert also nicht das komplette Bild. "Hinter der Zahl steht die Zerstörung ganzer Ökosysteme."

Die gute Nachricht: So weit muss es nicht kommen. Gefährdet heißt nicht ausgestorben. "Das Positive ist: Wir können noch etwas tun", sagt Arneth. Für die UN-Artenschutzkonferenz hat sie schon einen Vorschlag: "Wir müssen die Lebensräume für die Arten erhalten und sogar vergrößern, damit sie sich erholen können."

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