UN-Bericht:"Die Zeit läuft uns davon"

Hauptgrund für den Artenschwund in den Ozeanen in den vergangenen 50 Jahren ist die Überfischung. Es gibt immer weniger Gebiete, in denen nicht gefischt wird, der Mensch dringt in immer tiefere Gewässer vor und holt die Tiere schneller heraus, als sie sich vermehren können. So werden es immer weniger. Im Jahr 2015 waren dem Bericht zufolge 33 Prozent aller Spezies überfischt, darunter Aale, Dornhaie und alle anderen Haiarten, der Granatbarsch und der Rochen.

Neu an dem Bericht ist, dass er den Artenschwund nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit der zweiten die Menschheit bedrohenden Krise beleuchtet, dem Klimawandel. Artenschutz und Klimaschutz gelten vielen nach wie vor als unvereinbar. Größter Streitpunkt sind Energiepflanzen wie Raps und Mais, die zwar dazu beitragen, den CO₂-Ausstoß zu verringern, aber auch große Flächen verbrauchen, was schlecht ist für die Artenvielfalt. "Der Weltbiodiversitätsrat und der Weltklimarat wollen in Zukunft stärker zusammenarbeiten", sagt Josef Settele, Co-Vorsitzender des IPBES. Entscheidend sei, wie man in Zukunft den Energiesektor weiterentwickele. "Wind- und Wasserenergie beispielsweise könnten Druck von der Fläche nehmen", sagt Settele.

Was zu tun wäre, um den Zustand der Erde zu verbessern, ist seit Langem bekannt. Schon 2010 haben sich 150 UN-Staaten zu den sogenannten Aichi-Zielen bekannt. Bis zum Jahr 2020 sollte demnach unter anderem der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden. Die Frist läuft nächstes Jahr ab, und die Formulierung der IPBES-Autoren, es sei "wahrscheinlich, dass die meisten Aichi-Biodiversitätsziele für das Jahr 2020 nicht erreicht werden", ist sehr milde ausgedrückt.

In dem Abschnitt des Berichts, in dem es um Details geht, bewerten die Experten die Fortschritte in vielen Punkten als armselig. Das gilt etwa für die Ziele, den Verlust von Lebensräumen zu halbieren und die Überfischung der Meere zu stoppen. Auch von einer nachhaltigen Landwirtschaft sind so gut wie alle Länder, die 2010 unterzeichnet haben, weit entfernt. "Gut" sind dem Bericht zufolge dagegen die Bemühungen vorangekommen, mehr Schutzgebiete zu etablieren sowie "invasive Arten" zu bekämpfen. Eines der bekanntesten Beispiele sind die ursprünglich aus den USA stammenden Grauhörnchen, die das kleinere europäische Eichhörnchen in Großbritannien fast schon verdrängt haben.

Der Bericht macht indes nicht nur die Misere deutlich, sondern er zeigt auch auf, was getan werden müsste. Schon bis zum Jahr 2030 könnte sich die Situation verbessern, schreiben die Autoren. "Die Zeit läuft uns davon", sagt Günter Mitlacher, der bei der Umweltschutzorganisation WWF die Abteilung internationale Biodiversitätspolitik leitet. "Auf der Konferenz wurde lange um möglichst einfache und verständliche Formulierungen gerungen, um die Dramatik und die Dringlichkeit zu verdeutlichen", sagt er.

Denn der Weltbiodiversitätsrat kann nur Empfehlungen geben. Ob und was davon umgesetzt wird, entscheiden die Politiker in den einzelnen Ländern. Am Samstag unterzeichneten die beteiligten 132 Staaten den Bericht, samt seinen Empfehlungen. Verbindlich sind die nicht.

Der Bericht wurde bereits auf der G-7-Umweltministerkonferenz vorgestellt. Geplant ist, ihn im August auch auf dem G-7-Gipfel im französischen Biarritz zu präsentieren. "Das Thema ist genauso wichtig wie der Klimawandel und muss ebenfalls zur Chefsache gemacht werden", sagt Mitlacher. Was geschieht, wenn sich nichts ändert, beschreiben die IPBES-Autoren in einem "Business-as-usual-scenario". Die Lage wird sich dann immer weiter verschärfen, bis zum ökologischen Kollaps.

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