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Umweltschutz:Artensterben verursacht Artensterben

Sumatran rhinoceros - standing in forest (Dicerorhinus sumatrensis). Way Kambas National Park, Lampung Province, souther

Das Sumatra-Rhinozeros: eines der letzten seiner Art.

(Foto: imago images/Ardea)

Der dramatische Schwund Hunderter Wirbeltierspezies gefährdet weitere Lebensräume und Kreisläufe, die auch der Mensch braucht.

Auf der Erde leben etwa 7,7 Milliarden Menschen. Von mehr als 500 anderen Wirbeltierarten gibt es dagegen nur noch weniger als 1000 Exemplare. Weitere 388 Spezies sind auf unter 5000 Individuen geschrumpft. Sie werden die nächsten Opfer des großen Artensterbens sein, das derzeit auf allen Kontinenten wütet und offensichtlich schneller voranschreitet als bisher angenommen. Das schreiben die Autoren einer Untersuchung, die soeben im Wissenschaftsjournal PNAS erschienen ist.

Die Untersuchung stützt sich auf Daten der Weltnaturschutzunion IUCN und der Vogelschutzorganisation Birdlife International. Das Team um den Biologen Gerardo Ceballos von der Universidád Nacional Autónoma de México untersuchte 29 400 an Land lebende Wirbeltierarten und kam zu dem Schluss, dass es von 74 Säugetieren, 335 Vögeln, 41 Reptilien und 65 Amphibien auf dem gesamten Globus weniger als 1000 Exemplare gibt. Von etwa der Hälfte dieser Arten sind sogar weniger als 250 Exemplare übrig. Eines der am stärksten gefährdeten Säugetiere überhaupt ist das Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis), von dem nur noch 80 Exemplare im Norden Sumatras leben. Trotzdem werden die Tiere wegen ihres Horns weiterhin illegal gejagt. Auch vom Clariónzaunkönig (Troglodytes tanneri), der so heißt, weil er ausschließlich auf der mexikanischen Insel Clarión vorkommt, gibt es nur noch wenige Exemplare. Dasselbe gilt für die Española-Riesenschildkröte (Chelonoidis nigra hoodensis) auf Galapagos und den mittelamerikanischen Stummelfußfrosch Atelopus varius.

"Jedes Mal, wenn eine Spezies verschwindet, wird die Leistungsfähigkeit der Ökosysteme auf der Erde geschwächt", schreiben die Studienautoren. Egal ob Korallenriff, Dschungel oder Wüste: Nur das Zusammenspiel verschiedener Arten macht Ökosysteme funktionsfähig und resilient gegen äußere Einflüsse. Und nur intakte Ökosysteme können ihre "Dienstleistungen" wie sauberes Wasser oder ein stabiles Klima zur Verfügung stellen, auf die auch Menschen angewiesen sind.

"Wenn die Menschheit Populationen oder ganze Arten anderer Lebewesen vernichtet, sägt sie an dem Ast, auf dem sie selbst sitzt", sagt Paul Ehrlich, Biologe an der Stanford University, der an der Studie beteiligt war. "Wir zerstören damit funktionierende Teile des Systems, von dem unser eigenes Leben abhängt."

Das Ende der Stellers Seekuh zeigt, wie Arten vom Überleben der anderen abhängen

Keine Art lebt isoliert, sondern jede Spezies ist über ein komplexes Netzwerk mit anderen Lebewesen verbunden - im einfachsten Fall, weil einer den anderen als Nahrung braucht. Aus diesem Grund befürchten die Studienautoren einen "Dominoeffekt", bei dem das Aussterben einer Art zur Folge hat, dass das Risiko anderer Lebewesen, von der Erdoberfläche zu verschwinden, ebenfalls steigt. Ein eindrückliches Beispiel für diese Zusammenhänge ist das Aussterben der Stellers Seekuh im nördlichen Pazifik. Das wahrscheinlich letzte Exemplar wurde 1768 von Jägern erschlagen und verzehrt. Der eigentliche Grund für das Verschwinden der Seekuh war aber die starke Dezimierung von Seeottern durch Jäger. Weil es nur noch wenige Seeotter gab, konnten sich Seeigel stark vermehren, die zuvor von den Ottern gefressen und dadurch in Schach gehalten wurden. Die Seeigel fraßen die Tangwälder kahl, von denen sich auch die Seekühe ernährten, die in der Folge regelrecht verhungerten. "Aussterben hat Aussterben zur Folge", schreiben die Wissenschaftler in PNAS.

Dabei dreht sich der tödliche Kreisel immer schneller: Der Studie zufolge sind allein in den vergangenen hundert Jahren mehr als 400 Wirbeltiere ausgestorben. Im normalen Verlauf der Evolution verschwindet diese Zahl von Arten in einem Zeitraum von etwa 10 000 Jahren. "Diese massiven Verluste werden - direkt oder indirekt durch Aktivitäten des Homo sapiens verursacht", schreiben die Autoren. Sei es, weil der Mensch die Tiere jagt, oder weil er ihnen durch seine starke Vermehrung schlicht keinen Platz zum Leben lässt. Zu den Arten, die erst kürzlich von der Erdoberfläche verschwunden sind, gehören der Beutelwolf (Thylancinus cyanocephalus), der Elfenbeinspecht (Campephilus principalis) und die Mauritiusboa (Bolyeria multocarinata). Am stärksten vom Schwund betroffen waren in den vergangenen Jahrzehnten aber die Amphibien. Hauptgrund dafür ist eine Pilzerkrankung - der Erreger wurde vom Menschen auch in die entlegensten Winkel der Erde geschleppt. Trauriges Symboltier des weltweiten Amphibiensterbens ist die Goldkröte, die kurz nach ihrer Entdeckung Mitte der 1960er-Jahre ausgestorben ist.

Das Funktionieren von Ökosystemen ist aber nicht erst gefährdet, wenn Arten definitiv verschwunden sind, oft bringt auch schon eine starke Dezimierung das ganze Gefüge durcheinander. Wenn die Zahl der Individuen unter einen kritischen Punkt fällt, kann die Art ihre Funktion im Ökosystem nicht mehr erfüllen. Ein Beispiel sind die Bisons in Nordamerika, die noch vor 200 Jahren die Prärie geprägt haben. Damals gab es Schätzungen zufolge 30 bis 60 Millionen dieser Tiere. Den Menschen lieferten sie Fleisch, Kleidung und Dünger. Die Jagd und die Umwandlung ihres Lebensraums in Farmland haben dazu geführt, dass im Jahr 1884 noch ganze 325 Individuen lebten. Die Art hat sich wieder erholt. Derzeit gibt es etwa 4000 wilde Bisons, dazu 500 000 Exemplare in Gehegen - aber ihre ehemals zentrale Bedeutung für den Lebensraum hat die Art verloren.

Ökologische Zombies: Sie sind zwar noch da, haben aber keine Funktion mehr

Manche Biologen bezeichnen solche Spezies als "ökologische Zombies": Sie sind noch da, haben aber keine Funktion mehr für das Ökosystem.

Manche dieser Arten sind schon so gut wie tot. Es ist unzweifelhaft, dass sie früher oder später aussterben werden. Sei es, weil sie über ein großes Gebiet verteilt sind, dass sie keine Partner mehr finden, oder weil sie sich aufgrund der notgedrungenen Inzucht genetisch so ähnlich sind, dass sie die Fähigkeit verloren haben, sich anzupassen, wenn sich ihre Umwelt verändert. Aus diesem Grund haben die Studienautoren auch diejenigen Landwirbeltiere in ihre Untersuchung einbezogen, von denen es weniger als 5000 Exemplare gibt. 388 Arten gehören in diese Kategorie. Wie die meisten der 515 Spezies, von denen es nur noch 1000 Individuen gibt, lebt ein Großteil dieser Tiere in den Tropen und Subtropen - und dort vor allem in Regionen, in denen es auch viele Menschen gibt - ein weiterer Hinweis darauf, dass es Homo sapiens ist, der anderen Arten das Leben auf der Erde schwer macht.

© SZ vom 03.06.2020
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