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Artenschutz:Wir sind wieder da

Biber

Ungefähr 30 000 Biber leben aktuell wieder in Deutschland, die meisten davon im Süden des Landes.

(Foto: Thomas Warnack/dpa)

Lange waren Biber in Deutschland verfolgt, verhasst und irgendwann fast ausgerottet. Der Klimawandel begünstigt nun die Rückkehr der Nagetiere in die Gewässer des Landes - auch weltweit steigen die Bestände.

Es ist schwül, an die 28 Grad. Eine Handvoll Badegäste hat auf der Liegewiese ihr Handtuch aufgeschlagen. Die meisten suchen sich einen Platz unter den großen Weiden mit Blick auf den Chiemsee. Zur Wiese hin führt ein schmaler Kiesweg. Keinen Meter neben ihm plätschert die Prien, ein kleiner Fluss, der sich irgendwann im See verliert. Dass die Badegäste auf ihrem Weg hierher nicht nur an Büschen und Sträuchern, sondern auch an einer Biberburg vorbeigekommen sind, scheint keinem bewusst zu sein. Außer Heinz-Jürgen Pohl. Er ist ehrenamtlich hier und kennt sich mit Bibern aus. Der "Biberberater" klärt Menschen über den Biber auf. Zum Beispiel, indem er Streifzüge durch Biberreviere anbietet und als wandelndes Biber-Lexikon Fragen beantwortet. Das macht Pohl nun seit zwölf Jahren. Etwa 400 Biberberater wie ihn gibt es in Bayern bereits. Wenn ein Biber irgendwo Probleme bereitet, schlichten sie. Weil sich der Biber weiter vermehrt, könnte das künftig wohl häufiger nötig werden. Auch weltweit steigen die Zahlen, die Tiere profitieren von der Erderwärmung.

Heute steht Pohl in seinem Stammbiberrevier am Chiemsee. "Wenn ich weiß, worauf ich achten muss, sehe ich die Spuren überall", sagt der 58-Jährige. Er streicht ein paar Zweige am Ufer zur Seite. Ein hüfthoher Baumstumpf tritt zum Vorschein. Das Überbleibsel ist angenagt bis zum Kambium, dem hellen Teil gleich unter der Rinde. Der beschädigte Stumpf ist ein Beweis für Biberaktivität.

"Biber haben schon gelebt, als Mammut, Höhlenbär und Säbelzahntiger unterwegs waren."

An der Prien-Mündung ist der Nager seit zehn Jahren zu Hause. Seine Biberburg liegt keine acht Meter Luftlinie entfernt am anderen Flussufer. Biber sind vor allem nachts aktiv - und das meist in Ufernähe. Auf Wanderschaft gehen sie nur, um neue Reviere zu finden. Eigenständig sind sie von Bayern aus bereits bis nach Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Sachsen, aber auch in die Schweiz und nach Österreich gewandert. Wo immer sie sich ansiedeln, schaffen sie reiche Biotope und halten die Gewässer sauber.

In Deutschland nimmt der Biberbestand seit 25 Jahren deutlich zu. Mittlerweile leben etwa 30 000 Europäische Biber (Castor fiber) - auch Eurasischer Biber genannt - in der Bundesrepublik, 17 000 bis 18 000 Exemplare allein in Bayern. Wegen der Schäden, die der Biber als Umweltarchitekt hier und da anrichtet, möchten ihn einige wieder loswerden. Es gab eine Zeit, in der der Biber fast in ganz Deutschland ausgerottet war; nur an der mittleren Elbe überlebte er isoliert. 1867 wurde einst der letzte bayerische Biber geschossen. Wegen seines Fells, seines Fleisches und wegen des Bibergeils, eines Sekrets, das als Heilmittel und Aphrodisiakum galt, wurde er gejagt. Seit nun mehr als 40 Jahren darf er sich wieder ansiedeln und steht unter Schutz. Er soll die Artenvielfalt stärken.

Die Erfolge des Bibers sind messbar. Wenn die Nager Wasser aufstauen, schaffen sie Tümpel, Feuchtwiesen und Sümpfe. Dort siedeln sich neben zahlreichen Pflanzenarten Insekten, Amphibien, Reptilien und Vögel an. Vom Aussterben bedrohte Arten wie der Eisvogel kehren zurück. Forellen und andere Fische werden in Biberteichen zahlreicher und deutlich größer als im frei fließenden Bach. In Bayern hat sich der Biber auf 86 Pflanzenarten und Tierarten positiv ausgewirkt. Deshalb gelten Biberreviere inzwischen als die reichsten Biotope des Freistaats.

Der Biber leistet auch Hochwasserschutz und hilft dabei, Umweltverschmutzungen zu bremsen. Seine Dämme lassen Gewässer langsamer fließen. Bei Hochwasser kann das äußerst nützlich sein. Außerdem schafft er sogenannte Retentionsflächen, in denen Wasser zurückgehalten wird. Hochwasser wird so nicht verhindert, aber der Anstieg von Pegelständen verlangsamt.

Ein Gang um eine der Weiden herum offenbart die Kehrseite der Biberambitionen. Am Fuß des Stammes legen kraterähnliche Wunden tiefere Baumschichten frei. Es sieht nach Präzisionsarbeit aus. Ganz als wäre hier jemand mit einem Spachtel Bahn für Bahn den Stamm hinuntergeglitten. "Deswegen sind jetzt die Drahtgitter um die Bäume gewickelt", sagt Pohl. "Klar kann man sagen, der Biber macht Schaden. Aber der Biber macht auch viel Positives, und das muss man den Leuten vermitteln."

Der Klimawandel hilft dem Biber dabei, sich weiter auszubreiten. Durch die zunehmende Erderwärmung dringt der nordamerikanische Biber - der Kanadische Biber (Castor canadensis) - bis in Permafrost-Gebiete vor. In der Arktis ist es im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts heute durchschnittlich 1,8 Grad wärmer. Wo vorher Eis war, wachsen heute Sträucher und anderes potenzielles Baumaterial für den Biber. Bis in die baumlose Tundra Alaskas hat er sich bereits vorgearbeitet und gestaltet die Landschaft neu. Anhand von Satellitenbildern haben amerikanische und deutsche Forscher beobachtet, wie der Nager im Nordwesten Alaskas neue Ökosysteme geschaffen hat. Zwischen 1999 und 2014 sind durch Biber 56 Seen entstanden.

Obwohl die Arktis ohnehin ein sehr seenreiches Permafrostgebiet ist, stechen die Biberkreationen klar hervor. "Biberseen sind im Prinzip wie kleine Stauseen. Das heißt, sie sind ein wenig länger gestreckt. Meist liegen sie in Tälchen und sind etwas verästelt", sagt Ingmar Nitze vom Alfred-Wegener-Institut (AWI). Die Forscher haben für ihre Studie ein Gebiet von 18 000 Quadratkilometern untersucht. Biberseen sind flacher als andere Gewässer in der Region und daher wärmer. Davon profitieren Pflanzen und Tiere wie beispielsweise Fische. Die Forscher vermuten, dass sich Lachse künftig durch die Biberaktivität besser vermehren könnten. Auch andere Tiere, die stehendes Wasser bevorzugen, könne man dort eher erwarten, sagt Nitze.

Um Biber in Aktion zu sehen, ist die Chance in der Dämmerung am größten. Die hat am Chiemsee bereits eingesetzt. Der Biberberater schleicht voran. Keine zehn Minuten lang dauert der Spaziergang, da passiert es. Vor den Ästen des Biberbaus ziehen die Wellen immer engere Kreise. Dann taucht ein kleiner, brauner Kopf aus dem Wasser. Zielstrebig paddelt ein Biber die Prien hinab. Kurz wirft er einen Blick zum Ufer. Dann verschwindet er kopfüber zwischen ein paar Ästen, die im Wasser treiben.

"Biber haben schon gelebt, als Mammut, Höhlenbär und Säbelzahntiger unterwegs waren", sagt Pohl. In den vergangenen 15 Millionen Jahren überstand das zähe Tier in Asien und Europa zahlreiche Naturkatastrophen und Klimaschwankungen. Sein Körper veränderte sich aber nicht. Seit Urzeiten ist der größte Nager Europas bis zu 1,30 Meter lang und mehr als 30 Kilogramm schwer. Die Körperform ist an das Leben im Wasser angepasst: Ein kleiner Kopf und ein nach hinten breiter werdender Körper, sodass es im Wasser den geringsten Widerstand gibt. Markant ist die Kelle, der breite Biberschwanz.

Vor allem im Winter nagt der Biber Bäume an, außerdem setzt er teils Nutzflächen unter Wasser

Damit sich ein Biber wohlfühlt, braucht er relativ wenig. Von elementarer Bedeutung ist nur das Wasser. Alles weitere gestaltet der Biber selbst. Er sucht sich vor allem Äste und Zweige oder fällt Bäume, um sie als Baumaterial für seine Holzkonstruktionen zu verwenden. Zentral ist die Biberburg. Ihr Eingang muss stets unter Wasser stehen. Deshalb braucht der Nager einen gewissen Mindestwasserpegel. Gibt das Gewässer den nicht von selbst her, muss er Wasser aufstauen. In dem Fall errichtet er Biberdämme. Im Freistaat nagt und baut der Biber mittlerweile in 4000 bis 5000 Revieren. Weil er aber ohne Genehmigung losbaut, erntet er unter Menschen nicht nur Bewunderung. In fast jedem dritten Revier kommt es zu Konflikten.

2016 kam es zu 1132 Biberschadensfällen. Die Ausgleichssumme in Höhe von knapp 610 000 Euro zahlte das bayerische Umweltministerium aus seinem Biberschadensfonds. Vor allem im Winter nagt der Biber Bäume an, außerdem setzt er teils Nutzflächen unter Wasser oder untergräbt Dämme und Deiche. Auch fressen die Nager Nutzpflanzen wie Mais oder Zuckerrüben. Biber sind strenge Vegetarier. Im Sommer fressen sie Gräser, Kräuter, Wasserpflanzen, Blätter und die frischen Triebe von Bäumen. Im Winter stürzen sie sich auf Baumrinden und Sträucher. Schadensmeldungen nehmen zum Herbst hin zu, weil Landwirte oft erst bei der Ernte bemerken, dass ein Biber ihr Feld angefressen hat. Probleme treten vor allem dann auf, wenn Nutzflächen bis ans Wasser reichen.

Die Nutzung von Uferstreifen ist in allen Bundesländern eingeschränkt - außer in Bayern. In Baden-Württemberg zum Beispiel müssen zwischen Ackerland und Wasser mindestens fünf Meter Platz bleiben. Im Freistaat wird der Uferstreifen nach Wasserrecht nicht vorgeschrieben. "Hier liegt im Wesentlichen das ganze Problem", erklärt Gerhard Schwab. Er ist ein sogenannter Bibermanager und damit für die in Bayern tätigen Biberberater verantwortlich. Außerdem kümmert sich Schwab um die Beseitigung von Problembibern, wenn es sein muss. Dass Biber aus einem Revier entfernt werden müssen, passiere aber selten. In Baden-Württemberg wurden bisher drei von 250 Revieren als "rot" eingestuft und in Bayern 40 von fast 5000. Schwab stört der Fokus auf Probleme mit dem Biber. Denn dokumentiert werden nur Schadensfälle und -summen. "Wenn der Biber durch seine Dammbauten und Wasserrückhalt ein paar 100 000 Euro beim Rückhaltedamm spart, erfährt man das nur unter der Hand", sagt er.

Die Badegäste sind nach Hause gegangen, nun schwimmt ein Biber durch das Wasser

Am Chiemsee ist es dunkel geworden. Die meisten Badegäste sind aufgebrochen. Aber im Wasser schwingen noch reichlich Wellen durcheinander. Wer sie auslöst, ist schwer zu sehen. Das Gesicht von Heinz-Jürgen Pohl aber lässt keinen Zweifel zu, es ist der Biber. Wo er seine Bauten errichtet, wie groß sie werden und was sie mit der Umwelt machen, das kann der Mensch kaum beeinflussen. Planen lassen sich Bibererfolge gar nicht. Wenn, dann sind sie einfach da. Der Biber selbst folgt keinem Bauplan, nur seinem Instinkt. "Er hat schon einiges durchgemacht", sagt Pohl. "Und da ist er mit Sicherheit mehr Urbayer als so mancher Einheimischer."