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Artenschutz:Wale zu töten, um deren Hoden zu untersuchen: Was soll der Quatsch?

Japanischer Walfänger

Bedroht oder nicht? Ein Foto des australischen Zolldienstes zeigt ein japanisches Schiff beim Erlegen eines Minkwal-Weibchens. Australien versucht seit Jahren, Japans Waljagd zu stoppen.

(Foto: dpa)

Vielleicht sind die Genitalien von Meeressäugern ja wirklich interessant, nur rechtfertigt das nicht den Tod von 4453 Tieren.

Der Hoden des nordpazifischen Zwergwals ist zweifelsohne ein faszinierendes Forschungsobjekt. Im Frühjahr wiegt er bei den größeren Tieren um die 800 Gramm, im September sogar etwa ein Kilo. Diese verblüffenden Zahlen haben Wissenschaftler mit der Vermessung von 268 im Nordpazifik gefangenen Walen erhoben. Womöglich, schrieben die Forscher 2014 im Fachmagazin Nippon Suisan Gakkaishi, sei die Gewichtszunahme eine Vorbereitung auf die Paarungssaison. Diese haben die Tiere freilich nicht mehr erlebt, leider.

Mit solchen Ergebnissen rechtfertigt Japan seit mittlerweile 30 Jahren seinen Walfang, der angeblich im Dienste der Wissenschaft stattfindet und daher mit dem geltenden Walfang-Moratorium vereinbar sein soll. Der Internationale Gerichtshof sah das 2014 anders und verurteilte die Jagd in der Antarktis. Der wissenschaftliche Output sei begrenzt, hieß es in der Begründung: Gerade mal zwei seriöse Veröffentlichungen konnte Japan anführen, bei 3600 Zwergwalen, die im fraglichen Zeitraum getötet wurden.

Muss man wirklich Wale töten, um die Elektrolyte in deren Urin zu untersuchen?

Nun hat Japan ein neues Forschungsprogramm für den Nordwestpazifik eingereicht. Dort liegen die Dinge ähnlich wie am Südpol: Auch dort ist der Walfang teuer, weil selbst in Japan kein Mensch das ganze Fleisch kaufen will, und ökologisch fragwürdig, weil die dort gejagten Seiwale noch immer bedroht sind. Und auch dort zieht das Ganze den Namen der Wissenschaft durch den Schmutz.

Das japanische Institut für Walforschung hat die Publikationen minutiös dokumentiert, die aus dem Programm hervorgegangen sind: In den vergangenen 22 Jahren waren es für die Jagd im Nordwestpazifik 101 Artikel. Dafür wurden 4453 Wale getötet. Das wäre vielleicht noch vertretbar, wenn es der Preis für sensationelle medizinische Fortschritte oder ähnliches wäre.

Von den zitierten Studien wären viele jedoch gut ohne einen einzigen toten Wal ausgekommen, es geht darin nur um die Verbreitung der Tiere oder um ihre Beute. Die übrigen befassten sich mit Dingen wie Hoden-Vermessung, Schädelentwicklung oder Plazenta-Funktion. Es wurden auch schon Elektrolyte im Walurin untersucht, oder - im Antarktis-Programm - Walspermien in Kuh-Eizellen injiziert.

Mal ehrlich, was soll der Quatsch? Welche Ethik-Kommission würde zustimmen, für solche Arbeiten auch nur ein hochintelligentes Tier zu töten, geschweige denn Hunderte? Man kann von Walfang halten, was man will, aber mit Wissenschaft hat das wenig zu tun. Dass die japanische Regierung es dennoch so hartnäckig behauptet, ist eigentlich eine Beleidigung für jeden Forscher, der seine Arbeit ernst nimmt.

© SZ vom 19.11.2016/fehu
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