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Artenschutz:"Mehr Chaos und Störung zulassen"

Fledermaus und Falter fliegen schon

Auch in Deutschland ist die Artenvielfalt sowohl bei Tieren, als auch bei Pflanzen gefährdet.

(Foto: dpa)

Weil es an vielen Stellen so ordentlich ist, sterben immer mehr Tiere und Pflanzen aus. Ein Artenschutz-Experte erklärt, was jeder Einzelne dagegen tun kann.

Josef Settele hat als Co-Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats die jahrelange Arbeit am jetzt vorliegenden IPBES-Bericht mitgeleitet. Im Interview spricht der Wissenschaftler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung darüber, warum Tiere und Pflanzen auch in Deutschland gefährdet sind und was man dagegen tun kann.

SZ: Gibt es in Deutschland auch ein Artensterben?

Josef Settele: Ja natürlich! Wir verlieren viele Spezies. In Deutschland ist vor allem ein Verlust der Biodiversität zu beobachten, das heißt, es gibt immer weniger verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Zudem geht aber auch die Zahl der Individuen zurück, zum Beispiel bei vielen Insekten. Der Artenschwund findet direkt vor unserer Haustür statt.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Gibt es Spezies, die besonders betroffen sind?

Besonders schlecht geht es Vögeln und Insekten, die in der Agrarlandschaft leben. Der Bestand des Kiebitz ist in den vergangenen 30 Jahren dramatisch eingebrochen. Ähnlich ist es bei der Feldlerche. Agrarlandtypische Wildbienen und Schmetterlinge kämpfen ebenfalls ums Überleben.

Warum ist das so?

Die Landschaft in Deutschland ist zu aufgeräumt. In der intensiven Landwirtschaft wird jeder Zentimeter Boden effektiv genutzt. Viele Arten verlieren dadurch ihren Lebensraum. Es bleibt schlicht kein Platz mehr. Verloren gehen deshalb auch alle Lebewesen, die Chaos mögen. Interessanterweise gehören in Deutschland Truppenübungsplätze zu den artenreichsten Flächen. Das liegt unter anderem daran, dass sich dort ständig etwas verändert. Durch die Übungen entstehen zum Beispiel immer wieder offene Stellen an denen das Erdreich aufgebrochen ist. Oder es fahren Panzer über den Boden. Durch die Aktivitäten gibt es sehr viele verschiedene Strukturen, von denen die verschiedensten Arten profitieren. Zum Beispiel lässt sich dort noch die Rostbinde finden, ein Schmetterling, der trockene, sandige Böden und Geröllhalden mag und die Rossbinde, zwei Schmetterlinge, die ansonsten bei uns sehr selten geworden sind.

Was sind in Deutschland die Hauptursachen für das Artensterben?

Das größte Problem ist mit Sicherheit die Landnutzung und zwar nicht nur in der Landwirtschaft sondern beispielsweise auch in den Städten. Gärten und öffentliche Grünanlagen sind viel zu ordentlich. Kritisch ist der aktuelle Trend zu Steingärten, die als unkrautfrei und pflegeleicht gelten. Oft sind das Steinwüsten, in denen Tiere und Pflanzen keinerlei Überlebenschance haben. Ein großes Problem bei uns ist auch der Einsatz von Pestiziden und zwar sowohl in der Landwirtschaft, als auch im privaten Bereich.

Was müsste sich in Deutschland ändern, damit es den Arten wieder besser geht?

Erstens: Mehr Chaos und Störung zulassen. Zweitens: Pestizideinsatz in der Landwirtschaft reduzieren. Ich bin nicht für ein totales Verbot, weil die Landwirte dann weniger produzieren würden und wir müssen schon darauf achten, dass es keine größeren Einbußen gibt. Aber ich bin überzeugt, dass der Einsatz dieser Mittel deutlich zurückgefahren werden kann, ohne dass die Produktion darunter leidet. Drittens: Um Arten zu schützen, müssen wir auch den Temperaturanstieg durch den Klimawandel in den Griff bekommen. Was haben wir davon, Arten zu retten, wenn diese dann in zehn oder zwanzig Jahren verschwinden, weil es ihnen bei uns zu heiß wird?

Was kann jeder einzelne gegen das Artensterben tun?

Wer einen eigenen Garten hat, sollte den Rasen reduzieren und stattdessen verschiedene Kräuter und Blumen pflanzen. Natürlich sollte man auch privat auf Chemikalien verzichten und zum Beispiel Fugen nicht mit Hilfe eines Herbizids reinigen. Ein wichtiger Punkt ist auch das Konsumverhalten. Wer lokale Produkte kauft und solche, die möglichst ohne den Einsatz von Pestiziden hergestellt wurden, hilft den Arten und gleichzeitig auch dem Klima.

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