Wildtiere:Schlachtfeld Straße

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Werden große Säugetiere überfahren, wirkt dies besonders tragisch. Häufiger aber trifft es kleinere Lebewesen. (Foto: imago images/imagebroker)

Fast 200 Millionen Vögel und 30 Millionen Säugetiere kommen jährlich durch den Verkehr in Europa um. Einige Arten könnte dies mehr als gedacht in ihrem Bestand bedrohen.

Von Thomas Krumenacker

Jeder kennt den traurigen Anblick am Straßenrand. Überfahrene Füchse, Waschbären, Igel oder Vögel säumen Autobahnen und Landstraßen. In den Morgenstunden scheint die menschliche Mobilität besonders vielen Lebewesen das Leben zu kosten. Wie viele Tiere europaweit aber genau im Verkehr umkommen, war bislang unbekannt. Ein Forscherteam aus Portugal und Großbritannien hat nun erstmals den Versuch unternommen, das Ausmaß des Sterbens entlang des europäischen Straßennetzes für einen Großteil aller Vogel- und Säugetierarten in Europa zu ermitteln.

Die Ergebnisse sind erschreckend und deuten nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf hin, dass der Beitrag des Straßenverkehrs am schwindenden Bestand einiger Säugetier- und Vogelarten unterschätzt wird. Andere Arten verkraften dagegen selbst hohe Verluste, ohne dass ihr Bestand abnimmt.

Die Forscherinnen und Forscher um die Biologin Clara Grilo vom Zentrum für Umweltforschung in Lissabon werteten für ihre Analyse 90 Einzeluntersuchungen aus 24 europäischen Ländern aus. Ergänzend entwickelten sie ein mathematisches Modell, um abzuschätzen, wie sich die ermittelten Verluste auf die langfristige Bestandsentwicklung von 423 Vogel- und 212 Säugetierspezies auswirken. Nach ihrer im Fachjournal Frontiers in Ecology and Environment veröffentlichten Analyse werden in jedem Jahr europaweit etwa 194 Millionen Vögel und 29 Millionen Säugetiere Opfer des Straßenverkehrs. "Vor allem Zentraleuropa hat mit zwei Kilometern Straßen pro Quadratkilometer Fläche eines der weltweit dichtesten Verkehrsnetze, deshalb trafen uns diese Ergebnisse nicht völlig überraschend", sagt Studienleiterin Clara Grilo.

In der Studie erwiesen sich die Straßen in Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik als besonders tödlich für Wildtiere. Auf deutschen Straßen beispielsweise kommt statistisch auf jedem zweiten Kilometer ein Reh und auf jedem dritten eine Wildkatze pro Jahr ums Leben. Insgesamt zählt Deutschland mit rund 16 Millionen getöteten Vögeln und drei Millionen Säugetieren zu den Spitzenreitern innerhalb Europas.

Sperlinge sterben häufig, doch die vielen Nachkommen kompensieren die Verluste

Europaweit ist die Amsel das häufigste Verkehrsopfer. Elf dieser Vögel sterben pro Jahr und Straßenkilometer. Auch Rotkehlchen werden mit sieben Vögeln pro Quadratkilometer und Jahr sehr häufig Opfer des Straßenverkehrs. Unter den Säugetieren führen verschiedene Arten von Zwergfledermäusen und Blindmäusen die Todesstatistik an.

Diese puren Zahlen allein sagen allerdings noch nichts darüber aus, ob der Straßenverkehr für eine bestimmte Tierart zu einer ernsten oder gar existenziellen Bedrohung wird. "Aus der Sicht des Naturschutzes müssen wir über die reine Quantifizierung des Ausmaßes der Sterblichkeit an Straßen hinausgehen", sagt Studienleiterin Grilo. "Um die Bedrohung für einzelne Arten einzuschätzen, müssen wir wissen, wie hoch der Anteil dieser zusätzlichen Sterblichkeit an den jeweiligen Populationen ist", erläutert die Biologin. "Wenn es von einer seltenen Art nur noch 200 Exemplare gibt und davon kommen 100 im Verkehr um, sind das 50 Prozent, während 100 getötete Tiere bei einer Bestandsgröße von 10 000 nur ein Prozent ausmachen."

Das Haselhuhn leidet besonders unter dem Verkehr. (Foto: 'imagepower'; via www.imago-images.de/imago images / Panthermedia)

Um zu qualitativen Ergebnissen zu kommen, entwickelte das Team ein mathematisches Modell, in das zahlreiche Daten über die Spezies einflossen: Wie hoch ist die Lebenserwartung einer Art? Ab welchem Alter beginnen die Tiere überhaupt mit der Fortpflanzung? Wie oft zieht die Spezies Nachwuchs auf und wie viele Junge hat sie im Durchschnitt? Ebenfalls berücksichtigt wurden biologische Besonderheiten der mehr als 600 untersuchten Vogel- und Säugetierarten: Ist eine Spezies eher scheu und meidet Straßen, so wie viele große Säugetiere? Oder erkennen die Tiere den Verkehr offensichtlich nicht als Gefahr und überqueren Straßen häufig und ohne auf den Verkehr zu achten, so wie beispielsweise Igel? Die Modellierung der ermittelten Todeszahlen mit den zusätzlichen Parametern ergab ein ganz anderes Bild als die ausschließliche Betrachtung der Todesstatistik. Die Arten, die am häufigsten im Verkehr umkommen, sind demnach nicht diejenigen, die auch das größte Risiko haben, durch den Verkehr in ihrem Bestand bedroht zu werden.

Das Haselhuhn brütet selten - und ist durch Autos ganz besonders gefährdet

So zahlt der Haussperling mit einer ermittelten Todesrate von 2,7 Vögeln pro Straßenkilometer und Jahr zwar einen erheblichen Preis für seine Nähe zum Menschen. In der Rangliste der langfristigen Bestandsbedrohung durch den Verkehr rangiert er nach der aktuellen Analyse aber nur auf Platz 420 und damit weit am Ende aller 423 untersuchten Vogelarten. Eine hohe Dichte, die große Zahl an Nachkommen, häufiges Brüten und frühe Geschlechtsreife helfen der Art, die Verluste im Straßenverkehr zu kompensieren.

Dagegen stellt der Straßenverkehr für das Haselhuhn ein erhebliches Aussterberisiko dar, obwohl die Verkehrstodesrate mit 0,2 Tieren pro Kilometer und Jahr berechnet wurde. Diese Vogelart zeichnet sich durch eine geringe Siedlungsdichte auf und bekommt noch dazu nur einmal im Jahr Nachwuchs.

"Unsere Studie hat gezeigt, dass die am häufigsten vorkommenden und am weitesten verbreiteten Arten offenbar am wenigsten durch Straßen bedroht sind, während schon der Verlust einiger weniger Individuen der letzte Sargnagel für Arten sein kann, die durch andere menschliche Einflüsse wie direkte Verfolgung oder Lebensraumzerstörung bereits gefährdet sind", sagt Grilo.

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