bedeckt München 22°

Artenschutz:Nach dem Whale-Watching ein Wal-Steak

Die Internationale Walfangkommission denkt darüber nach, das seit 1986 geltende Fangverbot auszusetzen.

G. Herrmann und M. Kotynek

Eine kleine Dampfwolke steigt auf, als Stefan Ulfarsson ein paar Stücke vom Minkwal auf das brutzelnde Blech wirft. "Gut 30 Sekunden müssen sie auf jeder Seite braten", sagt er. "Aber nicht länger!" Viele Wirte würden das falsch machen, dann bekäme der Wal so einen tranigen Beigeschmack, erläutert der Küchenchef. Ulfarssons Restaurant Thrir Frakkar hat sich auf isländische Küche spezialisiert und war lange Zeit das einzige in Reykjavik, das Walfleisch aus tiefgefrorenen Vorräten servierte. Das hat sich geändert: Seit 2003 jagen die Isländer wieder Wale rund um ihre Insel, seitdem sind die Steaks der Säuger auch in anderen Gaststätten wieder auf der Karte.

Bald könnte Walfleisch auch in anderen Ländern angeboten werden. Denn in der Internationalen Walfangkommission (IWC) wird derzeit darüber debattiert, das seit 1986 geltende Moratorium für kommerziellen Walfang für zehn Jahre auszusetzen. Das wäre ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Gremiums. Bisher ist Walfang eigentlich verboten, künftig soll es wieder Fangquoten geben, also die kommerzielle Jagd in beschränktem Maß erlaubt sein.

Das sei ein Kompromiss zwischen den Walfangländern und den Walschützern, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium in Berlin. Die Bundesregierung lehne die kommerzielle Waljagd und den Fang zu wissenschaftlichen Zwecken unverändert ab. "Ob wir den Kompromiss unterstützen können, wird sich erst zeigen, wenn er vollständig ist", sagt ein Ministeriumssprecher. Noch lässt der Vorschlag nämlich offen, wie hoch die Abschussquoten für einzelne Walarten sein sollen. Dass die Bundesregierung jedoch überhaupt eine Quotenregelung und damit ein Ende des Moratoriums erwägt, ist neu - und sehr umstritten.

An diesem Donnerstag will das Ministerium einigen Bundestagsabgeordneten und Vertretern von Umweltorganisationen das Papier präsentieren. Schon im Vorfeld laufen Politiker und Umweltschützer dagegen Sturm. "Das ist eine Kapitulation vor den Walfangländern", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. Sie fordert die Regierung dazu auf, "sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, die Annahme dieses Kompromisses und damit die Freigabe des Walfangs zu verhindern".

Auch die Gegenseite ist skeptisch. Norwegens Walfangkommissar Karsten Klepsvik bezweifelt, dass ein Kompromiss überhaupt möglich ist. Unter anderem sei in dem Vorschlag nicht geklärt, wie die Kontrolle des Walfangs ablaufen soll, und wer dafür zahlen muss. Als größtes Problem sieht auch er die Quoten. Norwegen, das im vergangenen Jahr 885 Minkwale zum Abschuss freigab, könne da jedenfalls nicht viel nachgeben, sonst lohne sich der Walfang nicht mehr. Aber man sei gesprächsbereit, sagt Klepsvik. Es gebe immerhin Anzeichen dafür, dass sich auch die Walfanggegner bewegen.

Jahrzehntelang waren die Fronten in der IWC völlig verhärtet. Auf der einen Seite stehen Nationen wie Australien, die USA und die EU-Länder, die den Walfang vollständig beenden wollen. Dies lehnen die Walfangländer strikt ab. In ihren Augen haben sich viele Walbestände erholt, und können darum wieder gejagt werden. Beide Lager haben Unterstützer, oft Entwicklungsländer, auf ihre Seite geholt. Insgesamt streiten heute 88 Staaten in der Walfangkommission um die Zukunft der Säuger.

Den Walen hat der Zwist wenig gebracht: Island und Norwegen erkennen das Fangverbot nicht an und setzen seit Jahren eigenmächtig Quoten fest. Japan deklariert seine Jagd als "wissenschaftlichen Walfang", umgeht so das Moratorium - und verhehlt dabei nicht, dass das Fleisch trotzdem auf dem Teller landet. Ausnahmen gibt es auch für den traditionellen Walfang der Urvölker.

Der IWC zufolge werden wegen dieser Schlupflöcher im Moratorium derzeit pro Jahr knapp 2000 Meeressäuger erlegt, Tendenz steigend. Noch 1995 wurden nur 750 Wale getötet. Bislang konnte die IWC dieser Entwicklung wenig entgegensetzen. Der Streit zwischen den Mitgliedsländern lähmte die Organisation. Mit dem Kompromiss will die Kommission nun die Kontrolle über die Jagd zurückgewinnen. Damit könnte der Walfang zumindest begrenzt werden, so die Argumentation. Im Gegenzug für die Anerkennung der Jagd sollen die Walfangländer ihre Abschusszahlen verringern. Auf der Walfang-Konferenz im Juni soll es eine Entscheidung geben.

Im Thrir Frakkar nimmt der Küchenchef die Reservierung eines britischen Pärchens auf, das am Abend bei ihm essen möchte. "Manche Touristen kommen direkt vom Whale-Watching zu uns", freut sich Ulfarsson. Er findet das ganz normal. "Andere Tiere sieht man sich ja auch an und isst sie später", sagt er. So ein Wal, der sei im Prinzip doch nichts anderes als "ein schwimmendes Rind".

© SZ vom 18.03.2010/beu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB