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Artenschutz:Chinesen glauben, Stoßzähne fallen wie Milchzähne aus

Zwar spielt das zu Pulver zerriebene Horn der Tiere in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) noch eine gewisse Rolle, angeblich bei der Fiebersenkung. Doch der aktuelle Nachfrage-Schub kommt aus einem anderen asiatischen Land, dessen 90 Millionen Einwohner ebenfalls nach und nach zu Wohlstand kommen: aus Vietnam.

Bei der wirtschaftlichen und politischen Elite des Landes gilt Nashornpulver als überaus prestigeträchtig", sagt Traffic-Experte Thomas. "Man überreicht es gern als Luxusgeschenk." Kein Wunder, bei Schwarzmarktpreisen von umgerechnet 30 bis 50 Euro pro Gramm. Dabei besteht das Horn hauptsächlich aus Keratin, jenem Stoff, aus dem auch Fußnägel sind. "Reiche, junge Vietnamesen nehmen das Pulver gern als Aufputschdroge und Anti-Kater-Mittel", sagt Thomas. "Und Spekulanten legen sich Vorräte davon an, in Erwartung der Wertsteigerung."

Um diese neuen Luxusmärkte hätten sich die Naturschutzorganisationen bisher viel zu wenig gekümmert, meint Grace Ge Gabriel. Auch das soll sich mit den neuen Kampagnen ändern, auf denen nun die Hoffnungen des Tierschutz-Fonds ruhen. Immerhin haben etliche Unternehmen dem IFAW kostenlos Werbefläche zur Verfügung gestellt, damit dieser sein Kampagnenmotiv Elefantenkuh mit Kalb - "Mama, ich bekomme Zähne" - in ganz China an Flughäfen, in Zügen und U-Bahnen plakatieren konnte.

"Sieben von zehn Chinesen wissen nicht, dass Elfenbein von getöteten Elefanten stammt", sagt Grace Ge Gabriel. "Die Mehrheit glaubt, ein ,Elefantenzahn', so die buchstäbliche Bedeutung von Elfenbein auf Chinesisch, falle von selbst aus, wie die Milchzähne von Kindern." Die IFAW-Chefin sieht einen Erfolg der Kampagne, viele Menschen hätten bereits versprochen, keine Elfenbeinprodukte mehr zu kaufen.

An einer anderen Art gutgemeinter Umerziehung arbeitet die Naturschutzorganisation Wild Aid. Einer ihrer prominentesten Botschafter, der Hongkonger Action-Schauspieler Jackie Chan, beschwört seine Landsleute auf Großplakaten und in TV-Spots, keine Tigerteile mehr zu konsumieren, weder als Nahrung noch als Medizin. Mehr als dreißig Medienpartner habe man für die Kampagne gewinnen können, sagt Wild-Aid-Präsident Steve Trent, darunter die Nachrichtenagentur Xinhua, den staatlichen Fernsehsender CCTV und die AirMedia Group, die nach eigenen Angaben das größte digitale Werbenetzwerk auf chinesischen Flughäfen betreibt.

Pro Woche soll eine Milliarde Menschen erreicht werden

Insgesamt erreiche man mit diesen Public Service Ads pro Woche mehr als eine Milliarde Menschen. "Wir haben aus allen Teilen der chinesischen Gesellschaft sehr positive Reaktionen erhalten", sagt Trent.

Ebenfalls mit großflächigen Anzeigen in U-Bahn-Stationen, Plakaten in Bars sowie Unterschriftenaktionen an Schulen und Universitäten versucht die Animals Asia Foundation, die Öffentlichkeit von der Schließung aller Bärenfarmen zu überzeugen. In China und Vietnam leiden noch immer 10.000 Kragenbären in engen Käfigen, wo ihnen Tag für Tag ihre Gallensäfte mittels Kathetern abgezapft werden. Viele Asiaten schwören bis heute auf die heilende Wirkung der Bärengalle - und zwar auf die der Originalflüssigkeit. Sie steigen auch dann nicht auf synthetische Alternativen um, wenn renommierte TCM-Professoren nachweisen, dass diese gesünder sind.

Wie schwierig es jedoch ist, sogar bereits bestehende Verbote durchzusetzen, musste der IFAW China erst vor wenigen Wochen erleben. Nur mit viel Mühe konnten die Aktivisten die Behörden in Peking dazu bewegen, eine illegale Versteigerung von Tigerknochenwein im Auktionshaus Googut zu stoppen. Dabei wurden die mehr als 400 Flaschen aber keineswegs beschlagnahmt. Das ginge nicht, da der Wein ja in Privatbesitz sei, lautete die kafkaesk-surreale Erklärung der Beamten. "Die Flaschen werden demnächst wohl unter der Hand weiter verkauft", vermutet Grace Ge Gabriel.