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Artenschutz:Geheimmission Große Hufeisennase

Flucht auf die Insel

"Pi-äh" klingt der Ruf über die Dünen, wobei sich das "äh" lang streckt und klagend klingt. Es ist der seltene Ruf der Kornweihe. Hier, auf der Insel Norderney, mitten in der Dünenlandschaft käme niemand auf die Idee, dass die Kornweihe selten ist. Gerade hat Peter Südbeck, der Leiter des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer sein Fahrrad am Weg abgestellt, da kreisen schon zwei der Greifvögel tief über den Dünen.

Die Kornweihe gehört zu den Tieren, die sofort erkennt, wer eine Beschreibung gelesen hat. Das braune Weibchen trägt einen deutlichen weißen Fleck am Schwanz. Das Männchen ist graublau und hat schwarze Flügelspitzen.

"Da vorne ist noch ein Weibchen", sagt Südbeck. Norderney ist Kornweihenland. Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Kornweihen als hier. In den feuchten Dünentälern und am Südstrandpolder Norderneys brüten jedes Jahr fünf Kornweihen-Paare. Es geht einer Vogelart schlecht, wenn fünf Nester als größter Bestand gelten. Nur 60 Brutpaare gab es im vergangenen Jahr in Deutschland, vier von fünf brüteten im Nationalpark Wattenmeer.

Eigentlich ist die Kornweihe ein Heidevogel, der in Deutschland einst weit verbreitet war. Erst in den 60er Jahren, als ihre Lebensräume auf dem Festland vernichtet wurden, suchte sie Zuflucht im Wattenmeer. Auf den Inseln fand sie ausreichende Nahrung und idealen Lebensraum.

Bisher werden die Kornweihen nicht eigens geschützt. Doch das will Südbeck ändern. Südbeck, Mitte 40 und seit zwei Jahren Leiter des Nationalparks, ist Ornithologe. Statt dass er sagt: "Naturschutz braucht einfach Akzeptanz", sagt er "Naturschutz braucht - dort ein Watvogel - einfach Akzeptanz." Und schon greift seine Hand nach dem schwarzen Feldstecher um seinen Hals. Wieder hat er eine Kornweihe entdeckt.

Der schlanke Greifvogel mit mehr als einem Meter Spannweite wirkt nicht so als müsste er Räuber fürchten. Doch die Natur hat es der Kornweihe nicht leicht gemacht. Denn sie brütet auf dem Boden. Selten zwei, meist nur ein Junges werden pro Brut flügge. Schon das ist eine schlechte Quote für einen bedrohten Vogel. Doch von den wenigen Jungen überleben 60 Prozent nicht ihr erstes Jahr. Schnell wurde die Kornweihe so zum seltensten Greifvogel Deutschlands.

Im Vergleich zur Kornweihe sind selbst die vom Aussterben bedrohten Seeadler häufig. "Der deutsche Bestand ist weitestgehend zusammengebrochen", schreibt das Bundesamt für Naturschutz. Und das, obwohl früh mit dem Schutz begonnen wurde. Auch die Kornweihenbestände Europas gehen zurück. In Mitteleuropa gibt es noch höchstens 260 Brutpaare, Tendenz stark fallend. Seit einigen Jahren sind nur die Bestände auf den ostfriesischen Inseln gegen den Trend stabil.

Doch gerade haben Wissenschaftler einen deutlichen Rückgang der Kornweihen auf den benachbarten niederländischen Nordseeinseln festgestellt. Woran es liegt ist unklar. Eine Erklärung könnten eingeschleppte Räuber sein. Die fehlenden Füchse haben die Inseln für die Kornweihen attraktiv gemacht. Doch Frettchen, Igel und Wanderratte haben sich auf Norderney ausgebreitet. Die Räuber sind vermutlich in Reisigbündeln gekommen, die für den Küstenschutz auf die Inseln transportiert werden. Die eingeschleppten Frettchen jagen nach Nestern der eingewanderten Kornweihen. Beide kamen ursprünglich nicht auf Norderney vor. Jetzt sollen die Frettchen gejagt werden. "Das ist immer eine Abwägungssache", sagt Südbeck, der die Natur am liebsten laufen lässt.

Schutz für den Golfplatz

Ursprünglich waren die Inseln für Bodenbrüter sicherer als das Festland. "Inzwischen ist das eher umgekehrt", sagt Hartmut Andretzke. Er ist der Spezialist für die Kornweihe. Der Biologe hat die Schäden der Räuber gerade erhoben. Er hat den Bruterfolg der Säbelschnäbler auf der Insel untersucht. Säbelschnäbler sind wie die Kornweihe Bodenbrüter. Nur greifen sie nicht an, wenn sich ein Mensch dem Nest nähert.

Ein Schild am Wegesrand warnt vor umherfliegenden Gegenständen. Der Golfplatz beginnt nur einen Hügel weiter. Er ist älter als der Nationalpark, deshalb genießt er Bestandsschutz. Noch hat er neun Löcher. Doch eine der letzten deutschen Kornweihen kreist womöglich über den nächsten neun. Entsprechende Pläne gibt es schon. Andretzke steht auf dem Hügel und zeigt mit seinem Finger über das Gebiet. "Würde ich Golf spielen fände ich das hier auch toll", sagt er mit leichter Bitterkeit. Links neben dem Golfplatz erstreckt sich reine Naturlandschaft.

Die beiden Männer auf der Düne wollen die Kornweihe schützen. Während Andretzke kompromissloser Naturschützer geblieben ist, hat Südbeck in der Nationalparkverwaltung Diplomatie gelernt. "Es gibt seit 200 Jahren Tourismus auf Norderney, aber erst seit 20 Jahren den Nationalpark", sagt Südbeck. Er will gemeinsame Lösungen finden.

Der Nationalpark hat die Kornweihe zur Symbolart für die Insel Norderney erhoben. Das erste Nest dieses Jahr haben die Vogelzähler schon ausgemacht. Bald werden die Mitarbeiter des Nationalparks losziehen und die jungen Weihen beringen. Der Schutz der Kornweihen steht am Anfang. Noch weiß man sehr wenig über den seltensten Greifvogel Deutschlands.

Über das Überleben der Letzten einer Art entscheiden oft kleine Schritte. Ob im Nationalpark, im Mini-Schutzgebiet oder mitten im Dorf: Der Schutz einer Scheune verhindert vielleicht das Aussterben der Großen Hufeisennase, ein Stück Blech an der Bundesstraße den Tod der letzten Würfelnattern, weniger Frettchen den Tod der letzten Kornweihen. Ihr Schutz bringt keine Wählerstimmen, keine Arbeitsplätze und keine zusätzlichen Touristen. Und trotzdem werden die Letzten geschützt. Der Delegation von der UN-Artenschutzkonferenz wird Südbeck die Kornweihe auf Norderney zeigen.

Auf dem nächsten Hügel schwebt ein Kornweihen-Männchen herab und begattet ein Weibchen. Doch allein aus eigener Kraft werden sich die Kornweihen nicht halten können.

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