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Artenschutz:Die Rolle der blassen Verwandten

Bären oder Delfine sind die Symbole des Artenschutzes. Doch für die Ökosysteme sind sie nicht besonders wichtig - sondern ganz andere Tiere und Pflanzen.

Richard Friebe

Der Bär Bruno, der 2006 wochenlang durch die Alpen zog und schließlich erschossen wurde, scheint vordergründig ein Extrembeispiel für die Probleme des Artenschutzes zu sein. Tatsächlich war vieles an diesem Fall typisch: Die Versuche, den Bären zu schützen, misslangen, weil er sich nicht so verhielt, wie die Biologen es erwarteten - ein Phänomen, das Artenschützer gut kennen.

Ds Schicksal von Bär Bruno wurde sogar literarisch verarbeitet: unter anderem im "Bruno" von Gerhard Falkner (hier ein Ausschnitt vom Cover des im Berlin Verlag erschienenen Buches).

(Foto: Foto: ddp)

Zudem gehörte Bruno zu einer symbolträchtigen Art; das Interesse der Öffentlichkeit war entsprechend groß. Für die Ökosysteme in den bayerischen Höhen war Brunos Tod vor drei Jahren hingegen vollkommen unbedeutend. Sie haben sich schon seit Jahrhunderten auf eine Existenz ohne oder mit sehr wenigen Braunbären eingestellt. Ökologische Gründe, Bruno zu schützen, gab es nicht.

Umweltschützer und Ökologen stellen sich seit Jahrzehnten die zynisch anmutende Frage, ob es Arten gibt, die schützenswerter sind als andere. Es ist genau 40 Jahre her, da erschien in der Zeitschrift American Naturalist ein Artikel des Meeresbiologen Robert Paine, in dem er sein Konzept der "Keystone Species"vorstellte.

In deutschen Texten wird der Begriff häufig mit "Schlüsselart" übersetzt, was nicht ganz richtig ist: Ein Keystone ist der Schlussstein eines gemauerten Bogens. Nimmt man ihn heraus, bricht das ganze Bauwerk zusammen. Genauso ist es laut Paine mit einer Keystone-Art: Stirbt sie aus, funktioniert das ganze Ökosystem nicht mehr.

Paine hatte in der Gezeitenzone vor der Küste des US-Bundesstaates Washington den räuberischen Seestern Pisaster ochraceus experimentell entfernt. Innerhalb kürzester Zeit nahm eine Miesmuschelart überhand, die der Seestern gefressen hatte. Die Muscheln fraßen oder verdrängten fast alle anderen Lebewesen. Die ehemals artenreiche Gezeitenzone war bald verarmt.

Ökologisch wichtige Spezies

Solche für ein Ökosystem wichtigen Schlussstein-Arten sind äußerlich oft eher unscheinbar. In Teilen der Alpen etwa gilt der Hochmoorgelbling (Colias paleano) als sehr wichtig.

Er ist ein nicht besonders schöner Verwandter des Kohlweißlings, aber seine Raupen fressen Rauschbeeren und verhindern so, dass sich die Pflanze zu stark vermehrt. Zudem dienen sie als Futter für viele verschiedene Vogelarten. Der Schmetterling selbst bestäubt viele verschiedene Blütenpflanzen.

Allerdings ist es schwierig, Keystone-Arten sicher zu identifizieren. Denn mit klassischen wissenschaftlichen Experimenten gelingt es nur selten, die komplexen Interaktionen in Ökosystemen zu verstehen.

Sicher ist nur, dass es selten die charismatischen Tiere wie Adler, Schildkröten, Bären, Elefanten, Flussdelfine oder Blauwale sind, die für ihr Ökosystem eine entscheidende Rolle spielen. Solche Tiere bezeichnen Biologen als Flaggschiff-Arten, da sich mit ihnen am besten Werbung für den Artenschutz machen lässt.

Als ökologisch wichtiger gelten dagegen etwa sogenannte sensitive Spezies, da sie als erste anzeigen, wenn ein Ökosystem gestört ist. Ein Beispiel ist eine Flughund-Art auf den Philippinen. Wenn der Lebensraum kleiner wird, nimmt die Zahl dieser Tiere sofort ab. Die Flughunde brauchen über das Jahr verteilt verschiedene Früchte, die ihnen dann nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen.

Prekäres Gleichgewicht

Dass es besser ist, die Ökosysteme als Ganze zu bewahren als einzelne Arten zu schützen, gilt inzwischen als Binsenweisheit. Allerdings wissen auch die Fachleute oft nicht, wie das am besten geht. So werden manchmal Arten, die unter dem besonderen Schutz des Menschen stehen plötzlich selbst zur Bedrohung für ihr Ökosystem.

In Nationalparks in Botswana oder Südafrika etwa haben sich Elefanten derart vermehrt, dass Wildhüter den Elefantenkühen Verhütungsmittel verabreichen und Tiere mit großem Aufwand in andere Reservate transportieren müssen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

© SZ vom 19.08.2009/gal

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