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Archiv der Menschheitsgeschichte:Jeder kann einsenden, was seiner Meinung nach überdauern soll

Ist so ein Abkommen nicht naiv für einen, der in Jahrtausenden denkt? Was soll ein Vertrag von 2012 wert sein, wenn der Rechtsstaat, die Nation und ihre Grenzen sich aufgelöst haben? Kunze lacht: "Das Archiv ist sicher, denn der Berg versiegelt sich selbst." Bis in 40 Jahren werde sich die Felskammer verschlossen haben, der Berg rutsche jedes Jahr um ein bis zwei Zentimeter in sich zusammen; so schnell, wie Fingernägel wachsen. In den kommenden zehn Jahren will Kunze die Auffüllung der MOM-Bestände abschließen. Noch lagern die ersten Kisten gut erreichbar im Schaubergwerk, doch die Lagerstätte soll tiefer im Berg liegen.

Ob aus Angst vor der Apokalypse, aus Selbstverliebtheit oder beidem: Viele Wissenschaftler, Künstler und Politiker denken derzeit über Zeitkapseln nach. Das Rosetta-Projekt der amerikanischen Long Now Foundation etwa ist dran, Sprachen auf Metallscheiben zu verewigen. Raumsonden werden mit Botschaften bestückt, die intelligenten Allbewohnern unseren Chuck Berry und Mozart vorspielen sollen. Und auf Spitzbergen steht die Pflanzensamenbank Seed Vault, in der das Saatgut aller Welt aufbewahrt wird, als Back-up. Martin Kunze war schon dort und ist nicht ganz überzeugt: "Das ist nicht für Jahrtausende gebaut." Manchmal sind es Regierungen, die Doomsday-Archive anlegen. Deutschland beispielsweise betreibt im Barbara-Stollen bei Freiburg einen atomsicheren "Zentralen Bergungsort". Und neulich hat die schwedische Atombehörde Kunze zu einer Tagung eingeladen. Auch bei der Langzeitlagerung von Nuklearmüll geht es um das Vermitteln verständlicher Botschaften an die Nachfahren. Die Branche entwickelt Piktogramme und Bildergeschichten, die auch dann noch funktionieren sollen, wenn alle Sprachen tot sind.

Das MOM-Archiv arbeitet ohne Staat und ohne Unesco, sondern mit den Massen: Jeder kann einsenden, was seiner Meinung nach gerettet werden muss: Geburtsanzeigen, Diplomarbeiten, Firmengeschichten. Gegen eine Gebühr von 150 Euro bekommen die Spender eine Tafel im Archiv, für etwas mehr auch ein Duplikat für daheim. Die Preise sind abhängig vom Herkunftsland; ein Angolaner zahlt weniger als ein Luxemburger. Noch läuft die Sammlung über Martin Kunze, aber geplant sind nationale Stewards, Kuratoren.

Ergänzt wird das Private dann mit Museumsstücken, wissenschaftlichen Arbeiten, wichtigen Werken der Literatur; mit einigen Verlagen ist Kunze bereits in Kontakt: "Wir wollen nur eine Kopie, und die wird im Berg versenkt - viele machen mit." Auch namhafte Zeitungen sollen bald gebeten werden, dem MOM regelmäßig ihre Leitartikel zur Einlagerung zu überlassen. Für große Textmengen hat Kunze extra ein neues Trägermedium erfunden: einen keramischen Mikrofilm, eine dünne Platte von nur 150 Gramm Gewicht, in die ein Laser Miniaturtexte schreibt. Die Buchstaben werden nicht aus Punkten aufgebaut, sondern via Vektorgrafiken wirklich geschrieben; mitentwickelt hat das Verfahren die Firma Trotec bei Wels. Man bringt so sehr viel Text unter, mehrere Millionen Zeichen auf einer Tafel von 20 mal 20 Zentimetern, ungefähr fünf Bücher. Die Tafel kann gegen das Licht gehalten und mit der Lupe entziffert werden, alles analog und ohne Strom. Damit die heutigen Sprachen in Zukunft noch Sinn ergeben, entwickelt Kunze mit Linguisten ein Bildwörterbuch. Die Arbeit hört nicht auf.

Das Archiv hat ein chaotisches Element. Experten werden deshalb die Nase rümpfen

Das MOM hat ein chaotisches Element. Manche Experten werden da die Nase rümpfen, aber Keramiker Kunze ist das egal. "Selbst wenn wir 10 000 Hochzeitstafeln einlagern, zeigt das etwas, nämlich den hohen Stellenwert, den wir dem Ritual der Eheschließung zurechnen." Auch die Historiker der Zukunft werden Quellenkritik üben, ist Kunze sicher. Zudem soll es einen Metatext geben, der die Inhalte einordnet. Damit das Archiv nicht bis zum Ende aller Tage im Berg bleibt, verstreuen die Macher Schatzkarten. Jeder, der eine Tontafel finanziert, bekommt einen "Token", eine rohe Tonmünze, auf der der Hallstättersee und seine Lage in Europa abgebildet ist. "Wer uns findet, muss ein exaktes Koordinatensystem beherrschen und präglaziale Landschaften rekonstruieren können. Es werden keine absoluten Trottel sein", sagt Kunze. Die Tokens markieren aber nur den Eingang. In den Berg hinein führt ein Ariadnefaden: eine Spur von 1000 Tafeln. Und damit das Archiv nicht von unreifen Gesellschaften gefunden wird, fehlen nach jeweils zehn Tafeln immer fünf. Ein mathematischer Ablauf, den die Finder verstehen müssen. Ein schöner Plan. Die Spur führt in den Berg. Zu Tessa und Alex, getraut in Essex am 1. Mai 2015. Sie sahen gut aus.

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