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Arche und Archäologie:Bauanleitung auf der "Archen-Tafel"

Eine Sensation war dann die Entdeckung des jüdischen Historikers Irving Finkel vom British Museum. 2009 hatte er eine etwa 3750 Jahre alte altbabylonische Tontafel erhalten, die ein Soldat der Royal Air Force Ende der 40er Jahre im Nahen Osten entdeckt hatte. Auf der Tafel identifizierte Finkel eine sehr genaue Bauanleitung für die Arche des Astrahasis. Wie er 2010 im Guardian berichtete, handelte es sich demnach um ein riesiges, rundes, kielloses Boot, geflochten aus einem extrem langen Seil aus Palmenfasern um ein Gerüst aus Holzspanten.

Fast wie einen riesigen Weidenkorb mit einer Fläche von etwa 3600 Quadratmetern muss man sich die Arche demnach vorstellen, abgedichtet mit Bitumen (Erdpech) und versehen mit mehreren Decks. Einen Bug oder ein Heck brauchte das Gefährt nicht, da es lediglich dazu dienen sollte, die Insassen einfach auf der steigenden Wasseroberfläche zu halten. Ähnliche Boote, allerdings meist für ein bis zwei Personen, wurden zum Beispiel in Mesopotamien mindestens von 3000 Jahren vor unserer Zeit an bis ins 20. Jahrhundert hinein verwendet. Zu finden waren sie auch in Indien, aber auch in Wales.

Irving Finkel

Kurator Irving Finkel vom British Museum mit der 3750 Jahre alten Keilschrift-Tontafel

(Foto: AP)

Nun hat Finkel ein neues, wichtiges Detail aus der sumerischen Sintflut-Sage des Astrahasis veröffentlicht. Nach einer intensiven Untersuchung von beschädigten, bislang kaum lesbaren Stellen der "Archen-Tafel" ist er überzeugt, zwei wichtige Zeilen weitgehend entziffert zu haben. Zeile 51 enthält demnach einen Teil der Anweisung, auch Tiere an Bord zu nehmen: "Und die wilden Tiere der Steppe." Was ihm den größten Schock in 44 Jahren Beschäftigung mit den Keilschrift-Tontafeln versetzt habe, sei aber das gewesen, was danach kam, berichtete er jetzt im Daily Telegraph.

Die ersten beiden schlecht erhaltenen Zeichen der Zeile 52 stellten offenbar die Silben "sa" und "na" dar. Der Blick in das Assyrische Wörterbuch der University of Chicago ließ ihn, wie er schreibt, fast vom Stuhl fallen. "Sana", so heißt es dort, bedeutet "jeweils zwei".

Nicht nur im biblischen Buch Genesis wurde der Held demnach aufgefordert, von jeder Tierart ein Paar zu retten. Auch diese detaillierte und für den Erhalt der Artenvielfalt essentielle Anweisung hatte bereits einer der mesopotamischen Götter dem Vorbild des biblischen Noah gegeben.

Das Wörtchen "sana" belegt einmal mehr, dass die Autoren der Bibel immer wieder auf Quellen zurückgegriffen haben, die nicht israelitischen Ursprungs waren.

Vielmehr erzählen die Schriften meist dramatische, aber überwiegend fiktive Geschichten vor einem unsicheren historischen Hintergrund.

So kann etwa der Auszug aus Ägypten Historikern wie dem israelischen Archäologen Israel Finkelstein von der Universität Tel Aviv zufolge weder auf die Weise noch zu der Zeit stattgefunden haben, wie es das Buch Exodus es schildert. Für Moses ist kein reales Vorbild zu finden. Und die Arche existierte nicht, da sei er sich "zu 107 Prozent sicher", sagte Irving Finkel jetzt dem britischen Guardian.

Und so kommen die dramatischen Erzählungen von Noah und Moses heute genau dort an, wo sie hingehören: Ins Kino. Und hier wird vielleicht auch das Ausmaß der zum Glück fiktiven Grausamkeit der Sintflut deutlicher als gemeinhin im Religionsunterricht.

Schließlich heißt es in der Bibel: "Gott vertilgte also alle Wesen auf dem Erdboden, Menschen, Vieh, Kriechtiere und die Vögel des Himmels; sie alle wurden vom Erdboden vertilgt." Das beschreibt in wenigen Worten nicht weniger als so ziemlich den größten Massenmord, der sich überhaupt denken lässt.

Die "Archen-Tafel" ist im British Museum in London zu sehen. Über seine Arbeit hat Irving Finkel gerade ein Buch veröffentlicht: "The Ark Before Noah".

© SZ.de/odg/lala
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