Süddeutsche Zeitung

Archäologischer Fund in der Uckermark:Dachs führt Forscher zu Fürstengrab

Archäologen haben in der Uckermark die etwa 900 Jahre alten sterblichen Überreste eines Kriegers geborgen, der zu den letzten heidnischen Slawen gehörte. Den Anstoß zu den Grabungen gab allerdings ein ungewöhnlicher Helfer: Ein Dachs hatte Knochen des Toten ausgebuddelt.

Archäologen haben in der Nähe von Stolpe in der Uckermark ein gut erhaltenes Fürstengrab aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gefunden. Den Anfang der Grabung machte allerdings kein Forscher, sondern ein umtriebiges Tier: Ein Dachs unterhöhlte eines der Gräber und wühlte dabei menschliche Knochen heraus. Einen davon entdeckte der ehrenamtliche Denkmalpfleger und Bildhauer Lars Wilhelm - und schaltete die Fachleute ein.

"Es handelt sich um spätslawische Bestattungen", sagte Grabungsleiter Felix Biermann von der Georg-August-Universität Göttingen. "Bis auf diese letzten heidnischen Slawen war das Gebiet rund herum schon christianisiert. Das Besondere ist, dass diese Herrscher noch einen unabhängigen heidnischen Glauben hatten."

Bei Grabungen im vergangenen Herbst legten die Archäologen und ihre Helfer insgesamt acht Gräber frei, davon zwei Fürstengräber. In einem war ein etwa 40-jähriger Krieger bestattet, mit einem zweischneidigen Schwert über der Schulter und einer Bronzeschale am Fußende.

"Damals dienten solche Schalen, um sich vor dem Essen die Hände zu benetzen", sagte Biermann vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität. "Die Schale gilt als Zeichen, dass der Mann zur Oberschicht gehörte." Am Gürtel trug der Krieger eine Bronzeschnalle mit Schlangenköpfen, die aus Skandinavien stammt. Auch eine Pfeilspitze lag im Grab. "Es war ein reich ausgestatteter Krieger. Narben und Knochenbrüche weisen darauf hin, dass er von Lanzen und Schwerthieben getroffen wurde und auch vom Pferd gefallen war."

Eine Münze im Mund - Fahrgeld für die Reise ins Totenreich

Das zweite Fürstengrab war bereits ausgeraubt. In einem anderen Grab daneben entdeckten die Forscher im Mund einer Frau eine Münze. "Nach damaligem Glauben erhielt diese der Fährmann für die Überfahrt ins Totenreich." Auch diverser Schmuck lag bei der Toten. "Vereinzelt wurden noch slawische Gottheiten verehrt, obwohl sich in Mitteldeutschland, Vorpommern, Nordostbrandenburg und den polnischen Gebieten schon der christliche Glaube durchgesetzt hatte."

"Forschungsgrabungen wie in Stolpe sind die Ausnahme", berichtete Thomas Kersting, Dezernatsleiter im Brandenburger Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum. Normalerweise werden Archäologen bei Bauarbeiten aktiv und lenken vom Planungsstadium an das Baugeschehen mit, wie er erläuterte. "In der Regel ist dies erst der Anlass für die Grabungen." Gesucht und gefunden werde alles, was Menschen seit den beiden letzten Eiszeiten an Spuren und Gegenständen im Boden hinterlassen hätten.

Die Funde in Stolpe werden restauriert, wissenschaftlich ausgewertet und der Öffentlichkeit vorgestellt. Wie Biermann erläuterte, lag die einstige Burg Stolpe in einem umkämpften Gebiet. Die prunkvolle Bestattung und die Kampfspuren zeugten von dieser Zeit. Mit Blick auf den Krieger betonte er: "Wir haben jemanden vor uns, der dies unmittelbar dokumentiert; den Burgherren oder einen hohen Gefolgsmann."

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