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Archäologie:Verblüffende Ergebnisse

Die Ergebnisse der Spurensuche sind verblüffend. Vor allem in der nicht öffentlich zugänglichen Höhle von Fontanet sorgten die Erkenntnisse der afrikanischen Spurenleser für große Überraschung. Die Höhle war bislang unter Frühgeschichtlern für den angeblich einzigen eiszeitlichen Abdruck eines Schuhs bekannt. Die San widersprechen energisch: Auch der Mensch, der diesen Fußabdruck hinterließ, war barfuß.

Drei Flächen mit Fußabdrücken zu je etwa sieben Quadratmeter untersuchten die San in dieser Höhle und identifizierten insgesamt 17 Menschen, von denen sie zugleich das Geschlecht unterscheiden konnten. "Spuren von Männern und Frauen sind schnell zu unterscheiden", sagt C/wi G/aqo De!u. "Die Größe der Spur eines Mannes und die einer Frau sind immer unterschiedlich. Zum Beispiel aber auch der Abdruck der Ferse."

Aus dem Fußabdruck eines Menschen können San-Jäger jedoch noch viel mehr herauslesen, zum Beispiel das Alter. In Fontanet hinterließ demnach eine Schar von einem dreijährigen Jungen bis zu einem 60-jährigen Greis ihre Spuren.

Fußspuren aus der Steinzeit

Spuren im Lehm der eiszeitlichen Höhle von Niaux, 17.000 Jahre alt - einem professionellen Spurenleser liefern sie zahlreiche Informationen

(Foto: Tracking in Caves/oh)

"Es gab immer eine eindeutige Aussage", berichtet Andreas Pastoors über die Arbeit des Forscherteams aus Spurenlesern und Wissenschaftlern. "Auch bei den Altersangaben war die Analyse aufs Jahr festgelegt." Tilman Lenssen-Erz ergänzt: "Dies liegt auch in der Sprache der San begründet. Sie kennt keinen Konjunktiv, also erhält man exakte Aussagen."

Eifrige Diskussionen fanden in den Höhlen statt, jeder Spurenleser teilte seine Meinung über Alter, Geschlecht und Konstitution des Menschen mit, der sie einst hinterlassen hatte. Jede Besonderheit in einer Spur, wie beispielsweise eine Vertiefung, wurde im fahlen Höhlenlicht per Laserpointer angestrahlt und analysiert. Anschließend wurde das Ergebnis festgehalten. Einige Fußspuren konnten die San allerdings nicht einordnen, selbst solche nicht, die sehr gut erhalten waren.

Ritualtanz? Lehmtransport!

Immerhin, in der Höhle Tuc d'Audoubert etwa rückten sie eine Verlegenheitslösung der Forschung zurecht: Fußspuren, die bislang einem Ritualtanz zugeordnet worden waren, erkannten sie als das, was sie wirklich waren: Ein Erwachsener und ein Kind hatten an dieser Stelle Lehm geholt. So sei es zu erklären, dass die Fußspuren beim Weggang tiefer waren als bei der Ankunft. Die Menschen mussten eine Last getragen haben.

Das Alter der Spuren in den Höhlen, spielte für die Spurenleser hingegen keine Rolle: "Für uns besteht im Prinzip kein Unterschied, ob die Spur alt oder frisch ist. Wenn sie gut erhalten ist, können wir zum Beispiel herausfinden, ob es ein Mann oder eine Frau war", meint G/aqo De!u. Das freut auch sie. "Es war sehr schön für uns, aufzuklären, wer diese Menschen damals waren."

Die Spurenlesekunst der San wird nun selbst zum Forschungsgegenstand. Alle Diskussionen in den Höhlen wurden aufgezeichnet und warten auf ihre Auswertung, um hinter das Geheimnis zu kommen, wie die San so viele Informationen aus der Betrachtung eines einzigen Fußabdrucks gewinnen können. Tilman Lenssen-Erz vergleicht die Fertigkeiten der San mit denen eines Wein-Sommeliers, der im Wein den Himbeergeschmack herausschmeckt.

Die Wissenschaftler werden dank der neuen Erkenntnisse in der nächsten Zeit einige Lehrbücher umschreiben müssen. Und die drei Afrikaner werden wieder Jäger aus dem Westen, die das Spurenlesen selbst schon vor Jahrhunderten verlernt haben, zu ihren Beutetieren in der Kalahari führen. Die Mitarbeiter des Prähistorischen Museums in Frankreich können allerdings beruhigt sein. Der kleine Schwindel bei den Fußspur-Repliken wird auch in Zukunft nur einem San-Spurenleser auffallen.

© SZ vom 17.07.2013/mcs/rus

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