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Archäologie:Riskanter Babyboom

Ein ungebremster Babyboom stürzte eine prähistorische Zivilisation in Nordamerika ins Unglück: Die Bevölkerung wuchs immer weiter, doch die Ernten konnten nicht mithalten, berichten Forscher - eine "Malthusianische Falle".

So gegen 400 vor Christus hatten die Ureinwohner die Sache mit dem Mais in den Griff bekommen. Sie hatten gelernt, wie man in den trockenen Gebieten im Südwesten der USA und Nordwesten Mexikos die Kulturpflanze richtig anbaut und bewässert. Die Folgen waren reiche Ernten, satte Menschen - und der womöglich größte Babyboom in der Geschichte Nordamerikas. Doch dieser endete mit einer Katastrophe. So berichtet es jetzt ein Forscherteam um den Archäologen Tim Kohler von der Washington State University (PNAS, online).

Mit der Analyse prähistorischer Werkzeuge und Bewässerungsanlagen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Menschen tatsächlich ihre Ernährung von Fleisch auf Mais umgestellt hatten. Dieser lieferte bereits lange vor der Zeitenwende 80 Prozent der Kalorien und ließ die regionalen Kulturen aufblühen. So fanden sich etwa in Arizona die Überreste von Ballspielplätzen und aufwendigen Wohnanlagen. Zugleich rekonstruierten die Archäologen einen stetigen Bevölkerungszuwachs. Bis 500 nach Christus stieg die Geburtenrate ständig und blieb dann bis etwa 900 n. Chr. auf hohem Niveau. Danach fluktuierten die Raten zwar, aber die Bevölkerung wuchs weiter. Als dann in der Mitte des elften Jahrhunderts eine der größten Dürren der Geschichte das Land überzog, kippte das System. Die Bewohner konnten nicht mehr genügend fruchtbares Land für den Maisanbau finden, Territorialkonflikte flammten auf, aber die Bevölkerung wuchs immer weiter.

Baby-Boom in Sachsens Krankenhäusern

In Sachsen wurden 2014 mehr Babys geboren als im gleichen Zeitraum 2013. Aber am Maisanbau wie 400 v.Chr. liegt der Baby-Boom wohl nicht.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Die Studienautoren vergleichen die Situation mit dem Szenario, das der schottische Ökonom Thomas Malthus 1798 vorausgesagt hatte. Die natürlichen Ressourcen konnten mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten. "Die Geburtsraten wuchsen bis zur völligen Entvölkerung", sagt Kohler. "Es war eine Malthusianische Falle, aber ebenso eine Gewaltfalle." Im nördlichen Teil der Region lebten gegen 1200 n. Chr. um die 40 000 Menschen, doch binnen 30 Jahren hatte sich das Land völlig entleert.