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Archäologie:Lendbreen war viel frequentiert. Doch im 14. Jahrhundert verlor die Route plötzlich ihre Bedeutung

Die Archäologen sortierten schließlich auch die einzelnen Stücke nach ihrem Alter. Für jede Zeit ergab sich aus den Puzzleteilen ein Bild, aus den Bildern verschiedener Zeiten entwickelte sich wie in einer Art Zeitraffer ein Film: die Nutzung des Passes. Die frühesten Spuren stammen aus der Zeit um 300 nach Christus, also aus der römischen Eisenzeit. Am intensivsten frequentiert war der Pass während der Wikingerzeit um 1000 nach Christus, aus dieser Epoche stammen mit Abstand die meisten Funde.

In Skandinavien und ganz Europa gab es damals viel Mobilität, Waren aus dem Norden wie Rentiergeweihe oder Pelze waren auch in Mitteleuropa begehrt. Der lokale wie der Fernhandel nahmen stark zu, insbesondere über die neu entstandenen Städte an der Nord- und Ostsee und auch der Irischen See wie Bergen, Dublin, Aarhus oder Haithabu.

"Es sind überaus bemerkenswerte Funde", sagt der Archäologe James Barrett zu den Fundstücken. Hier zu sehen: ein Stift.

(Foto: Lars Pilø)

"Dieser bemerkenswerte Spitzenwert in der Nutzung zeigt, wie sehr selbst ein sehr abgelegener Ort mit dem allgemeinen wirtschaftlichen und demografischen Geschehen verbunden war", sagt Barrett. Dass der Pass auch regional eine wichtige Rolle für Wirtschaftssysteme spielte, zeigen Spuren von Grünfutter, die offenbar zwischen verschiedenen Tierweiden über den Lendbreen-Pass transportiert wurden und so die Hauptsiedlungen am Fluss Otta mit den höher gelegenen Sommerweiden verbanden.

Aufgrund von Schneeschuhfunden, auch für Pferde, gehen die Forscher davon aus, dass der Gebirgspass vor allem zu Zeiten genutzt wurde, als genügend Schnee und Eis das Geröll bedeckten. Anders als vergleichbare Alpenpässe der damaligen Zeit wie der Schnidejoch in der heutigen Schweiz war Lendbreen auch im Herbst und Winter offen. Der Pass verlor seine Bedeutung im 14. Jahrhundert. Forscher rätseln über die Gründe. Im Tal aber fanden sich aus dieser Zeit verlassene Siedlungen, die Schwarze Pest wütete um 1348 auch in Norwegen. Die kleine Eiszeit ab Anfang des 15. Jahrhunderts könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Aktuell haben die Forscher eher mit der Erwärmung zu kämpfen. Das Lendbreen-Eisfeld schmilzt derzeit extrem schnell. 2019 war hinsichtlich der Funde ein Rekordjahr. In diesem Jahr werden sie möglicherweise wegen der Corona-Krise nicht hoch zum Gebirgspass gehen können, also hoffen sie aktuell ausnahmsweise, das Eis möge nur langsam zurückgehen. Denn ohne den Schutz des Eises verwittern die organischen Überreste aus ihrer "Goldader" sehr schnell.

© SZ vom 18.05.2020/hmw
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