bedeckt München

Archäologie:Was antike Müllhaufen verraten

Ruinen der antiken Siedlung Nessana in der Negev-Wüste, Israel.

Vom Glanz vergangener Zeiten ist wenig übrig: Ruinen von Nessana

(Foto: Don Butler)

Jahrhundertealter Abfall von Siedlungen in der israelischen Negev-Wüste zeigt, warum diese einst blühenden Orte verlassen wurden.

Von Carina Seeburg

In einer kleinen Stadt inmitten der kargen Negev-Wüste pulsierte vor etwa 1500 Jahren das Leben. Theater, Kirchen, öffentliche Bäder - die rund 20 000 Einwohner von Elusa bildeten eine reiche Kulturgesellschaft. Heute sind dort nur noch Ruinen und Müllberge zu sehen, auf denen die Menschen über Jahrhunderte Bauschutt, zerbrochene Krüge, Essensreste und Mist abluden. Und noch immer finden Archäologen dort Tonscherben, Olivenkerne und Dungsedimente aus der Antike. Alles hochinteressantes Material für die moderne Müllarchäologie. Denn es war vor 1500 Jahren nicht anders als heute: Was eine Gesellschaft wegwirft, verrät viel über sie.

In diesem Fall könnten die Überreste das Rätsel lösen, warum die einst blühenden Ortschaften untergingen. Ein internationales Forscherteam hat dazu Abfallsedimente aus drei der sechs großen Negev-Siedlungen aus byzantinisch-frühislamischer Zeit untersucht: die Unesco-Weltkulturerbestätten Elusa und Shivta sowie das antike Dorf Nessana. Ebenso wie die Stadt Elusa wurden die beiden einst wohlhabenden Bauerndörfer Shivta und Nessana zwischen dem siebten und dem neunten Jahrhundert nach Christus verlassen. Dass die Abfallhügel, die ihre Mauern flankierten, seither nicht von neuen Siedlungen überdeckt wurden, macht sie für die Forschung besonders interessant.

Antiker Müllhügel vor Elusa. Negev, Israel

Die einstige Müllkippe von Elusa ist noch heute als sanfter Hügel in der Landschaft erkennbar.

(Foto: Guy Bar-Oz)

Aber was führte zum Niedergang der ehemals florierenden Städte? Während frühere Studien den Aufstieg des Islam Mitte des siebten Jahrhunderts, die Ausbreitung der Justinianischen Pest oder einen Klimaumschwung durch Vulkanausbrüche als mögliche Ursache erforschten, haben die Wissenschaftler in der aktuellen Studie in Plos One die Spuren in den Müllhügeln mit schriftlich festgehaltenen Veränderungen im Wirtschaftssystem der Städte abgeglichen. Große Klimaschwankungen in der Region halten die Forscher inzwischen für unwahrscheinlich.

Analysen von Sedimenten aus der Region legen nahe, dass das Negev-Hochland bereits seit mehr als 5000 Jahren trocken ist. "Auch Isotopenanalysen von Schaf- und Ziegenzähnen aus dem Negev zeigen eine unveränderte Futterqualität während der byzantinischen und frühislamischen Zeit, was auf Klimastabilität hindeutet", schreibt das Forscherteam.

Das Leben der Menschen in der Wüstenregion war karg und verlangte einen umsichtigen Umgang mit Ressourcen. "In den Müllhügeln des Negev gibt es Aufzeichnungen über das tägliche Leben der Bewohner", sagt Guy Bar-Oz, Zooarchäologe an der Universität Haifa.

Olivenkerne von einem Müllhügel in Elusa. Negev, Israel.

Auch Olivenkerne, die Menschen vor mehr als tausend Jahren ausspuckten, haben auf einem Müllhügel vor Elusa die Jahrhunderte überdauert.

(Foto: Guy Bar-Oz)

Trotz schlechter Bedingungen betrieben die Menschen inmitten der trockenen Negev-Wüste Ackerbau. Obstgärten, Terrassenfelder und Weinberge umgaben Dörfer und Städte. Byzantinische Texte loben den Gaza-Wein als süßen Weißwein, der aus dem Hafen von Gaza im Mittelmeerraum und darüber hinaus exportiert wurde. "Eine solche großflächige Landwirtschaft konnte nur durch eine umfassende menschliche Transformation und Pflege der Landschaft aufrechterhalten werden", schreibt das Forscherteam. Dazu gehörte ein kompliziertes Bewässerungssystem und nachhaltiger Dünger.

Hausmüll und Tierkot machten die Böden fruchtbar

Um aus Wüstenland Ackerland zu machen, verteilten die Menschen sowohl Hausmüll als auch Kot von Pflanzenfressern wie Schafen und Ziegen auf den Feldern. Entsprechend wenig Dung landete auf den Müllbergen, die sich an den Rändern der Ortschaften türmten.

Nahaufnahme von einem Müllhügel in Elusa / Negev, Israel.

Nahaufnahme von einem Müllhügel in Elusa.

(Foto: Guy Bar-Oz)

Heute besteht dieser uralte Abfall aus bunten Lehmschichten. Braune, gelbliche, rötliche, schwarze und graue Segmente wechseln sich ab. Meist ist der Lehm weich und schlammig, mal mit und mal ohne Kies. Etwa vom Jahr 550 an wurde in Elusa kaum mehr Müll entsorgt, offenbar wanderten die Menschen bereits ab. Nessana und Shivta hielten sich länger. Aber ihr Abfall veränderte sich bereits und dokumentiert den beginnenden Niedergang.

So nahmen die während der Blütezeit der Städte nur sehr geringen Mengen an Mistasche und Mistkugeln in spätbyzantinischer und frühislamischer Zeit stark zu. Die Menschen nutzten das in der Wüste so wertvolle Düngemittel in immer größeren Mengen als Brennstoff, teils verbrannten sie Rohmist sogar in großen Mengen auf den Müllhügeln. Kontrolluntersuchungen im Umland der Städte belegen zudem, dass der Dung auf immer weniger Flächen verteilt wurde.

Dieser Wendepunkt im Mistmanagement passt zusammen mit dem Inhalt von Schriftrollen aus frühislamischer Zeit, die in Nessana gefunden wurden. Sie belegen, dass die Dorfbewohner Mühe hatten, die steigenden Steuern zu zahlen, vor allem solche auf Ackerland und landwirtschaftliche Produkte. Nachdem auch noch christliche Pilgerreisen durch Nessana seltener wurden und Handelsnetze in der Region zusammenbrachen, war die marktorientierte Landwirtschaft schlicht nicht mehr rentabel.

"Die Entsorgung potenziell wertvoller Düngemittel zeigt, dass es kaum mehr einen Anreiz gab, Landwirtschaft über den privaten Bedarf hinaus zu betreiben", schreibt das Team um Bar-Oz. Der einstige Glanz der Siedlungen, die grünen Felder und Weinberge verkamen, immer mehr Menschen verließen die Region. Und irgendwann wurde auch in Shivta und Nessana kein Abfall mehr auf den Müllkippen abgeladen. Im Lauf des achten und neunten Jahrhunderts verließen auch die letzten Bewohner ihre Heimat. Zurück blieben verfallende Häuser - und der Müll.

© SZ/weis
Zur SZ-Startseite
Sonnenaufgang Ringheiligtum

SZ PlusArchäologie
:Das deutsche Stonehenge

Archäologen haben entdeckt, dass die Ursprünge des Ringheiligtums Pömmelte 6000 Jahre zurückreichen. Die Grabungsstätte entpuppt sich immer mehr als das deutsche Stonehenge, vergleichbar in Größe und Funktion.

Von Angelika Franz

Lesen Sie mehr zum Thema