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Archäologie:Hausmusik in der Höhle

Ein urgeschichtlicher Fund belegt: Bereits vor 35.000 Jahren haben die Schwaben regelmäßig geflötet. Dabei war die Musik vermutlich mehr als ein bloßer Zeitvertreib.

Was den Kunstsinn des frühen Menschen angeht, ist die Wissenschaft sich mittlerweile einig, dass dieser sich gerne nackte Frauenfiguren mit extrem vergrößerten Geschlechtsmerkmalen anschaute.

Regelmäßiges Musizieren: Bereits die Flötenspieler vor 35.000 Jahren hatten ein beträchtliches musikalisches Ausdrucksvermögen.

(Foto: Foto: ddp)

Umstritten war, wie er es mit der Musik gehalten hat. Viele Forscher bezweifeln etwa, dass zwei Löcher in einem Bärenknochen aus Slowenien tatsächlich belegen, dass sogar der Neandertaler bereits musiziert hat.

Jetzt vorgestellte Funde eines Forschungsteams um den Urgeschichtler Nicholas Conard von der Universität Tübingen bestätigen zumindest, dass der frühe Homo sapiens bereits vor über 35.000 Jahren vermutlich regelmäßig in die Flöte geblasen hat, zumindest auf der Schwäbischen Alb.

In der berühmten Fundstätte Hohle Fels, einer Karsthöhle im Achtal, 20 Kilometer westlich von Ulm, entdeckten die Forscher bereits im Sommer 2008 eine fast vollständige erhaltene Flöte aus dem Knochen eines Gänsegeiers, berichten sie in der neuesten Ausgabe des Fachmagazins Nature (online).

Das Instrument ist knapp 22 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 0,8 Zentimeter. Fünf Grifflöcher deuten darauf hin, dass die Höhlenflötisten bereits über ein beträchtliches musikalisches Ausdrucksvermögen verfügten.

Außerdem fanden die Wissenschaftler in der Höhle und im nahegelegenen Fundort Vogelherd Fragmente dreier Mammut-Elfenbeinflöten. Die Schichtlage und Radiokohlenstoffdaten deuten darauf hin, dass all diese Instrumente mindestens 35.000 Jahre alt sind.

Expansion dank Musik

Sie stammen demnach aus dem Aurignacien (40.000 bis 28.000 v. Chr.), der ältesten Kultur, die mit dem modernen Menschen in Verbindung gebracht wird. Sie sind vermutlich noch etwas älter als die Flöten, die seit 1973 in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren gefunden und ebenfalls dem Aurignacien zugeordnet wurden. Außerhalb der Schwäbischen Alb gibt es überhaupt keine allgemein akzeptierten Belege für Musikinstrumente, die älter als 30.000 Jahre sind.

Für die Wissenschaftler ist jedoch dieser Altersrekord weniger wichtig als die Tatsache, dass die neuen Entdeckungen belegen, dass die bereits bekannten Urzeit-Flöten keine einzigartigen Ausnahmefunde waren. "Wir können jetzt annehmen, dass Musik eine wichtige Rolle im Leben der Aurignacien-Menschen im Ach- und Lonetal in Südwestdeutschland gespielt hat", schreiben die Tübinger Urgeschichtler.

Der archäologische Kontext zeige, dass Musik bereits damals zur Alltagskultur gehört habe, denn die Flöten wurden zwischen großen Mengen von steinzeitlichem Hausmüll gefunden: Stein-Artefakten, Werkzeugen aus organischen Materialien, Jagdfauna und verbrannten Knochen.

Dennoch vermuten die Forscher, dass die Urzeitmusik mehr als ein reiner Zeitvertreib war: "Die paläolithische Musik könnte zum Unterhalt größerer sozialer Netzwerke beigetragen haben und hat derart vielleicht bei der demographischen und territorialen Expansion des modernen Menschen geholfen."

Womöglich hatten die Flötentöne auch etwas mit nackten Frauen zu tun: Die Knochenflöte wurde nur 70 Zentimeter entfernt von der "Venus vom Hohle Fels" gefunden. Diese gilt als älteste Frauenskulptur der Welt und wurde erst im vergangenen Monat von Conard der Öffentlichkeit präsentiert.

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